Das Museum war schon ein Publikumsmagnet vor seiner Eröffnung. Noch bevor im September 2001 die erste Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin eröffnet wurde, war der Bau des Architekten Daniel Libeskind zum Ereignis geworden. Knapp 350.000 Menschen besichtigten den zunächst noch leeren, silbern glänzenden Zickzackbau mit schrägen Wänden, unterirdischen Achsen und irritierenden Leerräumen.
Die Geschichte des Jüdischen Museums Berlin beginnt jedoch nicht erst mit Libeskind und seinem futuristisch anmutenden Gebäudeentwurf. Bereits 1971 entstand in West-Berlin die Idee, ein Jüdisches Museum einzurichten. Anfangs zeigte die Stadt Berlin jedoch wenig Interesse, ein solches Vorhaben finanziell zu unterstützen.
In den 1990er Jahren änderte sich das. Aber auch damals gab es unterschiedliche Meinungen darüber, wie eigenständig das Museum sein sollte. Braucht es eine eigene Institution oder kann das Jüdische Museum einfach als eine Abteilung innerhalb des stadtgeschichtlichen Museums untergebracht werden?
»Kein gewöhnliches, normales Museum«
Die Debatte war nicht nur administrativ: Es ging um die Frage, wer jüdische Geschichte erzählt, mit welchem Selbstverständnis und mit welcher Gewichtung von Verfolgung, Vernichtung und jüdischem Leben sie gezeigt werden soll.
Mit W. Michael Blumenthal kam ein Direktor, der die Eigenständigkeit des Hauses durchsetzte. »Es war eine viel längere und schwierigere Aufgabe, als ich mir vorgestellt habe«, sagte Blumenthal später über die Entstehung des Hauses.
Die Architektur war von Anfang an mehr als eine Hülle. Libeskinds »Between the Lines« übersetzt den Bruch der deutsch-jüdischen Geschichte in den Raum des Gebäudes: Orientierung wird erschwert, Wege werden unterbrochen, Leerräume markieren Abwesenheit des jüdischen Lebens unter anderem durch die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie. Das Gebäude wird selbst zum Medium, durch das Geschichte erfahren wird.
Damit stellte sich eine besondere museale Herausforderung. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sagte etwa: »Die werden sich plagen müssen, damit dieses unglaubliche Haus nicht jede Ausstellung erschlägt.« Blumenthal formulierte den Anspruch des Museums so: »Dies ist kein gewöhnliches, normales Museum.« Es sei eine Institution, die nicht nur einen Teil deutscher Geschichte erzählen, sondern Erinnerung dauerhaft im Gedächtnis der Bürger wachhalten müsse.
Vom Mittelalter bis in die Gegenwart
Am 9. September 2001 wurde das Museum mit einem Konzert unter Leitung Daniel Barenboims und einem Gala-Dinner mit 850 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Kultur eröffnet. Bundespräsident Johannes Rau erinnerte an die Bedeutung jüdischen Lebens für Deutschland und Europa. Zugleich warnte er davor, die gesamte deutsch-jüdische Geschichte auf den Holocaust zu reduzieren.
Zwei Tage später änderte sich die Stimmung grundlegend. Die geplante Öffnung für das Publikum am 11. September wurde nach den Terroranschlägen in den USA verschoben. Am 13. September öffnete das Museum schließlich seine Türen. Es ist heute eines von mehreren jüdischen Museen in Deutschland. Ein Publikumsmagnet
Das Haus wurde zum Publikumsmagneten. Rund 700.000 Menschen kamen in den ersten Jahren durchschnittlich pro Jahr; 2015 begrüßte das Museum seine zehnmillionste Besucherin. Doch auch inhaltlich blieb es nicht stehen. Nach mehr als 15 Jahren wurde die erste Dauerausstellung Ende 2017 geschlossen.
Doch das Museum sorgte auch an anderer Stelle für Debatten. Nach einer Leseempfehlung für einen Artikel über Wissenschaftler, die einen Bundestagsbeschluss gegen die israelfeindliche BDS-Bewegung (»Boycott, Divestment and Sanction«) kritisierten, trat Direktor Peter Schäfer im Juni 2019 zurück. Die Bewegung ruft unter anderem zum Boykott israelischer Waren auf. Der Zentralrat der Juden hatte zuvor Druck auf Schäfer ausgeübt. Der Rat stellte sogar infrage, ob die Bezeichnung »jüdisch« für das Museum noch angemessen sei.
Die ganze Vielfalt zeigen
Zum 25-jährigen Bestehen sagt die derzeitige Direktorin Hetty Berg, sie wünsche sich, dass das Museum in Zukunft insbesondere noch stärker jüngere Menschen erreiche. »Dabei möchte ich, dass wir jüdisches Leben weiterhin in seiner ganzen Vielfalt zeigen, nicht nur über die Schoa und Antisemitismus, sondern auch über all das Positive, Lebendige, Widersprüchliche und Überraschende, das jüdische Kultur ausmacht.«
Ob Blumenthals Anspruch damit eingelöst ist, bleibt eine offene Frage. Vielleicht muss ein Museum, das Erinnerung lebendig halten will, genau das aushalten: nicht die eine endgültige Antwort zu liefern, sondern immer wieder neu zu fragen, was jüdische Geschichte in Deutschland bedeutet - und wie sie erzählt werden kann.