Glosse

Der Rest der Welt

Foto: Getty Images/iStockphoto

Die Welt wurde eindeutig von großen Menschen entworfen. Türklinken auf Schulterhöhe, Spiegel, in denen ich nur meine Stirn sehe, und Supermarktregale, die offenbar ausschließlich Produkte für Basketballspieler bereithalten. Wer unter 1,65 Metern misst, muss beim Einkaufen klettern oder hoffen, dass gerade ein Riese mitfühlend vorbeikommt.

Natürlich gibt es Vorteile. In überfüllten Zügen habe ich immer Platz. Bei Konzerten sehe ich zwar nichts, aber ich höre hervorragend. Und bei Gruppenfotos werde ich automatisch in die Mitte gestellt – wie ein Gartenzwerg mit sozialer Funktion.

Nun habe ich mir, findig, wie ich nun einmal bin, einige Hacks überlegt. Wie wär’s zum Beispiel mit hohen Absätzen? Obwohl, als ich zum letzten Mal Stilettos trug, blieb ich beim Aussteigen unten an der Autotür hängen, verlor das Gleichgewicht und landete mit dem Gesicht auf dem Pflaster, direkt vor der Venue einer sehr glamourösen Barmizwa. Die anderen Eltern bogen sich vor Lachen, und ich bin bis heute traumatisiert und trage nur noch Sneakers. Die Stiletto-Variante scheidet also aus.

Wie wäre es, wenn ich meinen Büro-Arbeitsplatz auf ein Podest montiere?

Aber wie wäre es, wenn ich meinen Büro-Arbeitsplatz auf ein Podest montiere? Alle Kollegen müssten dann zu mir aufschauen … und mein Chef, ebenfalls kleinwüchsig und komplexbeladen, würde mir was husten. Also auch keine gute Idee. Vielleicht bewege ich mich in Zukunft nur noch, elegant erhöht, per Sänfte durchs Leben? Und könnte dann gönnerhaft auf die ganzen Zwerge um mich herum herabschauen. Sehr reizvolle Vorstellung! Anscheinend kann man die Dinger auch sehr vorteilhaft im Internet mieten, zum Beispiel auf deine-saenfte.de. Aber im Verkehr ist so etwas dann ja doch eher unpraktisch, ich frage mich, bewegen sich Sänften eher auf dem Trottoir oder doch eher auf dem Radweg?

Meine Mutter meinte, das wäre alles reine Kopfsache, ich solle mich von meinen Minderwertigkeitsgefühlen befreien und darüber hinauswachsen. Leichter gesagt als getan. Das Kleinwuchs-Bashing ist allgegenwärtig, sogar auf Dating-Apps gibt es jetzt ein neues Feature, das es zahlenden Abonnenten erlaubt, eine Größenpräferenz in ihrem Profil anzugeben.
Und dank der neuen Swipe-Funktion heißt es dann immer öfter: Unter 1,80? Wisch und weg! Ja, wie krumme Karotten im Gemüseregal werden kleine Menschen in Dating-Apps jetzt einfach aussortiert! Und da soll man nicht verbittert sein.

Eine Freundin gab mir den Tipp zu einem Online-Seminar: »Mach dich breit! Raumgreifende Taktiken für kleine Frauen.« Ich habe mich natürlich gleich angemeldet. Lektion eins trägt den Titel: »Horizontal denken! Wie Sie maximalen Raum einnehmen und andere einfach aus dem Bild schieben.« Klingt sympathisch! Und ich freue mich schon auf Lektion zwei: »Vertikal eskalieren – wie Sie sich notfalls auf Tische stellen, um ernst genommen zu werden.« Falls das nicht reicht, gibt es bestimmt ein Aufbaumodul: »Laut atmen für Fortgeschrittene.« Es kann sein, dass demnächst enorm viel Raum um mich herum frei wird – und vielleicht wird das doch etwas einsam. Also, falls Sie sich dazugesellen wollen, Sie wissen ja, wo Sie mich finden.

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