Porträt

Geboren in Auschwitz

Weniger als ein Kilogramm wog sie bei ihrer Geburt. Das Neugeborene war so schwach, dass es keinen Mucks von sich geben konnte. Doch genau diese Stille rettete der kleinen Angela vermutlich das Leben. Denn sie kam im NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zur Welt – auf der obersten Pritsche einer Baracke, am 21. Dezember 1944. In Angela Orosz-Richts Geburtsurkunde und im Reisepass ist als Geburtsort der deutsche Name »Auschwitz« eingetragen.

Für die Gedenkstunde zum Internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2027 hat Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) die Ungarin, die seit 1973 in Kanada lebt, nach Berlin eingeladen. Und weil im Reichstagsgebäude kurz nach diesem Termin die Bundesversammlung tagen wird, um ein neues Staatsoberhaupt zu wählen, werden im Plenarsaal doppelt so viele Stühle stehen als sonst. Klöckner hat bereits angekündigt, dass auch Schüler zu der Gedenkstunde eingeladen werden sollen.

Ihren leiblichen Vater hat sie nie kennengelernt

Angela Orosz-Richt dürfte das freuen. Denn vor ihrer Auswanderung arbeitete die heute 81-Jährige in Budapest als Grundschullehrerin, wie zuvor schon ihre Mutter Vera und zahlreiche ihrer Tanten. Ihren leiblichen Vater Avraham (Tibor) Bein hat sie nie kennengelernt. Im Mai 1944 wurden der Rechtsanwalt und seine Ehefrau Vera aus dem ungarischen Sárospatak nach Auschwitz-Birkenau deportiert. An der Rampe des Todeslagers sehen sie sich ein letztes Mal.

Mengele lacht sie aus und nennt sie eine »dumme Gans«.

Vera Bein steht bei der Selektion dem berüchtigten SS-Lagerarzt Josef Mengele gegenüber. Weil sie auf Mitgefühl hofft, verrät sie ihm, dass sie im dritten Monat schwanger ist. Mengele lacht sie aus, nennt sie eine »dumme Gans«. Doch er schickt Vera nicht in die Gaskammer. Stattdessen wird die damals 25-Jährige zu harter Zwangsarbeit herangezogen. Später ordnet die SS sie zur Mitarbeit in die Lagerküche ab.

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Um ihr ungeborenes Kind nicht zu verlieren, durchwühlt Vera den Abfall nach Kartoffelschalen und anderen essbaren Dingen. Mengeles Mitarbeiter führen an ihr Experimente durch, injizieren ihr giftige Substanzen in den Gebärmutterhals. Wie durch ein Wunder überlebt der Fötus die Torturen. Ein jüdischer Mithäftling bietet Vera eine Abtreibung an, um wenigstens das eigene Leben zu retten. Sie lehnt ab.

Trotz ihrer Unterernährung kann die Mutter Angela selbst stillen

Als im Dezember 1944 die Wehen einsetzen, gelingt es einer Mitgefangenen, schnell heißes Wasser, eine Schere und ein halbwegs sauberes Laken zu organisieren. Drei Stunden nach der Entbindung von Angela muss die Mutter bereits wieder beim Zählappell in der eisigen Kälte vor der Baracke stehen – barfuß. Hätte sie gefehlt, wäre sie vermutlich ermordet worden. Und noch ein Wunder geschieht: Trotz ihrer Unterernährung kann Vera Bein Angela selbst stillen.

Nach der Befreiung des Vernichtungslagers am 27. Januar 1945 werden Mutter und Kind von einem Überlebenden des Lagers aufgenommen. Die Ärzte haben kaum Hoffnung für das Kind. Im Winter 1945/46 wiegt es gerade einmal drei Kilo – so viel, wie die meisten Babys bei ihrer Geburt. Erst spät lernt Angi, wie das Mädchen von allen gerufen wird, das Laufen. In Sárospatak verbringt sie dennoch eine behütete Kindheit.

