Film

25 Jahre »A.I.«: Odyssee eines Roboter-Jungen

Steven Spielberg bei den Dreharbeiten zu »A.I. – Künstliche Intelligenz« im Jahr 2001 Foto: picture alliance/United Archives

Eine Odyssee und KI als Thema – treffsicherer scheint im Jahr 2026 kein Feuilletontext sein zu können. Doch hier geht es nicht um Christopher Nolans antikes Film-Epos »Die Odyssee« und auch nicht um Künstliche Intelligenz im Sinne eines praktischen Tools für die Wirtschaft und den Alltag.

Hier geht es um ein futuristisches Märchen über das beschwerliche Abenteuer - eben die Odyssee - eines Roboter-Jungen, der darauf programmiert ist, zu lieben: den Science-Fiction-Film »A.I. – Künstliche Intelligenz« von Steven Spielberg (nach einem Entwurf von Stanley Kubrick). Er ist jetzt 25 Jahre alt.

Der Film ist im Flatrate-Stream bei Netflix und Paramount+ zu sehen. Zu leihen oder zu kaufen ist er etwa bei Magenta TV, Prime Video, Apple TV und YouTube.

Zwillingstürme erkennbar

Als dieser Sci-Fi-Streifen am 13. September 2001 in deutsche Kinos kam (in den USA war bereits Ende Juni Premiere gewesen), handelte es sich um einen Spielfilm, in dem auch noch in ferner Zukunft die soeben vom Terror zerstörten Zwillingstürme des World Trade Center zu erkennen sind.

Regisseur Spielberg ließ das bewusst so – auch für spätere Veröffentlichungen etwa auf DVD oder im Stream. Denn dem Film geht es um vieles, aber bestimmt nicht um eine exakte Zukunftsvorhersage.

Erzählt wird von einer Bevölkerung in Amerika, die unterteilt ist in »Orgas« (organische Menschen), den Herrschern aus Fleisch und Blut, und »Mechas« (mechanische Menschen). Letztere sehen zwar aus wie echte Menschen, sind aber nur realistisch wirkende Roboter voller Mikrochips und Glasfasern. Ihr Verhalten ist Sinnlichkeitssimulation.

Bedingungslose Liebe

Als neueste Entwicklung gibt es in der Mecha-Produktion jetzt jedoch David: blaue Augen, seidiger Blick, sanfte Stimme – ein süßer kleiner Junge, gespielt vom »The Sixth Sense«-Kinderstar Haley Joel Osment, der bei den Dreharbeiten zwölf Jahre alt war und sich hier selbst übertrifft.

Am Prototyp wird eine ganz besondere Programmierung ausprobiert: Liebe, die bedingungslose Liebe eines Kindes zur Mutter.

Auf der Gebrauchsanweisung des emotionalen Objekts steht die Warnung, Pflegeeltern sollten sich das gut überlegen: Die Programmierung ihres äußerst liebesbedürftigen Roboters könne nie mehr gelöscht werden. Doch die »Mutter« schreitet trotz Bedenken zur Tat – und kann das unheimliche Wesen mit dem sanften Blick später doch nicht lieben.

Von Kubrick zu Spielberg

Als ihn die »Mutter« im Wald aussetzt, hat David nur noch ein Ziel: Er will ein echter Junge werden, damit ihn die Mama liebt. Mit Hilfe des Gigolo-Androiden Joe (Jude Law) geht er auf die Suche nach der blauen Fee, von der er in der Geschichte »Pinocchio« gehört hat. Sie soll ihn verwandeln.

Steven Spielberg übernahm das Projekt von seinem 1999 gestorbenen Kollegen Stanley Kubrick, mit Hunderten Zeichnungen von Sets und Szenen. Es scheint aber sehr sicher, dass Spielberg hier ordentlich Rührseligkeit hineingerührt hat.

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Jahrzehntelang hatte sich Kubrick mit dem Projekt befasst; er war überzeugt, dass dieses postmoderne Pinocchio-Märchen, das auf der Kurzgeschichte »Supertoys Last All Summer Long« von Brian Aldiss (1925-2017) basiert, spannende Fragen zu Technologie und Menschlichkeit aufwirft.

Besonderheiten des Films

Der Film beginnt mit rauschenden Meereswogen und einer Stimme aus dem Off: Die Polkappen sind durch den menschengemachten Klimawandel abgeschmolzen, Städte wie Venedig, Amsterdam und New York im Meer versunken.

Menschsein ist zum Privileg geworden. Viele Roboter, aber auch Robotermüll, haben zu einer missgünstigen Welt mit einer roboterfeindlichen, geradezu »rassistischen« Gesellschaftsstruktur geführt.

Auf seiner Odyssee und der Suche nach der blauen Fee fliegt David gegen Ende mit seinem Roboter-Kumpel und einem Teddy nach Manhattan. Die Skyline steht im Ozean, die Zwillingstürme des World Trade Center sind aber deutlich zu erkennen.

In gewisser Weise irreführend

Nach einem Zeitsprung von 2000 (!) Jahren – das gibt es auch in Filmen nicht oft – spielt die letzte halbe Stunde des philosophischen Werks in einer fernen Zukunft. Die Menschen sind ausgestorben, aber freundliche Roboter-Wesen, die gar nicht so peinlich aussehen, wie man denken könnte bei einer derart gewagten Story, sind in der Lage, Davids größten Wunsch zu erfüllen: einen glückseligen Tag mit seiner »Mommy«, die ihm sagt, dass sie ihn lieb habe.

Lassen Sie sich nicht vom Titel täuschen. Der Film sollte nicht als Vorhersage des Aufstiegs generativer und autonom agierender KI gesehen werden. Dafür ist Kubricks Epos »2001: Odyssee im Weltraum« aus dem Jahr 1968 weit besser geeignet.

Tatsächlich unterscheiden sich heutige KI-Systeme grundlegend von David. ChatGPT, Claude und Gemini können zwar überzeugende Texte und Bilder generieren, doch sie empfinden weder Einsamkeit noch Sehnsucht oder Liebe.

Tiefgründige Fragen

David dagegen ist als bewusste, leidensfähige Entität konzipiert. Er ist das Resultat wissenschaftlichen Kalküls. »Können «Mechas» lieben?«, fragt der Schöpfer des Robot-Menschen. Doch gleich zu Beginn stellt eine Frau die entscheidendere Frage: Können denn Menschen »Mechas« lieben?

Genau deshalb ist der Film auch aktueller, als es den Anschein hat. Denn 2026 interagieren Menschen zunehmend emotionaler mit KI-Assistenten und Begleiter-Chatbots. Wie schnell bauen wir eine Bindung zu Maschinen auf? Welche Verantwortung tragen die Entwickler von »intelligenter« Technologie?

Aber auch: Werden uns die realen Menschen durch die Technik zunehmend wie Roboter präsentiert, die man in sozialen Medien einfach herabwürdigen kann oder in Dating-Apps einfach ghosten kann, weil uns ihre Emotionen egal sind?

Auch ein Vierteljahrhundert nach seiner Veröffentlichung ist »A.I. – Künstliche Intelligenz« beunruhigend – nicht etwa, weil die Zukunft genau so eingetreten ist, wie sie sich Kubrick und Spielberg vorgestellt haben, sondern weil viele der tiefgründigen Fragen, die hier aufgeworfen werden, nach wie vor unbeantwortet sind – und ausgesessen werden.

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