Trend

»Demokratische Energie«

Nicht unumstritten, aber nie um eine Prognose verlegen: Jeremy Rifkin Foto: dpa

Herr Rifkin, Sie haben kürzlich in Berlin mit der Bundeskanzlerin über die »Dritte Industrielle Revolution« gesprochen. Konnten Sie sie überzeugen?
Frau Merkel ist sehr interessiert und hat in ihrer Partei noch viel Überzeugungsarbeit vor sich. Ich habe vor allem meine »Fünf-Säulen-Theorie« erläutert und ihr gesagt, dass Deutschland die besten Voraussetzungen habe, sie als erstes Land zu verwirklichen. Ich habe ihr die glänzenden wirtschaftlichen Perspektiven eröffnet. Vor allem habe ich auch gesagt, dass jeder neue Entwicklungsschritt der Industriegesellschaft an zwei Neuerungen gekoppelt war: die gleichzeitige Einführung einer neuen Energieform und einer neuen Kommunikationstechnik.

Sie sprachen von fünf Säulen. Können Sie das näher erklären?
Diese fünf Säulen sind: erstens der Umstieg auf erneuerbare Energien; zweitens die Umwandlung des Baubestands in »Mikrokraftwerke«, die die erneuerbaren Energien vor Ort erzeugen; drittens die Entwicklung von Speichertechnologien, vor allem die Umwandlung von Energieüberschüssen in Wasserstoff; viertens die Nutzung der Internettechnologie zum »Intergrid«, also zur Umwandlung des Stromnetzes in ein Energy-Sharing-Netz, über das lokale Überschüsse der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden; und fünftens die Umstellung der Transportflotten auf »Steckdosen«- und Brennstoffzellenfahrzeuge. Jede dieser Säulen kann nur in Verbindung mit den anderen funktionieren.

Ist das angesichts der Preise und Kosten nicht reine Utopie?
Es ist eine realisierbare Vision. Die Preise für Energie aus fossilen Brennstoffen steigen mit deren Verknappung und dem explodierenden Bedarf der neuen Märkte. Die Preise für die Technologien der Dritten Industriellen Revolution sinken dagegen mit wachsenden Stückzahlen. Denken Sie an die Entwicklung der Preise für Taschenrechner. Die Kosten für die sichere Beherrschung von Atomenergie und sichere Endlagerung von Atommüll und auch für die unabsehbaren Folgen der klimatischen Biosphärenkatastrophe werden in nächster Zukunft auf die herkömmlichen Energiekosten umgeschlagen werden. Und denken Sie an die Millionen Arbeitsplätze, die die Dritte Industrielle Revolution schaffen wird.

Verändert das nicht die ganze Gesellschaft, und zwar in aller Welt?
Die in multinationalen Energiekonzernen zentralisierten Entscheidungen werden dezentralisiert. Die Sonne ist ein absolut demokratischer Energieträger, Wind ebenfalls. Der Widerstand der »alten« Großkonzerne wird enorm sein. Aber alle Volkswirtschaften der Welt werden von dieser Dritten Industriellen Revolution profitieren. Und die Voraussetzungen in Deutschland sind angesichts der fortgeschrittensten Entwicklung »neuer« Energietechnologien glänzend. Wir dürfen nur den Grundgedanken dieses neuen Narrativs nicht aus unserem Fokus verlieren.

Sie sprechen in Ihrem neuen Buch von »lateraler Macht«. Was ist das?
Wir werden von der Globalisierung zur »Kontinentalisierung« übergehen, also zu den Einheiten zurückkehren, die von den digitalen Stromnetzen überspannt werden. Wir werden »Rechts« und »Links« nicht mehr kennen, die alte Machtelite wird abdanken und durch ein soziales Unternehmertum (jedes Gebäude wird ein kleines Elektrizitätswerk) ersetzt. Das Finanzkapital wird durch ein neues soziales Kapital ersetzt. Wir werden vieles neu lernen müssen und vor allem dezentral wirtschaften, arbeiten und leben. Und wir werden auch die Probleme der armen Länder in den Griff bekommen – auch über ihnen scheint die Sonne und in ihnen weht der Wind. Vieles ist übrigens längst auf den Weg gebracht, vor allem in Europa. Auch darüber schreibe ich in meinem Buch und lege Zahlen und Berechnungen von unabhängigen Stellen vor. Und die Überzeugungskraft dieser Vision wird die Dritte Industrielle Revolution durchsetzen, wenn wir keine der fünf Säulen aus unserem Fokus verlieren.

Das Gespräch führte Harald Loch.

Jeremy Rifkin: »Die dritte industrielle Revolution. Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter«. Aus dem Englischen von Bernhard Schmid, Campus, Frankfurt am Main 2011, 302 S., 24,99 €

Jeremy Rifkin ist Soziologe, Wirtschaftswissenschaftler und Publizist. In Deutschland wurde er vor allem durch sein Buch »Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft« (1997) bekannt. Immer wiederkehrende Themen seiner Forschung sind Globalisierung, Ökologie und Arbeitswelt. Der 1945 geborene Amerikaner war als Berater für die Europäische Kommission, das Europäische Parlament sowie für verschiedene europäische Regierungschefs tätig. Rifkins Theorien werden in der akademischen Welt äußerst kontrovers diskutiert.

München

Drinnen redet ein Palästinenser, draußen wird er mit »Free Palestine«-Rufen niedergebrüllt

In der bayerischen Landeshauptstadt fand eine Medienkonferenz mit prominenten Teilnehmern statt, gegen die es im Vorfeld Boykottaufrufe gab. Redner beklagten die zunehmende Polarisierung

von Michael Thaidigsmann  17.09.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  17.09.2026

Streaming

Gal rennt

In »The Runner« läuft eine Mutter um das Leben ihres Sohnes. Nur der Film, der daraus entstanden ist, ist eher zum Weglaufen

von Katrin Richter  17.09.2026

Kulturkolumne

Von Trotteln und Pavianen

Warum Humorfasten an Jom Kippur nicht angesagt ist

von Eugen El  17.09.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  16.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  16.09.2026

Programm

Vernissagen, Workshops und eine Zeitreise ins Berlin von »Babylon Berlin«: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 17. September bis zum 30. September

 16.09.2026

Gaza-Krieg

Der falsche Genozidvorwurf

Der US-Historiker Jeffrey Herf widerspricht seinem viel zitierten israelischen Kollegen Omer Bartov. Eine Klarstellung

von Jeffrey Herf  16.09.2026

Gegen Vorurteile

Über Tattoos, Sport und die Frage, was eigentlich koscher ist - Neuauflage eines Projekts zu jüdischem Leben

Vorne Fotos, hinten Erklärtexte und QR-Codes: Eine neue Box mit Material zu jüdischem Leben in Deutschland ist erschienen. Gedacht ist sie für Schule oder Erwachsenenbildung - und als Beitrag gegen Antisemitismus

von Leticia Witte  16.09.2026