Tibor Bein hat das Grauen nicht überlebt. Er stirbt nicht in Auschwitz, sondern im Frühjahr 1945 im KZ Mauthausen in Österreich, wie Angela Orosz-Richt erst 75 Jahre später erfährt. Ihre Mutter heiratet nach der Rückkehr nach Ungarn den wesentlichen älteren Sándor Polgár. Auch er ist Überlebender, verlor seine erste Frau und eine Tochter in Auschwitz. Erst im Alter von zwölf Jahren erfährt Angela, dass Polgár nicht ihr leiblicher Vater, sondern ihr Stiefvater ist.

Ihre Großmutter mütterlicherseits ist zu diesem Zeitpunkt bereits tot: Die kommunistische Geheimpolizei ÁVH hatte sie 1948 verhaftet und ins Zuchthaus gesteckt, weil sie für Emigranten eine Kiste aufbewahrt hatte, in der Goldmünzen waren, was damals verboten war.

Angela Orosz-Richt erinnert sich an einen Besuch im Gefängnis. »Ich war da ungefähr vier Jahre alt. Wir wurden von bewaffneten Wärtern begleitet. Zwischen meiner Großmutter und uns befand sich ein Fenster, aber ohne Scheibe, was schon ein gewisses Privileg war. Als meine Großmutter sich vorbeugte, um mich hochzuheben und mir einen Kuss zu geben, schlugen die Wärter sie, und sie ließ mich fallen. Danach durften wir sie nicht mehr besuchen.« Irgendwann kommen die Päckchen, die die Familie der Großmutter einmal im Monat schickt, wieder an den Absender zurück. Dann erhält Vera einen Brief, in dem es heißt, ihre Mutter sei an einem Herzinfarkt gestorben. »Wir wissen bis heute nicht, wo sie begraben liegt.«

Angela wuchs bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater im ungarischen Sárospatak auf.

Bei der Einschulung wird Angela nach ihrem Geburtsort gefragt. »Ich hasste es zu antworten: Auschwitz«, erinnert sie sich. Die Überlebenden müssen nicht nur mit dem Trauma der Schoa leben, sondern begegnen in der ungarischen Provinz auch immer wieder offenem Judenhass. Noch 1956 finden sie in Sárospatak Zettel mit Droh-Botschaften an der Haustür, auf denen Sätze stehen wie »Dreckige Juden, wir bringen euch wieder nach Auschwitz« oder »Wir werden euch töten«. Die beiden Frauen entfernen die Zettel am frühen Morgen, damit der herzkranke Sándor Polgár sie nicht zu Gesicht bekommt.

1957 stirbt Angelas Stiefvater. Vera beschließt, in Budapest wieder als Lehrerin zu arbeiten. Angela geht nur unwillig mit, beginnt später aber selbst eine Ausbildung zur Grundschullehrerin. Mitte der 60er-Jahre wandert ihre Mutter nach Kanada aus; Ted Polgar, Angelas Stiefbruder, ist bereits dort.

Beim Standesamt lässt sie den Familiennamen ändern – ohne vorher ihren Mann um Erlaubnis zu fragen

Angela heiratet. 1968 kommt ihre Tochter Kati zur Welt. Beim Standesamt lässt sie den Familiennamen ändern – ohne vorher ihren Mann um Erlaubnis zu fragen.  »Ich wollte nicht, dass unsere Tochter wegen ihres Nachnamens Antisemitismus erfährt«, sagt sie zur Begründung – und erzählt anschaulich, wie sich die Sache damals zutrug.

»Als ich einmal wegen eines Fünfjährigen in einen Kindergarten kam, sagte mir die Schulleiterin, das Problem des Jungen bestehe im Wesentlichen darin, dass er jüdisch sei. Die wusste nicht, dass ich selbst Jüdin war. Noch am selben Tag beschloss ich, meinen Namen ändern zu lassen. Niemand sollte einmal mein Kind hassen, bloß weil es einen jüdischen Namen trug.« Den Namen Orosz wählt sie, weil auf einer Wasserrechnung ihr eigentlicher Name »Grosz« falsch geschrieben war.

