Reportage

Unter die Haut

Es ist einer dieser heißen Sommertage, an denen sich die halbe Stadt im Freibad trifft. In Wassernähe ist der Lärmpegel hoch, Schattenplätze unter den Bäumen sind rar, der Geruch von Sonnencreme und Pommes liegt in der Luft. Die meisten Menschen fühlen sich frei und unbeschwert und zeigen viel Haut. Unzählige Tattoos schimmern auf gebräunten wie hellen Körpern im Sonnenlicht: kleine Symbole, Schriftzüge und Sternzeichen ebenso wie großflächige Motive auf Rücken, Armen oder Beinen. Für die einen sind sie Kunst, für andere eine Erinnerung oder Ausdruck der eigenen Identität.

Auch für viele Jüdinnen und Juden ist ein Tattoo mehr als bloßer Körperschmuck. Eine von ihnen ist Karina. Sie ist an einem Sonntagnachmittag mit ihrem Mann und ihren Kindern in einem Züricher Freibad anzutreffen. Ihren rechten Knöchel ziert ein Notenschlüssel. »Musik war schon immer sehr zentral in meinem Leben. Ich habe lange Violine und Klavier gespielt, und mit 18 ging ich oft auf Rockkonzerte«, erzählt die heute 35-Jährige.

»Ihr sollt an eurem Körper keine Einschnitte machen noch euch Zeichen einritzen.« (3. Buch Mose)

Viele ihrer Freunde hätten damals noch kein Tattoo getragen, doch für sie war früh klar, dass sie eines wollte. Natürlich war es »kein Schnellschuss, aber vielleicht eine Form von Rebellion«. Karina wurde als Dreijährige Vollwaise und wuchs bei ihrer Tante in Riga auf. 1999 zog die Familie nach Deutschland. Ihre jüdische Herkunft sei zwar immer Teil ihres Lebens gewesen, sagt sie, »aber die Auseinandersetzung mit meiner jüdischen Identität erfolgte erst später«. Das war der Moment, wo sie die Entscheidung traf, sich ihre Herkunft auf den Rücken tätowieren zu lassen. Ihre Cousine in Israel erstellte die Vorlage dafür: trägt die Anfangsbuchstaben der Namen von Karinas Eltern, Großeltern und der Tante in hebräischen Lettern.

Seit dem 7. Oktober 2023 sieht man Karina nur noch selten mit einem rückenfreien Top

Keinen Moment habe sie gezögert, obwohl es wehtat. »Die Überwindung von Schmerz gehörte für mich damals dazu.« Genau wie die eigene Geschichte, die sie seither mit Stolz auf ihrem Rücken trägt – bis zum 7. Oktober 2023. Seither sieht man Karina nur noch selten mit einem rückenfreien Top. »Ich bin nicht mehr bereit, mich zu exponieren, sodass jeder auf der Straße sieht, dass ich jüdisch bin.« Die starke Sonneneinstrahlung im Hochsommer spielt ihr dabei in die Hände. Sie habe angefangen, im Schwimmbad UV-Shirts zu tragen.

An dem heißen Tag macht sie aber eine Ausnahme. Oberhalb des Badeanzugs sind die vertikalen hebräischen Buchstaben deutlich zu erkennen. »Ich würde sie niemals weglasern lassen«, sagt sie.

Die Entfernung einer Tätowierung mittels Laser ist kein trivialer Eingriff. »Die Möglichkeit der Entfernung wird unterschätzt. Sie benötigt meist viele Lasersitzungen. Das kostet, schmerzt und kann Narben und Pigmentverschiebungen hinterlassen«, sagt die Hautärztin Yael Adler. Zudem würden Farb- und Abbauprodukte nicht vollständig aus dem Körper entfernt.

Auch das Stechen selbst birgt Risiken. Neben Rötungen, Schwellungen und Wundschmerzen könne es zu bakteriellen Infektionen kommen, so die Dermatologin. Darüber hinaus verdecken Tattoos zuweilen Muttermale und neue Hautveränderungen und erschweren so die Krebsvorsorge.

