»Babylon Berlin«

Der Gangster spricht Jiddisch

Freitagabend im Scheunenviertel. Abraham »Abe« Goldstein (Mark Ivanir), US-Gangster auf der Suche nach einem gestohlenen Diamanten namens »Blauer Rothschild«, ist zum Schabbes bei seiner Großfamilie in Berlin eingeladen. Wird er hier, im Kreis der frommen Verwandten, Frieden und Geborgenheit finden und von seinen Racheplänen ablassen? Oder werden die guten Ratschläge seines Onkels Jakob Grün (Moisej Bazijan) an ihm abprallen?

Goldstein heißt der dritte Rath-Krimi von Volker Kutscher, der die Vorlage für die vierte Staffel von Babylon Berlin geliefert hat. Im Herbst 2022 wurde diese Staffel der insgesamt bisher teuersten und erfolgreichsten deutschen TV-Serie beim Pay-Sender »Sky« gezeigt - erst jetzt, ein Jahr später, kommen die Gebührenzahler der ARD in den Genuss.

BESETZUNG In den Hauptrollen der zwölf neuen Folgen sind wieder bekannte deutsche Schauspielerinnen und Schauspieler wie Meret Becker, Lars Eidinger, Benno Fürmann, Hannah Herzsprung, Joachim Meyerhoff und Martin Wuttke zu sehen. Aber es sind nicht nur der Wiedererkennungswert und die Promis, die Staffel 4 von Babylon Berlin zu einem großen Fernseh-Event machen. Insgesamt wirkt auch die Handlung stringenter und für die Zuschauer nachvollziehbarer als noch bei der dritten Staffel und ihren Vorgängern.

Anders als Goldstein beginnt die erste Folge der vierten Staffel in der Silvesternacht 1930/31. Max Raabe singt den Schlager »Ein Tag wie Gold«. Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch)  tritt am Kurfürstendamm völlig unerwartet in SA-Uniform auf, während seine neuen »Kameraden« jüdische Geschäfte demolieren  – zum Entsetzen von Raths Assistentin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries), die ihm dort über den Weg läuft. Abraham Goldstein sitzt unterdessen im Zeppelin auf dem Weg aus den USA nach Berlin.  

TANZMARATHON Und während die Amüsiersüchtigen des Sündenpfuhls mitten in der schweren Wirtschaftskrise (beim berüchtigten »Damentanzmarathon« müht sich auch Charlotte Ritter ab) zunehmend verzweifelt wirken, das »Kabarett der Namenlosen« im Tanzhaus Moka Efti an niederste Instinkte appelliert, um die Kundschaft zu halten, die Berliner Bandenkriege sich zuspitzen, SA und SS sich bekriegen und Hitlers Machtergreifung näher rückt, wird Goldstein Zeuge eines Übergriffs auf seinen Onkel und – nicht ganz unerwartet – zum wehrhaften Helden.

Der israelische Schauspieler Mark Ivanir, geboren in Czernowitz und aufgewachsen in der Nähe von Bnei Brak (in Schindlers Liste von 1993 war er Marcel Goldberg), verkörpert in Babylon Berlin den Gangster Goldstein – mit finsterer Miene und schwerem Akzent. Eine gute Wahl ist auch Moisej Bazijan (72) als Goldsteins Onkel. Bazijan (bekannt durch seine Rolle als Dimas Opa in Masel Tov Cocktail von Arkadij Khaet) beherrscht die jiddische Sprache fließend.

Das im Film gesprochene Jiddisch ist für die Ohren deutscher Fernsehzuschauer leicht verständlich, was laut Mark Ivanir daran liegt, dass sowohl er als auch sein Schauspielerkollege Bazijan aus Czernowitz stammen. Und die Sprache wirkt »authentisch« genug, um den Schmuckhändler Jakob Grün als Sympathieträger und warmherzigen Gegenspieler zu Goldstein, dem Jäger des »Blauen Rothschild«, zu zeichnen.

»HANDLUNGSDIVERSITÄT« »Es würde nicht wirklich was fehlen, wenn der Blaue-Rothschild-Shuffle in der Handlungsdiversität fehlen würden«, schrieb der Berliner »Tagesspiegel« 2022 über die vierte Staffel von Babylon Berlin: Goldstein sei nicht der stärkste Rath-Roman von Volker Kutscher.

Das spielt aber für die TV-Serie keine Rolle. Diversität hin oder her, es sind die Szenen im Scheunenviertel, die mit zur Stärke dieser bisher besten Staffel von Babylon Berlin beitragen. Weil sie – im Jahr 1931 – diejenigen zeigen, die bald in Deutschland fehlen werden. Gewalt gegen Minderheiten, Wirtschaftskrise, Rechtsruck: Die Serie wirkt bei allen Unterschieden, die es glücklicherweise zwischen dem Deutschland der beginnenden 1930er-Jahre und dem Land von heute gibt, aktueller denn je.

»In ein paar Jahren haben Sie hier die Olympischen Spiele«, sagt Abraham Goldstein in Goldstein zu Kommissar Rath angesichts der SA-Angriffe auf dem Kurfürstendamm, die im Buch erst zum Schluss vorkommen. »›Bis dahin sollten Sie diese Schläger da oben im Griff haben.‹ ›Keine Sorge, bis zur Olympiade kriegen wir das schon hin‹, sagte Rath. ›So was wie heute passiert so schnell nicht noch einmal.‹« Zuletzt erschien der im Jahr 1936 spielende achte Rath-Krimi Olympia von Volker Kutscher, am 27. Oktober kam Band 9 auf den Markt.

Genügend Stoff jedenfalls für eine Fortsetzung von Babylon Berlin. Nachdem der Bezahlsender Sky aus der Produktion der Serie ausstieg, gab ARD-Degeto-Geschäftsführer Thomas Schreiber im Juni 2023 bekannt: »ARD Degeto, X Filme und Beta Film beauftragen die Entwicklung der fünften Staffel von ›Babylon Berlin‹«.

Die vierte Staffel von »Babylon Berlin« ist ab Freitag, 29. September 2023, in der ARD-Mediathek zu sehen. Am 1. Oktober werden vier Folgen im ARD-Fernsehen gezeigt, am 2., 3. und 4. Oktober laufen weitere Folgen im Free TV.

Volker Kutscher: »Goldstein«. Piper, München 2020, 574 S., 12 €. Zuerst erschien das Buch 2012 bei Kiepenheuer & Witsch.

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