Maya redet schnell, sie wirft ihre Haare nach hinten, sie zeichnet mit ihrer Hand Linien in die Luft, sie kickt mit ihrem rechten Bein nach vorn, sie erzählt sich außer Atmen. Es ist der 7. Oktober 2023, den die junge Frau am Mittwochabend bei einer Gedenkveranstaltung der Greater Miami Jewish Federation, noch einmal durchlebt. Maya ist eine Überlebende des Nova-Musikfestivals.
Sie ist 33 Jahre alt, und war auf dem Festival im Süden Israels Einlasserin – kontrollierte Tickets, Bändchen, solche Sachen, wie sie beschreibt. Ihr Schicht war kurz vor halb sieben fast zu Ende. »Ich wollte wieder feiern gehen«, erzählt Maya, denn elektronische Musik habe diese Kraft, Menschen von überall her miteinander zu verbinden. Doch dann sah sie die ersten Raketen über sich, hörte das erste dumpfe Knallen – das nicht endete, nicht nach fünf Minuten, nicht nach zehn Minuten.
»Jom asal, jom basal.«
Was dann geschah, hat Maya bis heute sichtlich nicht verlassen. Das Rennen, das Ausharren in einem Unterschlupf, die Todesangst, das Entkommen. Ihr Leben heute sei sehr davon abhängig, wie sie morgens aufwache: »Jom asal, jom basal.« Ein Tag sei wie Honig, ein andere wie eine Zwiebel. Vor dem 7. Oktober 2023 war sie Ingenieurin. Dass sie ihre Geschichte vor einem größeren Publikum immer und immer wieder teilen könnte, sei eine große Hilfe, um die Seele zu heilen. »Mein Leben ist nicht mehr das, was es einmal war, aber ich versuche, mich irgendwie neu zu finden.«
Auf diesem Weg ist auch Iarin, ein schlanker, junger Mann mit dichten langen Locken, mit Holzschmuck um den Hals, in den Ohren. Er sitzt neben Maya, und für ihn ist es das allererste Mal, dass er seine Geschichte vom 7. Oktober öffentlich erzählt. Er spricht leise und zaghaft von einem Tag, an dem das ausgelassene und friedliche Feiern um kurz vor halb sieben abrupt endete und ein Rennen um das Leben begann. Manchmal steigen Iarin Tränen in die Augen, manchmal muss er kurz pausieren. Das Sprechen fällt ihm nicht leicht. Es ist wie ein zaghaftes Öffnen einer Tür, hinter der Momente von Angst, Terror und Trauer stecken.
»Es gab einen Punkt, an dem habe ich mich von meinem Körper einfach losgelöst.«
Iarin spricht von Erschöpfung, von Schmerzen vom stundenlangen Verstecken in Büschen. »Es gab einen Punkt, an dem habe ich mich von meinem Körper einfach losgelöst«, so fühlte es sich an, sagt Iarin. »Vielleicht bin ich zwischendurch auch ein bisschen eingeschlafen.« Iarin weint. Und auch sein Vater, der im Publikum sitzt, ist zu Tränen gerührt. Die Familie kam vor zwei Jahren in die Vereinigten Staaten. Vieles war zu kompliziert geworden. In Miami – auch in der jüdischen Gemeinschaft von Miami – wollen sie wieder aufblühen.
Unterstützung bekamen die beiden Überlebenden des Nova-Festivals an diesem Abend von Laszlo Selly und Allan Hall. Sowohl Selly als auch Hall haben die Schoa überlebt. Sie sprechen seit vielen Jahren über ihr Leben – vor Schülern, Studenten. Die beiden wissen wie es ist, wenn man zum ersten Mal über Schreckliches spricht. »Ich weiß es ist hart«, sagt Saul Blau zu Iarin, während er seinen Arm um ihn legt. »Ihr müsst trotzdem weiter sprechen«, gibt er Iarin und Maya mit auf dem Weg.
Für Laszlo Selly ist die Greater Miami Jewish Federation ein Zuhause. In die Vereinigten Staaten kam der gebürtige Ungar 1956, gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder. Es sei ein wundervolles Gefühl gewesen, erzählt Selly heute noch mit warmer zufriedener Stimme. Das Land habe ihm die Möglichkeit gegeben, etwas aus seinem Leben zu machen. Und er hat sie genutzt, wurde Fotograf und engagiert sich im Dialog mit Jugendlichen. Ihnen möchte er vor allem eines auf den Weg mitgeben: »Hasst nicht«. Man dürfe niemals irgendjemanden hassen, betont Selly immer wieder. »Das einzige, was man hassen darf«, sagt Selly, »ist Brokkoli.«
Selly erzählt an diesem Abend noch oft aus seinem Leben. Unermüdlich läuft er durch die Räume der Gemeinde, verteilt Bücher, spricht mit Besuchern. Maya und Iarin brauchen eine Pause. Sie haben an diesem Tag ihre Kräfte aufgebracht, um von den schlimmsten Stunden in ihrem Leben zu erzählen. Morgen ist für beide ein neuer Tag – hoffentlich einer mit Honig.