Wichtig sei deshalb die Wahl eines professionellen Studios mit hohen Hygienestandards. Sterile Einmalmaterialien, eine fachgerechte Desinfektion der Haut und saubere Arbeitsbedingungen seien unerlässlich. Ein professionell gestochenes Tattoo mit regulierten Farben sei sicherer als eine Tätowierung unter unklaren Bedingungen. Vollständig risikofrei sei ein Tattoo jedoch nie, betont Adler.

In Deutschland und der Schweiz ist inzwischen etwa jede vierte bis fünfte Person tätowiert

In der Schweiz und in Deutschland ist inzwischen etwa jede vierte bis fünfte Person tätowiert. Während über Motive, Stilrichtungen oder die symbolische Bedeutung von Tattoos viel gesprochen wird, rücken die medizinischen Folgen oft in den Hintergrund.

Das galt auch für George. Als sich der Mittdreißiger vor ein paar Jahren sein erstes Tattoo stechen ließ, spielte die Frage nach möglichen gesundheitlichen Risiken für ihn kaum eine Rolle. »Aber mir war ein sauberes Studio sehr wichtig«, sagt er rückblickend. »Ich hatte keine konkrete Idee. Ein Totenkopf kam jedenfalls nicht infrage. Aber Tattoos faszinierten mich.« Der gebürtige Mannheimer erinnert sich, dass er erst ein Klebetattoo ausprobiert habe. Viel später habe er in seinem Wohnviertel eine Tätowiererin kennengelernt, die auf ihrer Website genau jenen Baum zum Stechen anbot, der ihm vor dem geistigen Auge vorgeschwebt habe. Gesagt, getan – und ja, es habe grauenhaft geschmerzt. Aber er war glücklich und versteht die Leute, die danach mehr wollen.

So wurde auch bei George aus dem einzelnen Baum ein Wald, umgeben von einer Bergkette. »Sie steht für das Überwinden von Grenzen.« Wegen seiner Diabetes-Erkrankung seien ausgedehnte Wanderungen lange nicht möglich gewesen. Heute symbolisiere das Tattoo das Erreichen seiner Ziele. Später kam noch die Silhouette eines Hundes hinzu. In seinem Arbeitsumfeld, dem Gesundheitswesen, seien Tattoos längst selbstverständlich.

Zu Lebzeiten seiner Großeltern, die den Holocaust überlebten, hätte George sich niemals tätowieren lassen

Zu Lebzeiten seiner Großeltern, die den Holocaust überlebt hatten, hätte er sich jedoch nie tätowieren lassen. Seine erste Tätowierung entstand erst während der Pandemie. Seinem Vater fiel sie zunächst gar nicht auf. »Irgendwann fragte ich ihn: Papa, siehst du, was ich hier habe?«

Auch Laura Trost kennt die Spannung zwischen persönlichem Wunsch und familiären Vorbehalten. Ihre Tattoos erzählen jedoch eine andere Geschichte – von jugendlicher Rebellion, Trauer und der Frage, welche Bedeutung Tätowierungen für Jüdinnen und Juden haben können. »Als ich mein drittes Tattoo stechen ließ, sagte mir meine Mutter: ›Das ist aber dein letztes.‹ Ich respektiere ihren Wunsch, doch insgeheim weiß ich, dass ich irgendwann ein weiteres machen lasse.« Vielleicht werde es ein Löwe. Ihr erstes war ein Steißbeintattoo. »Das habe ich mir mit 16 Jahren in Israel machen lassen«, erzählt sie. »Natürlich ohne die Erlaubnis meiner Eltern.« Das zweite, ein paar kleine Sterne auf der linken Hüfte, war ebenfalls Ausdruck einer rebellischen Phase.