Ihre Mutter in Toronto können Angela und ihr Mann zunächst nicht besuchen. Vera gilt als »Republikflüchtling«. 1971 bekommt Angela dann doch einen Reisepass ausgestellt. Sie darf nach Kanada – unter der Bedingung, dass sie spätestens nach 40 Tagen wieder zurückkommt nach Ungarn. »Hätte ich das nicht gemacht, hätte die Kollegin, die für mich gebürgt hat, garantiert ihren Job verloren und nie mehr einen anderen gefunden«, sagt Orosz-Richt heute. Zwei Jahre später beantragt die ganze Familie ein Touristenvisum. Diesmal mit der festen Absicht, nicht mehr in die kommunistische Heimat zurückzukehren. »Ich habe meine Mutter schrecklich vermisst, ich wollte unbedingt an ihrer Seite sein.«

Auswanderung nach Kanada

Nach einigen Monaten in Wien, wo die drei von der jüdischen Flüchtlingshilfsorganisation HIAS betreut werden und Englischkurse besuchen, darf die Familie schließlich im Dezember 1973 nach Kanada ausreisen. Einige Jahre später trennt sich das Ehepaar Orosz. Angela ist plötzlich alleinerziehende Mutter einer Teenagerin. Als Lehrerin kann sie wegen ihrer mangelhaften Englischkenntnisse nicht mehr arbeiten. Stattdessen übernimmt sie im Büro von Joseph Richt, der ein Modegeschäft in Toronto betreibt, eine Stelle. Später heiraten die beiden und bekommen einen Sohn, David.

Lange Zeit schweigt Orosz-Richt in der Öffentlichkeit über ihre und die Geschichte ihrer Eltern in der Schoa. Erst 2015 fliegt sie nach Polen, besucht ihren Geburtsort. Es ist der 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz-Birkenaus. In Krakau veranstalten die Shoah Foundation von Steven Spielberg und der Jüdische Weltkongress ein großes Treffen von mehr als 100 Auschwitz-Überlebenden. Angelas Stiefbruder Ted – er ist selbst ein Überlebender – verdonnert sie dazu teilzunehmen. Mit über 90 fühlt sie sich zu alt, zwei Mal im Jahr die lange Reise zu unternehmen. Es ist Ted aber wichtig, dass die Überlebenden die Erinnerung wachhalten.

Hat »Auschwitz« als Geburtstort in ihrem Pass stehen: Die Schoa-Überlebende Angela Orosz-RichtFoto: Privat

Als sie aus Polen zurückkehrt, sagt ihr Stiefbruder: »Du musst auch etwas für das Holocaust-Museum hier tun, du trägst auch Verantwortung.« Sie erwidert: »Du bist verrückt, auf keinen Fall« - und bleibt zunächst hart. »Da rief er einfach das Holocaust-Museum an und gab denen meine Nummer.« So fängt die mittlerweile verwitwete Orosz-Richt mit 70 Jahren an, vor Schulklassen über die Lebensgeschichte ihrer Mutter zu sprechen. Ted Polgar verstirbt im Juni 2026 im Alter von 101 Jahren. »Er und ich hatten eine sehr innige, liebevolle Beziehung. Er war wie ein Vater für mich und nicht wie ein Bruder«, sagt Orosz-Richt heute.

Der Zufall brachte sie zusammen und machte sie zu Schwagern

Und sie erzählt noch eine Anekdote. »Als ich ihm Anfang der 80er-Jahre mitteilte, dass ich wieder heiraten würde und der Name meines Verlobten Joseph sei, wünschte er mir nur kurz und knapp ›Viel Glück‹. Als die beiden Männer sich dann trafen, sagte er mir: ›Angi, das ist doch nicht Joseph, das ist Emil Leibovich.‹ Ich erwiderte: ›Stimmt, vor dem Krieg hieß er Emil Leibovich. Woher weißt du das?‹ Ted sagte mir: ›Weil ich damals im DP Camp in Bayern den Reisepass für ihn ausgestellt habe.‹ Emil sollte eigentlich nach Australien auswandern, aber er wollte nach Kanada. Ted schickte einen anderen unter dem Namen Leibovich nach Australien, und aus Emil Leibovich wurde Joseph Richt.« 35 Jahre lang hatten die beiden Männer sich nicht mehr gesehen. Erst der Zufall brachte sie wieder zusammen und machte sie zu Schwagern.

