Die Seitenstettengasse 4 ist nicht irgendeine Adresse in Wien. Die enge Straße mit Kopfsteinpflaster führt vom Ufer eines Seitenarms der Donau hinauf zur romanischen Ruprechtskirche. Autos fahren hier keine, stattdessen reihen sich Bars aneinander. Am oberen und unteren Ende stehen immer – und wirklich immer – Soldaten oder Polizisten. Grund ist ein eher unscheinbarer Bau auf der linken Seite.
Erst auf den zweiten Blick offenbart sich, dass das klassizistische Gebäude, das den Anschein erweckt, es wäre ein Wohnhaus, gar keines ist. Sondern der alte Stadttempel, die Hauptsynagoge Wiens – ein Gebäude, das gleichermaßen für das jüdische Selbstbewusstsein wie für die Verfolgung steht. »Die Weigerung zu verschwinden, ist Ausdruck des freien Geistes«, fasst es die Künstlerin Timna Brauer bei der Wiedereröffnung des Tempels vor den Gästen des Festakts zusammen.
Gut zehn Monate lang war die Synagoge eine Baustelle. Fenster, Böden, Heiz-, Klima- und Sanitäranlagen, aber auch die Sicherheitseinrichtungen wurden generalüberholt. Unter der Leitung von KENH Architekten und in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt ging es auch um die Wiederherstellung der historischen Anmutung des Raums. Immer wieder sei man auf Originalteile gestoßen, zitiert der »Kurier« den Architekten Eric-Emanuel Tschaikner. So sei der ursprüngliche Steinboden im Innenhof restauriert worden, und unter der Bima habe man den 200 Jahre alten Boden aus Budapester Marmor entdeckt. Aber auch die Barrierefreiheit war ein Thema.
Die Wiedereröffnung war ein Staatsakt mitsamt Bundespräsident und Bundeskanzler
Der Abschluss der Renovierung und das 200-jährige Bestehen wurden zusammen gefeiert. Und wenn diese Wiedereröffnung den Status der jüdischen Gemeinschaft in Wien und ganz Österreich abbilden sollte, ergibt sich ein imposantes Bild. Der Festakt war ein Staatsakt mitsamt Bundespräsident, Bundeskanzler, stellvertretenden Parlamentspräsidenten, Abgeordneten, Landeshauptleuten, dem Wiener Bürgermeister sowie christlichen wie islamischen Würdenträgern.
»Das ist ein gesellschaftliches Zeichen«, kommentierte der Wiener Oberrabbiner Jaron Engelmayer die Anwesenheit von derart viel Prominenz. Ein Zeichen dafür, »dass jüdisches Leben hier in Wien einen starken und zentralen Platz hat, und dass in die Zukunft investiert, hoffnungsvoll in die Zukunft geschaut wird«. Auch wenn eine prächtige Synagoge wie die in der Seitenstettengasse hinter einer vergleichsweise unauffälligen Fassade versteckt sei.
»Mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker – für alle.«
Oskar Deutsch
Wie der Tempel vor 200 Jahren gestaltet wurde, liegt an den Umständen, unter denen er erbaut wurde. Mit dem Toleranzpatent von 1782 hatte Regent Joseph II. nicht-katholische Gebetshäuser grundsätzlich zugelassen. Jüdische Ghettos wurden aufgelöst, Sondersteuern für Juden abgeschafft. Dieses Patent erlaubte nicht-katholischen Glaubensgemeinschaften die Gründung eigener Gemeinden und den Bau von Bethäusern und Schulen. Die Bedingung war allerdings, dass die Bethäuser keinen direkten Eingang von der Straße haben durften. Zudem musste auf Türme und Glocken verzichtet werden.
Vor dem Hintergrund dieses rechtlichen Rahmens kauften die jüdischen Kaufleute Michael Lazar Biedermann und Isaak Löw Hofmann 1823 das Grundstück in der Seitenstettengasse, ließen das alte Gebäude abreißen, erwirkten eine Baugenehmigung, und bald begann der Bau einer Synagoge nach den Plänen des legendären Architekten Joseph Kornhäusel. Der Zugang erfolgte, gemäß der kaiserlichen Anordnung, durch ein extra errichtetes fünfgeschossiges Mietshaus.
Grundstein zur Gleichstellung
Eröffnet wurde der Tempel am 9. April 1826 – im Beisein von Kaiser Franz. Der Kaiser habe nach lebensgefährlicher Krankheit die erste Ausfahrt gemacht, um einer »religiösen Feyerlichkeit im morgenländischen Geschmack« beizuwohnen, hieß es damals in der täglich erscheinenden »Wiener Zeitschrift«.
Aus heutiger Sicht habe der Bau damals den »Grundstein für den Weg der Juden zur Gleichstellung« gelegt, sagt Oberrabbiner Jaron Engelmayer. Heute gilt Wiens jüdische Gemeinde als eine der bestorganisierten in Europa, mit eigenen Schulen, Sozialdiensten, Geschäften und einem aktiven Gemeindeleben.
»Mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker – für alle«, sagte Gastgeber Oskar Deutsch in seiner Festrede zur Wiedereröffnung. »Dieses Haus ist schöner als je zuvor, es ist die schönste Synagoge der Welt!«, so der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, der Israelitischen Religionsgesellschaft Österreichs sowie des Bundesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden Österreichs.
In der Synagoge wurden 1949 die Särge von Theodor Herzl, dessen Schwester und Eltern aufgebahrt, bevor sie nach Israel überführt wurden.
