Ethik

Der Weg zum Glück

Foto: Getty Images7 Montag: Clara Wischnewski

Es gibt Dinge im Leben, die wir selbst bestimmen können oder auf die wir zumindest Einfluss haben. Und es gibt Dinge, die sich unserer Kontrolle entziehen. In der Psychologie spricht man hier von Einflusskreisen. Leider verschwenden viele Menschen enorm viel Energie auf den Versuch, Dinge oder Situationen zu ändern, die sich nicht oder nur schwer verändern lassen: unsere Eltern zum Beispiel, das Wetter, den Stau. Diese Menschen sind unglücklich und leiden daran, dass die Umstände nicht so sind, wie man sich das wünschen würde.

Um glücklicher zu werden, sollten wir unsere Aufmerksamkeit auf das richten, was wir tatsächlich selbst bestimmen, beeinflussen und verändern können: unser Denken, Handeln und Fühlen, unsere körperliche Fitness, den Arbeitsplatz, Beziehungen, unseren Freundeskreis oder die Art und Weise, wie wir unsere Kinder erziehen. Den emotionalen Umgang mit dem Unveränderbaren zu erlernen, ist der Königsweg zum Glück. Oder umgekehrt: Wer das Unabwendbare abwenden will, ist auf dem besten Pfad Richtung Unzufriedenheit unterwegs.

Freiheit des Willens, Wille zum Sinn, Sinn des Lebens

Viktor Frankl gründete die Logothera­pie auf den folgenden drei Säulen: der Freiheit des Willens, dem Willen zum Sinn und dem Sinn des Lebens. Auch wenn ich an einer bestimmten Situation nichts ändern kann, obliegt es mir, wie ich die Situation annehme und in welcher Haltung ich ihr gegenübertrete. Nach Frankl müssen wir uns klarmachen: Jeden Tag stellt uns das Leben eine einmalige Frage, die nur wir selbst beantworten können. Was heißt das genau? Bei trivialeren Dingen: »Was in fünf Jahren nicht wichtig ist, ist heute auch nicht wichtig.« Der Riss im Smartphone, der verlorene Schlüssel, der verpasste Zug: Ja, das sind ärgerliche Dinge. Aber sie sind meist nicht wirklich wichtig, zumindest nicht auf lange Sicht.

Ein weiterer Leitsatz Frankls lautet: »Je größer der Baum, desto größer sein Schatten.« Wer wächst, wer Karriere macht, wer Führungspositionen einnimmt, stößt automatisch auch auf Kritik, Neid und offene Ablehnung. Wir müssen lernen, dies zu akzeptieren. Wir sollten darüber nicht zum »People Pleaser« werden und versuchen, es jedem irgendwie recht zu machen. Denn wer allen gefallen will, versäumt es, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Es gilt, den eigenen Schatten zu akzeptieren, anstatt sich ständig dafür zu rechtfertigen oder gar zu versuchen, ihn zu reduzieren.

Das Unveränderbare zu akzeptieren, ist für uns die wohl größte Aufgabe.

Auf einer viel existenzielleren Ebene: Je mehr Sinnhaftigkeit ich in unveränderbarem Leid erkenne, desto kleiner wird die Trauer und Hoffnungslosigkeit. Frankl verlor fast seine gesamte Familie in der Schoa und überlebte Auschwitz und andere NS-Lager. Doch es gelang ihm, diese brutalsten Schicksalsschläge zu verarbeiten. Seine Erkenntnis: Trotz Krieg, Krankheit und Tod kann ein Mensch Sinn finden.

»Das Leben ist wie eine Fotografie – es entwickelt sich aus einem Negativ«

Frankl hatte einen Patienten, der wegen einer Querschnittslähmung plötzlich im Rollstuhl saß. Dieser Mann entdeckte neuen Lebenssinn darin, anderen Rollstuhlfahrern zu helfen. Diese Fähigkeit ist vielleicht die höchste Leistung, zu der ein Mensch fähig ist. Das Bild ist womöglich im digitalen Zeitalter nicht mehr geläufig, stimmt aber trotzdem noch: »Das Leben ist wie eine Fotografie – es entwickelt sich aus einem Negativ.« Aus negativen Ereignissen lernen wir. Sicher, Krisen sind nicht angenehm. Aber oft sind sie der Auslöser für Veränderungen. Wer den eigenen Schmerz als Entwicklungsschritt versteht, wächst an ihm.

Oft fragen wir uns selbst: »Was hast du denn erreicht im Leben?« Wir knüpfen das oft an äußere Erfolge oder daran, wie die Gesellschaft »Erreichen« bewertet. Doch wahres Glück liegt nicht zwingend im Erreichten. Es liegt auch im Gelebten. Wir sollten uns fragen: Nutze ich mein Leben? Dabei zählt nicht die Bewertung anderer, sondern nur der Einklang mit sich selbst. Ob wir glücklich sind oder nicht, hängt auch oft mit unserer Bewertung zusammen.

Oft machen wir uns selbst das Leben schwer. Wir fühlen uns schuldig. Ein Beispiel: Mein Chef will von mir wissen, was ich vom neuen Kollegen halte. Ich antworte ihm ehrlich: nicht viel. Der Neue ist für die Aufgabe nicht qualifiziert. Ein paar Tage später entlässt der Chef den Mitarbeiter. Und ich? Ich fühle mich schuldig. Warum eigentlich? Ich habe die Kündigung zwar verursacht, aber ich trage nicht die Schuld! Anstatt mich mit Schuldgefühlen zu plagen, sollte ich mich fragen: Habe ich etwas Falsches gesagt oder getan – oder in Wahrheit nicht etwas Richtiges ausgelöst?

»Jeden Tag stellt dir das Leben eine einmalige Frage«: Wir haben als Menschen die Freiheit, eigene Antworten auf Fragen des Lebens zu geben. Auch in Situationen, die wir uns nicht ausgesucht haben. Diese Freiheit ist der Kern eines sinnhaften Lebens!

Der Autor ist Psychotherapeut und lebt in Zürich..

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