TV-Kritik

Geschäftsmodell Hass - ARD zeigt Serie über gewaltbereite Hooligans im israelischen Fußball

»Hooligans - Folge 1: Die Wächter der Mauern«: Meni (Ben Sultan) hat bei einer Schlägerei eingegriffen und ist im Arrest gelandet. Foto: © SWR/Artza Productions

Es gibt kaum eine Gruppe, die so sehr für gewaltbereite Sportskameraden steht, mit denen man sich besser nicht anlegt, wie Hooligans. Seitdem diese vor rund 50 Jahren damit begannen, Fußballstadien in Schlachtfelder zu verwandeln, dient der Begriff als Synonym für rücksichtslose Gewalt um der Gewalt willen. Wofür er - einer Legende zufolge ursprünglich der Name irischer Rowdys im 19. Jahrhundert - seltener steht: Staatspolitik und Baugewerbe.

Vordergründig suchen zwar auch die Titelfiguren der israelischen ARD-Serie »Hooligans« (ab Freitag, 14. August, in der ARD-Mediathek) vor allem den Kick ritualisierter Schlägereien mit Uniformierten aller Art. Schon früh allerdings zeigt die internationale Koproduktion (aus Deutschland unter Beteiligung von SWR, NDR und WDR), dass es den Ultras von Maccabi Jerusalem um mehr als ihren Lieblingsclub geht.

Hass als Businessmodell

Die »Wächter der Mauern« bezeichnen sich ja nicht nur offen als islamfeindlich, rechtsradikal und rassistisch. Ihr Anführer Ovad (Sean Softi) verbreitet auch deshalb Angst und Schrecken, um seiner Baufirma Aufträge zuzuschanzen. Hass als Businessmodell. Profitabel, aber hochriskant.

Zu Beginn des ersten der vorerst acht Teile prügeln verfeindete Fans den Mauerwächter krankenhausreif - bis ihm Meni (Ben Sultan) schlagkräftig zu Hilfe eilt. So gewinnt der wehrdienstleistende Getränkeverkäufer zwar Ovads Vertrauen. Doch weil er bei seiner Festnahme einen Polizisten ins Koma schubst, droht dem vorbestraften Soldaten jahrelang Gefängnis. Es sei denn, Meni nimmt das Angebot der Staatsschützerin Madmoni (Dikla Dori) an, Ovads Gruppe auszuspionieren.

Zwischen Loyalität und Selbstschutz

Damit schickt Autor und Regisseur Lee Gilat seine Hauptfigur in einen Gewissenskonflikt. Meni soll ja ausgerechnet jene Gemeinschaft verraten, die ihm erstmals Anerkennung, Geborgenheit und so etwas wie Lebenssinn gibt. Als er sich dann auch noch in Ovads schöne Anwältin und Cousine Kinneret (Danielle Menuchin Rudoy) verliebt, wird er zwischen Loyalität, Selbstschutz, Pflicht und Liebe förmlich zerrissen. Ein Dilemma, das im Umfeld des endlosen Nahostkonflikts auch politische Wellen schlägt.

Lesen Sie auch

Oder wie es der neue Bürgermeister Hirsch (Assaf Harel) im Kampf gegen Korruption und Bandenkriminalität ausdrückt: »Israel hat schon genug äußere Feinde.« Da brauche man nicht auch noch innere, die den Konflikt mit der arabischen Bevölkerung zum Bürgerkrieg eskalieren. Das macht Gilats Serie zur achtteiligen Druckbetankung mit der israelischen Realpolitik unter Benjamin Netanjahus Führung, die trotz der ausgedachten Vorlage Anspruch auf Authentizität anmeldet.

In der rauen Wirklichkeit heißen Ovads »Wächter der Mauern« nämlich »La Familia« und sind die härtesten Anhänger des Erstligisten Beitar Jerusalem. Die Fans des fiktiven Maccabi Jerusalem allerdings teilen mit dem echten Vorbild nicht nur Vereinsfarben, Sprechchöre oder ein paar dokumentarische Tribünen-Bilder. Sie verbindet der Hass auf »Kommunisten, Aschkenasim, Araber und Abschaum«, wie Ovads Capo Assi (Ben Heine) Maccabis Gegner aufzählt.