Als ihr Vater vor neun Jahren starb, waren seine letzten Worte: »Whatever it takes.« »Diese Worte haben sich mir für immer eingebrannt. Ich wusste, dass ich sie in ein Tattoo umgewandelt haben wollte, aber ich habe lange überlegt, wo.« Der Unterarm, wo sie nun eingraviert sind, kam nicht sofort infrage. »Arme sind heikel, gerade für uns Juden«, sagt die 46-Jährige. Die Oma ihres Mannes trug einst eine KZ-Nummer auf dem Arm. Deshalb habe auch ihre Mutter Probleme mit Tattoos. »Sie findet, es gebührt sich für uns nicht. Auch wir haben einen Teil unserer Familie im Holocaust verloren. Mir ist dieses Erbe sehr bewusst«, sagt die Züricherin. Es sei vielleicht aus Respekt vor der jüdischen Geschichte, dass sich ihre Tattoos an Stellen befinden, die nicht sogleich zu sehen sind.

Laura Trosts Rücksichtnahme verweist auf eine Frage, die viele jüdische Menschen beschäftigt. Wie verhält sich der Wunsch nach einem Tattoo zu den religiösen Geboten des Judentums? Rabbiner Noam Hertig erklärt: »Genauso wie man den Schabbat nicht brechen oder das Fleisch unkoscherer Tiere nicht essen darf, soll man sich auch keine ätzende Schrift in die Haut einritzen. Im 3. Buch Mose steht: ›Ihr sollt um eines Toten willen an eurem Körper keine Einschnitte machen noch euch Zeichen einritzen; ich bin der Ewige.‹«

Weil der Körper im Judentum als ein Geschenk Gottes zu bewerten sei, müsse er unversehrt bleiben, sagt der Rabbiner

Zudem stelle sich die Frage nach Götzendienst, wenn man sich Abbildungen auf den Körper zeichnen lässt, und die Frage danach, wem der eigene Körper gehört. Der sei im Judentum als ein Geschenk von Gott zu bewerten, daher müsse er unversehrt bleiben. Doch auch Hertig weiß um die Realität: »Viele Juden haben eine starke jüdische Identität, halten sich aber nicht an die Tora.«

Die Gründe für oder gegen ein Tattoo sind so vielfältig wie das jüdische Leben selbst. Hertig erinnert sich an die Begegnung mit einem orthodoxen Mann in einer Mikwe in Safed in Israel. »Der Mann trug Kippa und Schläfenlocken und ein großes Tattoo auf seinem Rücken. Er wollte allein in die Mikwe gehen. Doch der dortige Rabbiner sagte ihm, er müsse sich weder schämen noch sein Tattoo verstecken. Im Gegenteil: Er sei ein Zaddik, ein Rechtschaffener, weil er zur Religion gefunden habe. Das hat mich damals beeindruckt.«

Die Gründe für oder gegen ein Tattoo sind so vielfältig wie das jüdische Leben selbst.

Der Züricher Rabbiner widerspricht damit auch verbreiteten Vorstellungen, wonach tätowierte Menschen nicht auf einem jüdischen Friedhof beerdigt werden könnten oder vor einem Übertritt zum Judentum ihre Tattoos entfernen lassen müssten. »Niemand wird deshalb sanktioniert.«

Über die religiösen Gebote hat sich Diana Weil nie Gedanken gemacht. Die junge Frau trägt drei Tattoos, darunter einen Papierflieger. Obwohl auch Mitglieder ihrer Familie in der Schoa ermordet wurden, verband sie Tätowierungen nie mit dieser Geschichte. »Meine Schwester war vor mir tätowiert. Und mir gefällt es einfach.« Ihre Tattoos liegen an unauffälligen Stellen. »Ich weiß nicht, ob meine Mutter weiß, wo sie sind. Und das ist vermutlich auch gut so.«

Heute ist Diana Weil selbst Mutter von zwei Söhnen. Sollten sie sich eines Tages tätowieren lassen wollen, rät sie ihnen, sich die Entscheidung gut zu überlegen: »Es bleibt für immer. Man muss sich mit dem identifizieren können, was man sich auf die Haut stechen lässt.« Ganz abgeschlossen ist ihre eigene Sammlung allerdings wohl noch nicht. Lachend sagt sie: »Gut möglich, dass nach den Sommerferien ein weiteres Tattoo dazukommt.« Vielleicht fällt es dann erst im Schwimmbad jemandem auf.

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