»Babylon Berlin«

Tanz auf dem Vulkan

Das Serienbusiness hat sich beschleunigt: In Zeiten des Streaming guckt sich der Zuschauer seine Staffeln gern komplett an – zum Bingewatchen. Damit sind auch die Erwartungen an die Kritik gestiegen. Die Sender stellen aber für die Vorberichterstattung in der Regel nur ein paar Episoden zur Verfügung. Und im Fall von Babylon Berlin fängt die Sache nach vier Folgen erst an, richtig gut und über weite Strecken auch furios zu werden.

Das Projekt wirkt glamourös, es eilt ihm ein großer Ruf voraus. Die Verkaufsargumente lauten: teuerste deutsche Serie aller Zeiten mit einem Budget von 40 Millionen Euro; finanziert unter anderem durch die Zusammenarbeit – auch das ein Debüt – zwischen öffentlich-rechtlichem und Bezahlfernsehen, konkret von ARD und Sky, weshalb seit dieser Woche alle Folgen der ersten Staffel in der ARD-Mediathek abrufbar sind.

Stars Ein weiteres Verkaufsargument: Geschrieben und umgesetzt wurde die Serie von dem deutschen Hollywoodexport Tom Tykwer, von Hendrik Handloegten und Achim von Borries nach einer Vorlage des Bestsellerautors Volker Kutscher. Vor der Kamera steht ein prominenter Cast, darunter Lars Eidinger, Peter Kurth, Hannah Herzsprung, Benno Fürmann und Karl Markovics, um nur einige zu nennen. Man kann sich schon vorstellen, dass da ein gewisser Druck auf den Schultern der Produzenten lastet.

»Atmen sie ganz tief ein und wieder aus«, schnurrt denn auch gleich zu Beginn der ersten Folge von Babylon Berlin ein Hypnotiseur. Was das Mantra der Produzenten sein könnte, markiert den Einstieg ins Geschehen. Es folgt ein assoziativer Bilderreigen voller zukünftiger Ereignisse, später dann eine Kreis-Aufblende – dieses nostalgische Schmankerl wird am Anfang jeder Folge stehen – und man ist mittendrin im Berlin des Frühjahrs 1929, die »Golden Twenties« liegen in den letzten Zügen – und in gewisser Weise ist der Wechsel von diesem freien, vibrierenden, schnelllebigen Berlin hin zum sich immer mehr ankündigenden Erfolg der Nationalsozialisten zu spüren.

Der Titel der Serie ist Programm: Dieses Berlin ist ein Moloch; Sünde, Korruption und Gewalt lauern, wie im Mythos um die biblische Stadt, hinter jeder Ecke. Hauptfigur ist der vom Ersten Krieg traumatisierte Kölner Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch), der in der Hauptstadt Jagd auf einen Pornoring und dessen Hintermänner macht.

Genitalien An seiner Seite Bruno Wolter von der Sitte, gespielt vom erneut fantastischen Peter Kurth, der mit seiner Berliner Schnauze immer einen Spruch parat hat: »So, meine Damen und Herren, alle in der Reihe aufstellen, die Genitalien eingesammelt und Schnauze dicht.«

Dann sind da noch die hübsche und selbstbewusste Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries), die sich und ihre verarmte Familie mit Gelegenheitsjobs bei der Polizei und unmoralischen nächtlichen Aktivitäten über Wasser hält, eine Horde roter Russen, die einen Zug mit wichtiger Ladung erwartet und dabei verschiedene zwielichtige Interessen verfolgt, ein korrupter Restaurantchef und ein schmarotzender österreichischer Autor.

Nicht zu vergessen der schrullige Kölner Apotheker, der sich über seine frigide Charlottenburger Ehefrau aufregt: »Ja, die tun ja immer ganz freizügisch, aber gegen ne eschte Kölner Mu können Sie die alle vergessen!«

sünde Ein wahres Personenpanoptikum, das da in den ersten Folgen vorgestellt wird, in dem immer wieder auch jüdische Figuren und Reminiszenzen an die große jüdische Gemeinschaft im Berlin der 20er-Jahre auftauchen. Tykwer, Handloegten und Borries lassen die einzelnen Fäden der Geschichte mit teils geschicktem Suspense von der Rolle, den einen mehr, den anderen weniger, es gibt Überkreuzungen und parallele Entwicklungen, ganz im Geiste der großen horizontal erzählten Serien von der anderen Seite des Atlantiks.

