Kürzlich las ich einen Artikel in der »New York Times«, dessen Überschrift allein mich stutzig machte. Es waren drei Wörter, gefolgt von einem Fragezeichen: »Too Many Books«, stand da. Gibt es so etwas?, fragte ich mich. Ist so etwas möglich, zu VIELE Bücher zu besitzen? Mich verwundern immer Zimmer, in denen eher zu wenige oder gar keine Bücher stehen, aber der junge Mann, um den es in dem Artikel ging, hatte eben ein Problem mit zu vielen Büchern. Beziehungsweise nicht er hatte ein Problem, sondern sein Vermieter, weswegen es wieder sein Problem wurde.
Mendel Uminer, ein junger Mann Anfang 30, aufgewachsen im chassidischen Teil von Crown Heights, war früh mit Büchern in Kontakt, aber anstelle der Tora war Mendel von Literatur fasziniert. Und über die Jahre hatten sich mir nichts, dir nichts so um die 10.000 Bücher bei ihm angesammelt.
55 Quadratmeter an der Upper East Side
Mit denen zog Mendel, ein Übersetzer hebräischer Texte, in eine 55 Quadratmeter große Wohnung an der Upper East Side. Irgendwann erhielt er einen Brief vom Vermieter, er möge entweder die Anzahl seiner Bücher reduzieren, da sie eine Verletzung der Wohnordnung darstellten – Stichwort Feuergefahr – oder ausziehen. Mendel dachte sich: Wie bitte?, zog vor Gericht und – na ja, letztendlich aus. Er wolle nicht an einem Ort sein, an dem er nicht erwünscht sei, hieß es in dem Artikel.
Also rief er Freunde an, die alle Bücher einpackten, und er stellte die Kisten bei seinen Eltern unter. Die Bücher bei Mama und Papa, das fiel mir sofort auf, waren viel besser sortiert als die bei ihm in der Wohnung.
Vielleicht hätte Mendel einfach nur noch ein Paar bessere Billy-Regale gebraucht?
Vielleicht hätte Mendel einfach nur noch ein Paar bessere Billy-Regale gebraucht? Oder irgendeine Art System: Das Alphabet soll sich ja ganz gut bei so etwas eignen oder Farben, wie bei der Edition Suhrkamp. Manche sortieren auch gern nach Themenbereichen, nach Buchgröße, nach Jahrzehnten – der Möglichkeiten gibt es viele. Bei Mendel Uminer lagen die Bücher, die nicht in die Regale gequetscht waren, zugegebenermaßen etwas unsortiert in der Wohnung herum.
Vielleicht störte das den Vermieter? Und die andere Frage: Woher wusste der Typ von den vielen Büchern Uminers? Wollte er sich einmal eines ausleihen und warf nebenbei einen Blick in die Wohnung? Denn Bücher machen ja an sich keinen Lärm, riechen nicht, geben keine Partys, bellen nicht. Sie stehen einfach nur so herum, in Mendels Fall lagen sie auch herum.
Er ist nicht allein
Er ist mit diesem Problemchen – also vermeintlich zu viele Bücher zu haben – übrigens nicht allein. Die vielleicht bekannteste New Yorkerin, die immer gut gelaunte Fran Lebowitz, sagte einst in Pretend It’s a City, einer Netflix-Doku von Martin Scorcese, dass sie wegen ihrer großen Menge an Büchern (es waren auch so um die 10.000) kein neues Apartment finden würde, weil sie sich von keinem der Bücher trennen könne.
Eventuell kann ihr Uminer einen Tipp geben, denn er fand eine neue Wohnung. Aber sie hätte bestimmt etwas zu meckern. Im Gegenzug könnte Lebowitz den Vermieter anrufen und fragen, was denn eigentlich sein Issue ist. Diese Unterhaltung wäre bestimmt ein eigenes Buch wert.