Verwerfliche Werte

Leider ist die deutsche Fassung der hebräischen Serie oft nur schwer zu ertragen; niemand, wirklich niemand, spricht auch nur ansatzweise so gestelzt, wie sie das Berliner Synchron-Studio übersetzt. Falls die ARD auch das untertitelte Original in ihre Mediathek stellt, füllt es aber eine Lücke im Sozialdramenangebot. Denn so präsent die Titelfiguren sind, seit Tausende deutscher Hooligans die WM 1998 in Frankreich terrorisiert haben: Auf Leinwand und Bildschirm sind solche Vorgänge selten zu sehen.

Anfang der Nullerjahre haben zwei Spielfilme gewalttätige Kategorie-C-Fans von Chelsea (»Hooligans«) und West Ham (»The Football Factory«) nachgestellt. Aus hiesiger Produktion aber hat sich abseits einzelner »Tatorte« in Duisburg (1984), Ludwigshafen (1997), Hannover (2011) und Saarbrücken (2023) oder der unfreiwillig komischen NDR-Milieustudie »Schicksalsspiel« von 1993 nur ein Werk explizit damit auseinandergesetzt: »66/67«. Dummerweise ist es so glaubhaft, dass die ARD das Porträt der Braunschweiger Hools 2009 wegen einer verstörenden Gewaltszene erst ab 22 Uhr gezeigt und dann tief im Giftschrank vergraben hat.

Anders als surreal überrepräsentierte Ritual-, Serien- und sonstige Killer sind die - im aktuellen Rechtsruck wieder wütenden - Hooligans dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland offenbar zu heikel und diffizil. Dabei dient die israelische Annäherung nicht nur der Mängelbeseitigung. Ohne den Tatort handgreiflicher Fans zur Kulisse zu schrumpfen, macht sie das Stadion zum Schauplatz von Politik, Bigotterie, Rassismus, Korruption, Werteverfall, Machtmissbrauch und dem wachsenden Bedürfnis, Teil einer verschworenen Gemeinschaft zu sein - egal, wie verwerflich deren Werte auch sind.

»Hooligans«, Regie: Lee Gilat, ARD-Mediathek, online verfügbar ab 14. August und bei ONE ab 22.25 Uhr.

Berlin

»Die Zukunft interessiert mich nicht mehr so furchtbar dolle«

Ein Chor von über 90-jährigen Menschen probt erstmals im Jüdischen Museum

von Nina Schmedding  04.09.2026

Kino

»Zur Not machen wir es in einem Badezimmer«

Zum elften Mal findet in Berlin das israelische Filmfestival »Seret« statt. Trotz schwieriger Zeiten denken die Veranstalter nicht daran aufzugeben

von Leon Stork  04.09.2026

Israel-Hasserin El Hissy

Jüdische Gemeinde Frankfurt übt scharfe Kritik am Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Die Hintergründe

 04.09.2026

Musik

»Ein Tribut an David Bowie«

Daniel Donskoy über das gefeierte neue Musical »Rebel Rebel« und das Erbe des legendären britischen Sängers

von Ralf Balke  04.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  04.09.2026

Junge Israelis, die von Beta Israel, äthiopischen Juden, abstammen

Hamburg

2,5 Millionen Euro für Erforschung religiöser jüdischer Handschriften

Sophia Dege-Müller, Expertin für äthiopische Handschriften, erforscht religiöse Handschriften der äthiopischen Juden, der sogenannten Beta Israel. Ihre bis zu 500 Jahre alten Schriften seien bislang kaum wissenschaftlich untersucht worden

 03.09.2026

Medien

Wie »Die Zeit« den fanatischen Israelhasser Zohran Mamdani zur politischen Lichtgestalt umdeutet

von Regula Stämpfli  03.09.2026

Debatte

Öffentlich-Rechtliche Medien: Macht euren Job, aber macht ihn besser!

Ein Appell von Esther Schapira

von Esther Schapira  03.09.2026

Medien

Stephan-Andreas Casdorff ist wieder für den »Tagesspiegel« tätig

Die KI-generierten Meinungstexte von Stephan-Andreas Casdorff im »Tagesspiegel« hatten in der Branche für viel Aufruhr gesorgt. Seit Juni hatte der Ex-Chefredakteur seine Tätigkeit ruhen lassen. Nun kehrt er zurück

von Jana Ballweber  03.09.2026