New York

Art Garfunkel: »Ich bin ein Sänger«

Art Garfunkel Foto: picture alliance / teutopress

Er hat Mathematik unterrichtet, ist zu Fuß durch halb Europa gewandert und hat mit Paul Simon Musikgeschichte geschrieben. Doch, wie er selbst sagt, kommt am Ende alles wieder auf eine Sache zurück: das Singen. In einem ausführlichen Gespräch mit »The Guardian« blickt Art Garfunkel, mittlerweile 84 Jahre alt, auf ein Leben zurück, das weit über die gemeinsame Zeit mit Paul Simon hinausreicht.

Bis vor gut einem Jahr stand Garfunkel kaum noch auf der Bühne, seit 2019 hatte er überhaupt nicht mehr getourt. Ausgelöst habe die Rückkehr eine Art Selbstbefragung, erzählt er: »Ich fand mich auf einem Kissen liegend wieder, in einem traumähnlichen Zustand, und dachte über den Sinn des Lebens nach. Was ist mein Tag? Was soll ich mit mir selbst anfangen?«

Die Antwort fand er, indem er sich fragte, was ihn in seinem Leben tatsächlich glücklich gemacht hatte: seine Frau Kathryn, die er 1985 kennenlernte – und das Singen, vor allem jener Moment während eines Auftritts, in dem es sich mühelos anfühle und man »diesen Höhepunkt reiner Freude« erreiche. Ein befreundeter Galerist habe ihm daraufhin vorgeschlagen, es einfach einmal auszuprobieren, vor kleinem Publikum zu singen und Geschichten zu erzählen. Das Ergebnis überzeugte ihn sofort: »Es hat funktioniert. Nach drei Abenden dachte ich: Das mache ich jetzt wieder.«

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Der Junge, der im Treppenhaus sang

Für »The Guardian« erinnert sich Garfunkel auch an seinen allerersten Auftritt – im Alter von fünf Jahren, ganz ohne Publikum. »Ich sang immer zum Radio mit. Dann, eines Tages, verließ ich den Kindergarten – das Treppenhaus hatte einen wunderbaren Hall – und fing an, für mich selbst zu singen. Ich bekam Gänsehaut, weil meine Stimme schön war. Ich hatte mehr Spaß als je zuvor, und mir wurde klar: Ich bin ein Sänger.«

Seine erste öffentliche Darbietung folgte Jahre später bei einem Talentwettbewerb in der Grundschule – beobachtet von einem gewissen Paul Simon, der dieselbe Schule besuchte. Die beiden wurden schnell unzertrennlich und nahmen ihre ersten Harmonien im Keller der Familie Garfunkel in Queens auf einem Drahttonbandgerät auf. »Das war noch vor den Tonbändern«, erzählt Garfunkel. »Wir nahmen unsere Harmonien auf und legten dann eine weitere Schicht darüber. Wir waren sehr jung, aber wir lernten zu produzieren.«

Von seiner Detailversessenheit im Studio erzählt Garfunkel ebenfalls: Für Bridge Over Troubled Water habe er sage und schreibe 300 Anläufe aufgenommen, bis das Ergebnis stimmte. Seine Erklärung dafür ist so schlicht wie bezeichnend: »Was auch immer man tut, man muss es gut machen. Warum nicht versuchen, der Beste der Welt zu sein, einfach zum Spaß?«

Von Westirland nach Istanbul

Dass die Partnerschaft mit Simon dennoch zerbrach, führt Garfunkel unter anderem auf alte Verletzungen zurück. In seinen Memoiren gesteht er, Simon nie ganz verziehen zu haben, dass dieser 1958 ohne ihn eine Single aufnahm. Über die Jahre der Funkstille und die vorsichtige Wiederannäherung spricht er im Gespräch zurückhaltend, aber offen: Vor etwa einem Jahr habe es ein Abendessen mit Simon gegeben, Umarmungen, Tränen – und die Verabredung, sich wiederzusehen. »Das war vor etwa einem Jahr, und ich habe ihn seither nicht mehr gesehen«, sagt Garfunkel. Über eine mögliche gemeinsame Tournee will er lieber nicht spekulieren: »Weißt du, was ich viel interessanter finde? Zu Fuß von Westirland nach Istanbul zu gehen.«

Diese Bemerkung ist kein Zufall: Nach dem tragischen Tod seiner damaligen Partnerin Laurie Bird im Jahr 1979 zog sich Garfunkel für längere Zeit von der Musik zurück und begann stattdessen, ganze Länder zu Fuß zu durchqueren, zunächst in Japan, später durch die USA und Europa. Über das Thema spricht er auch heute noch nur zögerlich. Auf die Frage, ob er dieses schwerste Jahr seines Lebens noch einmal durchgehen müsse, entgegnet er: »Muss ich das wirklich, Dave?« Schließlich erzählt er doch: »Ich weiß nicht, wie ich sie anders beschreiben soll, als dass sie still war, in sich gekehrt, wunderschön. Ich war in sie verliebt. Es hat Jahre gedauert, darüber hinwegzukommen.«

Von seinen Fußmärschen berichtet Garfunkel gegenüber »The Guardian« mit spürbarer Freude – etwa von Kühen in den Appalachen, die seinem Gesang lauschten und den Hügel herunterkamen, oder von einer Polizeikontrolle in Wyoming, bei der er den Beamten kurzerhand aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung zitierte: »Jeder Amerikaner hat das Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. Also bin ich auf der Suche nach Glück, Officer.« Die Polizisten hätten nur genickt und ihn weiterziehen lassen.

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Sorgen um die Welt

Auch politisch hält sich Garfunkel im Gespräch nicht zurück. Er äußert deutliche Kritik an der aktuellen Entwicklung in den USA und denkt eigenen Worten zufolge sogar über einen Wegzug nach: »Ich stehe nicht dahinter, und ich überlege ehrlich gesagt, das Land zu verlassen.« Die Erderwärmung, steigende Meeresspiegel und Hunger auf der Welt beunruhigen ihn sichtlich – dennoch bleibt er nicht ohne Hoffnung: »Trump wird nicht ewig bleiben. Also müssen wir hoffen.«

Kurz vor seinem 85. Geburtstag hat der rastlose Künstler noch einiges vor: die Welt umsegeln, Indien und China sehen, in Südamerika singen. Nur eines schließt er kategorisch aus: »Ich will nicht ins Weltall.« Am Ende des Gesprächs mit »The Guardian« fasst er sein Selbstverständnis noch einmal zusammen: »Ich hoffe, ich wirke philosophisch. Ich bin ein Denker, ein Bücherleser, ein Wanderer, aber vor allem bin ich ein Sänger.« im

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