Jan Jekal

Als Billy Wilder vor dem FBI zitterte

Los Angeles Mitte der 40er-Jahre Foto: picture alliance / akg-images

Nach dem Happy End ist vor der Katastrophe. Das Motto hätte Ernst Lubitsch gefallen. Aber nur, wenn es um skurrile Liebesabenteuer geht. Der Komödiengott hatte bereits 1922 den Weg von Berlin nach Hollywood gefunden und war dort der erste europäische Regisseur von Rang. Sein robuster Humor und die Freude am Ungesagten kamen gut an. Bald schwärmte die Traumfabrik vom »Lubitsch Touch«. Er brachte sogar die Garbo zum Lachen. Vielen, die später kamen, um mit der Flucht aus Nazi-Europa Leib und Leben zu retten, blieb eine zweite Karriere versagt. Und die Neue Welt hatte noch ganz anderen Horror in petto.

Von beiden Schicksalswegen berichtet Jan Jekals Sachbuch-Debüt Paranoia in Hollywood: Wie die USA exilierte Künstler erst retteten und dann verfolgten 1941–1953 – ein 400 Seiten starkes Stück, das einen beeindruckenden Sog entwickelt. Grund dafür ist Jekals Recherchelust, die alles von der großen Tragödie bis zur kleinen Anekdote zutage gefördert hat, über eine Zeit, als sich mehr als 1000 deutschsprachige Persönlichkeiten aus Film, Literatur, Musik, Philosophie und Kunst in Los Angeles niederließen.

Von Theodor W. Adorno, Hedy Lamarr, Billy Wilder und Arnold Schönberg bis Lion Feuchtwanger, Fritz Lang, Hanns Eisler und natürlich die Manns sorgten alle dafür, dass die Wüstenstadt in den 40er-Jahren zum Zentrum deutschsprachiger Kultur wurde. Ein großes Verdienst ist auch die Erinnerung an vergessene Menschen wie Salka Viertel, Frederick Kohner oder Charlotte Dieterle, ohne die viele Künstlerkollegen den Nazis ausgeliefert gewesen wären.

Jekal arbeitet historisch so solide wie elegant

Zum Glück stellt Jekal jeder Träne einen Lacher oder auch ein Staunen zur Seite und arbeitet historisch so solide wie elegant. Es geht um die wahren Umstände der Entstehung des bis heute gefeierten Antikriegsfilms Casablanca, um dieHollywood Anti-Nazi League, wo sich fast alle Exilanten einschrieben, denen die Mitgliedschaft später zum Verhängnis wurde, als die Arbeit des House Committee on Un-American Activities (HUAC) Fahrt aufnahm, und den European Film Fund, der Menschen die Flucht aus Europa ermöglichte.

Aber es geht auch um Kunst und Karriere sowie das, was davon übrig blieb. Darum, dass in den USA niemanden die europäische Avantgarde interessierte und vormalige Stars um kleine Jobs betteln mussten, sei es Bertolt Brecht oder Arnold Schönberg. Und all das, während Edgar Hoovers FBI Telefonate abhörte, Briefe öffnete und den Müll durchwühlte.

Genau dieser Moment ist Kern des Buches, als aus den Geretteten schon wieder Verfolgte wurden. Auch auf der anderen Seite des Atlantiks. Nach Pearl Harbor werden die deutschen Flüchtlinge zu »enemy aliens«. Aus dieser verunsicherten Zeit stammt auch eine Anekdote von Billy Wilder über Lubitsch, der nachts behelmt durch die Villennachbarschaft patrouilliert und die Bewohner mit schwerem deutschen Akzent auffordert: »Törn se leit off!« Da öffnet sich ein Fenster, und jemand ruft: »I can hear the Krauts! Have they already landed?«

Das Kosmopolitische ist plötzlich »unamerikanisch«

Der während des Krieges begrüßte Antifaschismus wurde den Exilanten bald zum Vorwurf gemacht. Ihr Aktivismus, ihre Bildung, die Fremdsprachen, das Kosmopolitische sind plötzlich »unamerikanisch«. Und waren sie nicht alle Kommunisten, die die amerikanische Ordnung stürzen wollten? Das waren sie jedenfalls für den Antisemiten John E. Rankin, der 1945 die HUAC übernahm. Hoover arbeitete ihm gern zu. Endlich fanden seine Dossiers Anwendung. Mitte der 40er-Jahre hat das FBI 5000 Agenten. Paranoia ist Tagesgeschäft.

Die Vorladungen und öffentlichen Demütigungen beginnen. Eisler, Brecht und Viertel werden vorgeführt. Misstrauen, Verfolgung, Selbstzensur und Armut ziehen in Hollywood ein. Darüber täuschen auch Sonnenuntergänge hinter Palmen nicht hinweg.

Die »Schwarze Liste« stigmatisiert die Opfer. Wie bei den Nazis, sagt Eisler. Die Zeit der Sicherheit ist vorbei, und während bei Wilder dabei der Film noir herauskommt, verfallen andere in Depressionen. Es beginnt die Zeit der Anpassung, des Mitlaufens, der Inneren Emigration oder der Ausreise. Für Letzteres entscheiden sich unter anderem Lubitsch, Eisler, Chaplin und Wilder. Die McCarthy-Ära beginnt. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.

Das Buch ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Jan Jekal: »Paranoia in Hollywood«. Matthes & Seitz, Berlin 2026, 400 S., 28 €

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