Das Verrückte an The Social Reckoning, der Fortsetzung des Oscar-Films The Social Network aus dem Jahr 2010, ist, dass wir alle bereits so tief in den »unsozialen« Medien – von Instagram bis WhatsApp – stecken, dass wir selbst nach dem fast zweistündigen Besuch dieser Brecht’schen Moralanstalt unsere Accounts nicht löschen. Weil wir sie brauchen. Der ganz reale Mark Zuckerberg hat sein Ziel erreicht. Und Aaron Sorkins Whistleblower-Thriller buchstabiert aus, wie hoch der Preis ist, den die Welt dafür zu zahlen hat. Es ist trotzdem ein verdammt guter Film geworden!
The Social Reckoning basiert auf einer Enthüllungsserie des »Wall Street Journal« aus dem Jahr 2021: Jeff Horwitz’ »The Facebook Files« legten mithilfe der Whistleblowerin Frances Haugen anhand interner Facebook-Dokumente offen, in welchem Ausmaß Mark Zuckerbergs Unternehmen Reichweite und Profit über das Wohlergehen einzelner Menschen und ganzer Gesellschaften stellt: angefangen bei der Priorisierung von Beiträgen, die Magersucht verherrlichen, über solche rassistischer Aufhetzung bis zu denen, die zu politischen Unruhen aufwiegeln.
»Rage Bait« (Empörungsköder) nennt man das. Das, was wütend macht, hält die Menschen auf der Plattform, ist also erfolgreich und wird deshalb qua Algorithmus gefüttert. Falschinformationen taugen dazu besonders gut.
Mark Zuckerberg hat sein Ziel erreicht
Zuckerberg »will, dass man ihn akzeptiert! Er hat nicht gedacht: Hey, brillante Idee, damit verdiene ich Millionen. Er hat einen Weg gefunden, sich selbst neu zu erfinden – um der Einsamkeit seines Zimmers zu entkommen, um sich makellos zu zeigen. Das machen wir schließlich alle, wenn wir uns in sozialen Netzwerken bewegen«, sagte Sorkin vor 16 Jahren im Interview über den Antihelden von The Social Network. Heute sei die Hightech-Ikone eine ganz andere Figur, so der Drehbuchautor, Regisseur und Co-Produzent über die Fortsetzung: »Das Unternehmen ist inzwischen eine Billion Dollar wert und hat drei Milliarden Nutzer. Er ist verheiratet und hat Kinder. Das ist ein anderer Mann.« Und er sei auch ein wenig beängstigender. Wie beängstigend, zeigt Schauspieler Jeremy Strong (Succession, The Apprentice) besonders eindrücklich, als sein Zuckerberg auf riesigen Monitoren dem Sturm von Trump-Anhängern auf das Kapitol in Washington am 6. Januar 2021 zusieht und sich kaum dazu durchringen kann, die lauteste Hetzerstimme abzuschalten.
Neben Strong brilliert Oscar-Gewinnerin Mikey Madison, bekannt aus Anona, als Frances Haugen, die zwischen ihrer nerdigen Loyalität zu einem Unternehmen, das Nerds Anteilnahme verspricht, und der Erkenntnis, was das für alle anderen Menschen bedeutet, hin- und hergerissen ist. The Bear-Star Jeremy Allen White spielt Jeff Horwitz als Reporter alter Schule und damit alter Werte wie Menschlichkeit und Empathie, denen in Sorkins Film eigentlich die Hauptrolle zukommt. Wohl in der Hoffnung, auch ein jüngeres Publikum dafür begeistern zu können. Ein hoher Anspruch an das Kino.
Ernüchterndes zur Macht des Films
Erinnert sich noch jemand an The Circle, die Verfilmung von Dave Eggers’ gleichnamigem Bestseller von 2017, in der Hollywood-Liebling Tom Hanks die Hightech-Gurus repräsentierte, die meinen, dass sie über Regierungen stehen und Demokratie und Privatsphäre der Vergangenheit angehören sollen? Was damals unterhaltsam dystopisch-eskapistisch daherkam, ist spätestens mit den aktuellen KI-Zukunftsaussichten schmerzhaft real. Real genug? Nach den »Facebook Files« vor fünf Jahren hat sich Facebook in Meta umbenannt. Angeblich wurden Anti-»Rage Bait«-Filter eingeführt, aber auch bald wieder abgeschafft.
Und noch etwas Ernüchterndes zur Macht des Films im Jahr 2026: Im Februar hat Amazon Luca Guadagninos Artificial über OpenAI-Gründer Sam Altman gestrichen, schließlich hatte es gerade 50 Millarden Dollar in OpenAI investiert. Ein halbes Jahr später blockierten Meta, TikTok, YouTube und natürlich X den Trailer zu Alex Gibneys Dokumentation über Elon Musk.
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