Auch wenn das Judentum in ihrem Leben zuvor immer präsent war: Zur praktizierenden Jüdin wird Angela Orosz-Richt erst 1980. Sie schildert die Gründe: »Eines Abends bekam ich einen Anruf von Kati, die in einem Jugendlager von Chabad Lubawitsch war. Sie sagte: ›Mami, heute Abend will der Rabbiner dich sehen, geh bitte hin.‹ Das Einzige, was ich bis dahin über Rabbiner wusste, war, dass man ihnen nicht die Hand geben durfte. Ich war sehr nervös. Mein Chef Joseph fragte mich, ob er mit mir hingehen solle. Er war ein sehr gläubiger Mann. Also gingen wir zu dem Treffen. Dort hörte ich vom Rabbiner, dass meine Tochter auf eine jüdische Schule gehen wolle. Ich sagte ihm: ›Sie geht doch schon mittwochs und sonntags dorthin.‹ Er erwiderte: ›Sie möchte aber jeden Tag hingehen.‹ Man würde sie gern aufnehmen, aber ich müsse ihm versprechen, künftig den Schabbat einzuhalten.«

Lange Zeit schweigt Orosz-Richt in der Öffentlichkeit über ihre und die Geschichte ihrer Eltern in der Schoa.

Angela bittet um einige Tage Bedenkzeit. »Schabbat war für mich damals der einzige Tag, an dem ich nicht arbeiten musste. Da konnte ich shoppen gehen, leben, als Mensch existieren. Aber dann habe ich mir gesagt: Du bist alleinerziehende Mutter, und die Religiösen haben klare Regeln, wie man Kinder erzieht. Die haben Richtlinien. Vielleicht wird es so ja einfacher, eine aufmüpfige Teenagerin großzuziehen? Also ging ich zum Rabbiner und sagte ihm: ›Ich werde es tun. Ich weiß zwar nicht wie. Aber ich werde es tun.‹«

Engagement in der Erinnerungsarbeit

Also sie nach drei Tagen Abwesenheit wieder bei der Arbeit erscheint, will ihr Chef wissen, wie sie sich entschieden habe. Er verspricht ihr: »Ich werde dir dabei helfen.« Später, so schildert es Angela, habe Joseph Richt ihr gebeichtet, dass er in jenem Moment beschlossen habe, sie zur Frau zu nehmen. Im Februar des folgenden Jahres heiraten die beiden. Mit Richt, der schon eigene Kinder hat, bekommt sie noch einen Sohn, David. Nach der Insolvenz der Firma zieht die Familie nach Montreal. Heute hat Angela Orosz-Richt fünf Enkelkinder und zahlreiche Urenkel. Ihre Mutter Vera stirbt 1992.

In ihre alte Heimat Ungarn ist sie seit ihrer Auswanderung nach Kanada 1973 erst einmal zurückgekehrt. 2015 verbringt sie 48 Stunden in Budapest, zusammen mit ihrer Tochter. Es war Katis Bedingung, ihre Mutter auf deren erster Reise nach Deutschland zu begleiten. Seitdem hat sie Deutschland schon des Öfteren besucht. Immer wieder wird sie hier zu Vorträgen eingeladen. 2024 ist sie in Dortmund und in Düsseldorf, wo sie vom Präsidenten des Landtags von Nordrhein-Westfalen empfangen wird.

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Auch in den Prozessen gegen die ehemaligen SS-Männer Reinhold Hanning und Oskar Gröning sagt Orosz-Richt 2015 und 2016 aus. Sie schildert vor allem die Geschichte ihrer Mutter. Ihre Botschaft ist eindringlich: Die Zahl von sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden sei irreführend, sagt sie, denn sie klammere all die ungeborenen Kinder aus, die nie das Licht der Welt erblicken durften, weil ihre Vorfahren ermordet wurden.

Die Besuche im Land der Täter sind auch von einem gewissen Unwohlsein, ja von Unsicherheit begleitet. Über die spricht sie offen. Doch Orosz-Richt erinnert sich auch an eine Veranstaltung in Dresden vor einigen Jahren, die sie positiv gestimmt hat. »Hinterher kamen Leute auf mich zu. Einige von ihnen weinten. Sie erzählten mir, sie hätten nicht gewusst, dass die eigenen Großeltern Nazis gewesen seien. Da habe ich gemerkt: Ich bin eigentlich nicht wütend auf die Deutschen. Ich hasse nur die Nazis.«

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