Bis zum letzten Moment vor dem Eintreffen der Gäste hatte der Gemeindechor geprobt, waren Kabel gelegt und Teppiche gekehrt worden. Mehr als zehn Millionen Euro hat die Renovierung gekostet – gestemmt aus öffentlichen Mitteln der Stadt Wien, des Bundes und von privaten Spenden. Als nächster Schritt ist die Sanierung des Gemeindezentrums geplant.
Dass Joseph Kornhäusel auch Theater-Architekt war, ist am Stadttempel gut zu sehen: Der Betraum, in dem 700 Menschen Platz finden, ist ein Oval mit zwei Galerie-Ebenen, umkränzt von zwölf ionischen Säulen unter einer hellblauen Himmelskuppel. Die halbrunde Form gleiche einem Auge, sagt Rabbiner Engelmayer. »Dieser Ort ist das Auge der jüdischen Geschichte Wiens.«
Und dieses »Auge« hat viel gesehen über die Jahre. Der Gebetsraum ist der prunkvolle Rahmen, den ein selbstbewusstes jüdisches Wiener Bürgertum damals für sich selbst errichtete. Mit Kornhäusel fiel die Wahl auf einen Baumeister, der stilistisch im Klassizismus und Biedermeier beheimatet war, der zum Teil aber bereits den Jugendstil erahnen ließ – ein Star seiner Zeit.
Der Gebetsraum überstand auch den Nationalsozialismus
Unter diesem »Auge« wurden 1949 die Särge von Theodor Herzl, dessen Schwester und Eltern aufgebahrt, bevor sie nach Israel überführt wurden. Während der Zeremonie sagte Wiens damaliger Oberrabbiner Akiba Eisenberg: »Der Geist Herzls, der immer wieder stolz verkündete und uns allen verkünden ließ: ›Ich bin Jude!‹, der Geist jenes Mannes, der wie Josef an die Erlösung geglaubt hat, der Geist Herzls lebt, das Land und das Volk leben.«
Und schließlich überstand dieser Gebetsraum mit dem Blauen Himmel auch die Schoa. Im Zuge der Novemberpogrome 1938 wurde der Innenraum entweiht und verwüstet, aber anders als alle anderen 130 Bethäuser in Wien nicht niedergebrannt. Allerdings nur deshalb, weil die Umgebung zu dicht bebaut war und das Feuer um sich hätte greifen können. Ein weiterer Grund war das Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde, in dem die Gestapo Namen und Adressen für die Planung und Umsetzung dessen fand, was danach kam – die Schoa. Dass der Betsaal auch als Sammellager für die Wiener Juden vor deren Verschleppung in den Tod missbraucht wurde, daran erinnert seit 1988 eine Gedenktafel in der Eingangshalle.
»Verantwortung darf sich nie im Blick zurück erschöpfen.«
Kanzler Christian Stocker
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Stadttempel vorerst provisorisch wiederhergestellt. Im Herbst 1945 fanden erstmals wieder Gottesdienste statt. International besonders beachtet wurde ein feierlicher Gottesdienst im April 1946 in Anwesenheit des Wiener Bürgermeisters Theodor Körner, in dem an die Eröffnung der Synagoe 120 Jahre zuvor erinnert wurde. Sogar im Britischen Mandatsgebiet Palästina berichtete man davon. Bänke, auf die Beter sich setzen konnten, wurden allerdings erst Ende 1947 wieder eingebaut.
Die stärkst Antwort auf die Geschichte ist das Weiterleben
Doch »das Auge« sollte wieder Terror sehen: 1979 sorgte ein Sprengstoffanschlag im Hof der Synagoge für enormen Sachschaden, verletzt wurde bei dem Anschlag, zu dem sich palästinensische Extremisten bekannten, zum Glück niemand. Doch 1981 kamen zwei Menschen ums Leben, als Anhänger der palästinensischen Abu-Nidal-Miliz die Gemeinde am Schabbat mit Handgranaten und Sturmgewehren überfielen. Und das Attentat eines IS-Anhängers 2020 kostete vier Menschen das Leben. Die ersten Schüsse fielen in der Seitenstettengasse. Seit dem 7. Oktober 2023 ist es immer wieder zu Vandalismus gekommen.
Verantwortung dürfe sich »nie im Blick zurück erschöpfen«, so Österreichs Bundeskanzler Christian Stocker in seiner Rede beim Festakt. Die stärkste Antwort auf die Geschichte sei das, was weiterlebt. Und es wird gelebt in diesen Hallen – die Gegenwart wie die Vergangenheit. »Der Erhalt des historischen Erbes und die Sichtbarmachung der Geschichte« seien das Credo des Umbaus gewesen, so Timna Brauer.
Von der dunklen Geschichte legte auch das Fehlen einer Person bei der Zeremonie zur Wiedereröffnung Zeugnis ab: Der Erste Präsident des Nationalrats, Walter Rosenkranz, war nicht anwesend. Er war auch nicht eingeladen, denn er gehört der als rechtsextrem geltenden FPÖ an. Rosenkranz ist zudem Mitglied der schlagenden deutschnationalen und als rechtsextrem eingestuften Burschenschaft Libertas. Laut Beschluss des Kultusrates gibt es keinen Kontakt zur FPÖ und so auch nicht zu Walter Rosenkranz. Die FPÖ liegt derzeit laut Umfragen bei einer Zustimmung von knapp 40 Prozent.
Der Festakt sei ein sehr starkes Bekenntnis dazu, dass man in Österreich jüdisches Leben haben wolle und dass dies weit über das Gedenken an die Schoa hinausgehe. Und dieses jüdische Leben hat auch wieder neue Bänke bekommen, auf die es sich setzen kann. Die nehmen die Rundung des Raumes auf, so wie es vor 200 Jahren von Architekt Joseph Kornhäusel geplant war.
