Der Name verrät bereits Methodik und Ausrichtung. »Punktuelle Umfragen leiden an dem Problem, dass sie allenfalls Momentaufnahmen vermitteln«, sagt Gisela Dachs zur Zielsetzung des »HU-EF-Barometers«. »Was uns aber interessiert, sind langfristige Entwicklungen, an denen sich Trends, manchmal aber auch Brüche ablesen lassen«, so die Professorin am DAAD Center for German Studies des European Forum an der Hebräischen Universität in Jerusalem.
Die Sozialwissenschaftlerin ist zugleich Leiterin des Projekts, das regelmäßig die »Temperatur misst«, also Umfragen über die gegenseitigen Wahrnehmungen von Israelis und Deutschen durchführt, seit 2024 auch unter Einbeziehung von Großbritannien, Frankreich und Polen. Daran nehmen in jedem Land etwa 1000 Menschen teil.
Kurz vor dem dritten Jahrestag der Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 veröffentlichten die Wissenschaftler die Ergebnisse des jüngsten »HU-EF-Barometer« und konnten dabei einige erstaunliche Beobachtungen präsentieren.
Massiver Sympathieumschwung
Denn wenn es um die Frage geht, inwieweit der Krieg im Gazastreifen die Meinungen gegenüber Israel verändert habe, erklären acht Prozent der befragten Deutschen, dass sie pro-israelischer geworden seien – ein Minus von lediglich einem Prozentpunkt im Vergleich zum Jahr 2024. 19 Prozent sagen, sie wären nun pro-palästinensischer geworden, fünf Prozentpunkte mehr als noch vor zwei Jahren.
Der Anteil derjenigen, deren Einstellung sich nicht verändert hatte, schrumpfte hingegen von 54 auf 46 Prozent, etwa 28 Prozent haben keine Meinung oder wollten sich nicht äußern. Doch während die Veränderungen in Großbritannien und Frankreich ähnliche Relationen aufweisen, fällt Polen durch einen massiven Sympathieumschwung zugunsten der Palästinenser auf, und zwar von 14 auf 30 Prozent.
19 Prozent der befragten Deutschen wurden mdurch den Gaza-Krieg »pro-palästinensischer«.
Im Kontext Iran-Krieg wiederholt sich das Schema: So erklären in Deutschland zehn Prozent, dass sich durch den Waffengang gegen die Mullahs ihr Bild teilweise oder sehr zugunsten Israels verändert habe – der höchste Wert aller vier Länder, wohingegen 27 Prozent eine partiell oder signifikant schlechtere Einstellung haben.
In Polen sind es gerade einmal fünf Prozent, bei denen die Ereignisse eine positivere Wahrnehmung hervorgerufen haben – bei satten 36 Prozent aber eine schlechtere. Auch auf die Frage nach ihrer häufigsten Assoziation mit Israel fallen die Antworten in allen vier Ländern ähnlich aus: »Jerusalem«, »Heilige Stätten«, »Kriegsgebiet« oder »Geschichte« und »Holocaust«. Nur in Polen und Frankreich gab es eine relativ hohe Zahl von Befragten, die Israel mit »Völkermord« in Verbindung brachten.
Spannend wird es ebenfalls bei den Antworten auf die Frage, wo es für Jüdinnen und Juden am meisten Sicherheit gibt. So erklärten 71 Prozent der Israelis, dass dies in Israel der Fall sei, und nur sechs Prozent nannten Europa. In Deutschland hingegen betrachten nur 27 Prozent der Befragten Israel als sichersten Ort. Eine gleich große Prozentzahl der Befragten sagte das auch von Europa.
Ein »anderes Deutschland
Unter den europäischen Ländern stach erneut Polen hervor. Dort sahen 35 Prozent der Befragten Israel als die beste Option für Juden. Auf die Frage, ob sich die Lage der Juden in Europa verbessern oder verschlechtern werde, zeigten sich 69 Prozent der Israelis eher pessimistisch. Zum Vergleich: 2022 waren es nur 53 Prozent.
Wenn es um Israels beste Freunde in Europa geht, rangieren Deutschland mit 43 Prozent und Ungarn mit 37 Prozent ganz weit vorn, wobei es einen großen Unterschied zwischen jüdischen und arabischen Israelis gibt: Letztere waren von der oftmals xenophoben Rhetorik der gerade abgewählten Viktor-Orbán-Regierung weniger begeistert, weshalb nur 21 Prozent von ihnen so denken und Großbritannien mit 37 Prozent an zweiter Stelle sehen.
Und wenn es um das antisemitischste Land in Europa geht, nennen 68 Prozent der jüdischen Israelis Frankreich und 67 Prozent Spanien. Auch die arabischen Israelis sehen das ähnlich, nur interessiert sie das Thema deutlich weniger. Für sie steht an erster Stelle Spanien mit 18 Prozent, gefolgt von Frankreich mit zwölf Prozent. Deutschland sehen nur zehn Prozent aller Israelis als Problemfall.
Zum «HU-EF-Barometer» gehören zwei Standardfragen, die älter sind als das Projekt selbst. Denn von 1992 bis 2011 hatte das Richard-Koebner-Minerva-Zentrum für deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität bereits Daten erhoben.
Wenn es um Israels beste Freunde in Europa geht, rangieren Deutschland und Ungarn weit vorn.
Man wollte wissen, inwieweit die Beziehungen zu Deutschland «normal» seien und ob es ein «anderes Deutschland» gäbe. Daran knüpfen die Macher der aktuellen Studie an. So lasse sich anhand einer langen Zeitachse erkennen, wie sich die Israelis in den 90er-Jahren Deutschland gegenüber geöffnet haben.
2011 sollte ein Höhepunkt erreicht sein, als 89 Prozent der Meinung waren, dass die Beziehungen als «normal» bezeichnet werden können, und 83 Prozent glaubten, es gebe «ein anderes Deutschland». Danach waren die Zahlen wieder leicht rückläufig.
Doch jetzt sehen nur noch 59 Prozent der israelischen Juden «normale Beziehungen», vor zwei Jahren waren es noch 70 Prozent – ein deutlicher Abschwung. Auch würden lediglich 67 Prozent den Satz unterschreiben, dass es heute ein «anderes Deutschland» gibt. 2024 waren es noch 75 Prozent. «Auffällig ist, dass ältere jüdische Befragte diese beiden Sätze eher bejahten als jüngere», ergänzt Dachs.
Offensichtlich haben die Ereignisse der vergangenen drei Jahre deutliche Spuren hinterlassen. 62 Prozent der befragten jüdischen Israelis gaben an, dass der 7. Oktober 2023 und der Iran-Krieg ihre israelische Identität leicht oder nachhaltig verstärkt hätten.
Einwanderungspolitik
«Gerade die jüngere Generation hat Erfahrungen gemacht, die ihre Altersgenossen in Deutschland oder Frankreich so einfach nicht kennen, weshalb sie auch im Vergleich nationalistischer eingestellt ist», so die Projektleiterin weiter. Das erkläre vielleicht auch, warum nur noch 27 Prozent der Israelis die EU als erfolgreiches Projekt betrachten – 2022 waren es noch 57 Prozent.
Die Reaktionen mancher europäischer Regierungen auf den Gaza-Krieg wie Waffenembargos sowie das Aufkommen rechtsextremer Parteien und eine in Israel kritisch gesehene Einwanderungspolitik haben ein gewisses Maß an Skepsis aufkommen lassen.