Kulturkolumne

Bilder, die bleiben

Miriam Weissenstein, Witwe des Fotografen Rudi Weissenstein, und Highlights von »Prior« Foto: picture-alliance/ dpa

Der orthodoxe Mann mit Pejes, der an meine Wohnzimmerwand gelehnt steht, starrt mir entgegen. Es ist ein altes Bild eines Charedi, der seine Zigarette lässig im Mundwinkel hält und aussieht, als wäre er geübt darin. Das ursprüngliche Schwarz-Weiß-Foto ist wie eine Werbung grafisch nachbearbeitet und trägt einen Schriftzug: Haikar habriut. Hauptsache gesund.

Das Foto stammt aus einem der vielleicht bedeutendsten Bildarchive Israels: dem »Prior Photo House« (Zalmania), gegründet vom Fotografen Rudi Weissenstein und seiner Frau Miriam. Er war in den 30er-Jahren in den Jischuw ausgewandert und dokumentierte die Gründungsphase Israels.

Ikonische Momente

In seinen Bildern hielt Weissenstein ikonische Momente fest, die nicht mehr aus dem kollektiven Gedächtnis des Staates Israel wegzudenken sind: David Ben Gurion am 14. Mai 1948 in der Independence Hall oder beim Feldenkrais-Kopfstand. Nahezu alle Politiker, beispielsweise Golda Meir, als sie auf einer Box stehend eine Ansprache hält, wurden von ihm ebenso fotografisch erfasst wie auch die Entwicklung Tel Avivs, Kriege, Kinder in einer Schule, Ernte im Kibbuz oder eben seine Frau, die Tänzerin Miriam.

Und während der Charedi mich anstarrt, starre ich auf mein Handy und verfolge die Instagram-Story von Alex Farfuri, die an diesem Montagmorgen die Zerstörung durch einen Raketentreffer im Zentrum zwischen der Allenby- und der Ben-Jehuda-Straße in Tel Aviv zeigt.

Es handelt sich um einen unermesslichen Schatz in einer Welt, in der alles überall und in Echtzeit abrufbar ist – aber eben nicht unbedingt echt.

Auf einem Slide ist das Prior Photo House zu sehen, dieser aus der Zeit gefallene Laden, in dem ich das Bild gekauft habe, das mich in meinem Wohnzimmer anschaut. Die Druckwelle hat die Frontscheibe nach innen gedrückt und zerborsten, das Geschäft verwüstet. Das Ganze wirkt eher wie ein Einbruch. Bilder, Postkarten und Prospekte sind auf dem Boden verstreut, als hätte jemand darin herumgewühlt.

Alex Farfuri und ihre Kamera

Alex Farfuri, die man immer mit ihrer Kamera durch Tel Aviv laufen sieht und die seit Beginn der Antiregierungsproteste und seit dem 7. Oktober 2023 eine riesige Followerschaft auf Instagram erreicht, weil auch sie ein Gespür für die wichtigen Momente hat und die Menschen mit ihrem unvoreingenommenen Blick einfängt, dokumentiert am Morgen des 16. Juni das verwüstete Fotoarchiv der Familie Weissenstein-Peter.

Ben Peter, der Enkel von Rudi und Miriam, führte die Zalmania nach dem Tod seiner Großmutter weiter – Familienkatastrophen, Zwangsräumung oder Pandemie zum Trotz. Der Dokumentarfilm Life in Stills erzählt genau diese Geschichte.

Und jetzt, wo die Fotos auf dem Boden des Prior Photo House zerstreut herumliegen, wird klar, um was für einen unermesslichen Schatz es sich handelt in einer Welt, in der alles überall und in Echtzeit abrufbar ist – aber eben nicht unbedingt echt. Die Bilder von Rudi Weissenstein oder Alex Farfuri, die festhalten, was in diesen Momenten – historisch und alltäglich – geschieht: Es sind die Bilder, die bleiben.

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