Mit treibender Dynamik wechseln die Orte und Personen, wird das am Zenit der Industrialisierung stehende Berlin Stück für Stück reanimiert, im Zeitgeist ein Pendant etwa zur englischen Serie Peaky Blinders, die das Birmingham der 1920er Jahre wiederauferstehen lässt. Gedreht wurde Babylon Berlin größtenteils im Studio Babelsberg vor den Kulissen von Tykwers Stammszenenbildner Uli Hanisch.

Gerade im Pilotfilm wird verdammt groß aufgefahren. In dieser Etablierungsphase, die viele Serien auf ihre eigene Art und Weise benötigen, bevor es in einen inhaltlich und ästhetisch gesetzteren Gang geht, baut das Regietrio ein ums andere Mal auf Budenzauber und überdosiert einige Ingredienzien. Da gibt es etwas zu viel Sünde und gewollt coolen hardboiled Charme, ein paar unnötige Klischees, einige früh vorher­sehbare und dennoch bedeutungsaufge­ladene Entwicklungen und einen Hang zur Befriedigung der Schaulust, der nicht immer sein Ziel erreicht.

Erzählung Etwa in jenem Moulin-Rouge-Moment, in dem eine verruchte Frau in Frack und Hut vor synchron tanzendem Publikum »Zu Asche, zu Staub, dem Licht geraubt« in Retro-Rammstein-Manier ins Mikro haucht und dabei von einem lüstern dreinblickenden Lars Eidinger samt Alibileberfleck begafft wird. Das sieht gut aus, wirkt aber affektiert und dadurch unfreiwillig komisch.

Und doch ist alles das spannend anzusehen, weil die vielen interessanten Charaktere, Handlungsfäden und historischen Verbindungen, etwa mit den Arbeiterprotesten, die als »Blutmai« in die Geschichte eingingen, ein starkes Fundament für eine ausgedehnte Erzählung bieten, die schließlich ihren optimalen Modus zu finden scheint.

Man spürt förmlich das Durchatmen in einer wunderbaren Szene, in der zunächst ein Junge seinen taubstummen Eltern einen Radiobeitrag übersetzt und dann Gustav Mahlers »Ich bin der Welt abhanden gekommen« zur akustischen Klammer für das visuelle Nebeneinander der verschiedenen Akteure wird. Ein Ruhepol voller Poesie in einer Serie, die zu etwas Größerem werden könnte.

Alle Folgen der ersten Staffel sind in der ARD-Mediathek abrufbar.

München

Simon Rattle bleibt bis 2033 Chef des BR-Symphonieorchesters

»Symphonischer Hoagascht« oder »Singen mit Sir Simon« hießen Projekte, die Sir Simon Rattle eingeführt hat. Die Arbeit mit dem Symphonieorchester des BR und seinem Chor sagt dem Chefdirigenten zu. Er hat nun verlängert

von Barbara Just  08.10.2026

Adania Shibli

Plattitüden in Romanform

Auch das zweite auf Deutsch erschienene Buch der palästinensischen Autorin weist einen holzschnittartigen Charakter auf

von Enno Stahl  08.10.2026

Prag

Spätes Debüt

Der Schriftsteller Eli Beneš gilt als bekannteste literarische Stimme der Juden in Tschechien. Sein Roman über einen Schoa-Überlebenden machte ihn zum preisgekrönten Autor. Eine Begegnung

von Kilian Kirchgeßner  08.10.2026

Literatur

»Es gibt zwei Seiten«

Zur Frankfurter Buchmesse ruft die israelische Autorin Orna Landau gegen den Boykott von Büchern auf: »Entscheidet euch für Wissen«

von Ayala Goldmann  08.10.2026

Literatur

Geistige Freiheit

Tschechien ist Ehrengast der Buchmesse. Unser Autor erinnert an die Zeit nach dem Prager Frühling, als Bücher in seiner Heimat als »Samisdat« im Untergrund erschienen

von Jan Faktor  08.10.2026

Nahost

Die Geschichte eines Krieges

Shahrzad Eden Osterer und Richard C. Schneider analysieren den Konflikt zwischen Israel und Iran – und die Rolle der involvierten Proxy-Armeen

von Eva M. Grünewald  08.10.2026

7. Oktober

Maxim Biller und die Barbaren

In »Schwarze Samstage« kämpft der Schriftsteller mit den Folgen des Massakers in Israel – und zieht eine harte Linie zwischen Juden und »Gojim«

von Tobias Kühn  07.10.2026

TV-Tipp

»Phoenix« - herausragender Film über eine Holocaust-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  07.10.2026

Programm

Musikalische Crossovers, Kontroverse, Krimi und Krav Maga: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 8. Oktober bis zum 14. Oktober

 07.10.2026