Slowakei

»Wir würden es als großen Verlust empfinden«

Innenraum der orthodoxen Synagoge Foto: Stadt Prešov

Die slowakische Kulturministerin Martina Šimkovičová lässt aus nicht näher genannten Gründen landesweit Museen und andere Kultureinrichtungen schließen. Die rechtspopulistische Politikerin wird immer wieder dafür kritisiert, dass sie Mitglieder der Kulturszene schikaniert und Hass gegenüber Minderheiten zum Ausdruck bringt. Ihrer Meinung nach ist »die Kultur des slowakischen Volkes slowakisch, nur slowakisch, und nichts anderes«. Fast wäre ihr auch das Jüdische Museum in der ostslowakischen Stadt Prešov zum Opfer gefallen.

Die Stadtverwaltung zeigte sich über den Schließungswunsch sehr verwundert, da es sich mit etwa 4000 Besuchern im Jahr um eines der beliebtesten Museen in Prešov handelt, das mit minimalen Ausgaben betrieben wird. Der jährliche staatliche Zuschuss betrage nicht einmal 10.000 Euro.

Verhandlungen mit dem Betreiber des Museums

Nach Verhandlungen mit dem Betreiber des Museums, dem Nationalmuseum und der jüdischen Gemeinde der Stadt, entschloss sich Bürgermeister František Olʼha kurzerhand, diesen Betrag zur Verfügung zu stellen, um die Ausstellung vor dem Ende zu bewahren. Dies teilte er auf einer Pressekonferenz vor der im vergangenen Jahr aufwendig renovierten orthodoxen Synagoge mit. Sein neues Geschäftsmodell umfasst die Neugestaltung des Jüdischen Museums, den Ankauf der Vitrinen, die derzeit dem Nationalmuseum gehören, und unentgeltliche Führungen. Er hoffe, dass sich die EU in Zukunft an den Ausgaben beteiligen werde, so Olʼha.

Die grandiose Synagoge aus dem spätern 19. Jahrhundert, in deren Galerie sich das Museum befindet, beherbergt die sogenannte Bárkány-Kollektion. Die ist mit mehreren Tausend Exponaten eine der wichtigsten Judaica-Sammlungen in Mittelosteuropa. Eugen Bárkány war Unternehmer und Bauingenieur und leidenschaftlicher Sammler. Er gründete 1928 das Museum. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Ausstellung geschlossen und später von der kommunistischen Regierung nicht wiedereröffnet.

Wie durch ein Wunder ist der größte Teil der Exponate erhalten geblieben, wurde 1953 nach Prag gebracht und ausgestellt. Nach der Auflösung der Tschechoslowakei im Jahr 1993 wurde die Ausstellung über das Slowakische Nationalmuseum an die jüdische Gemeinde von Prešov zurückgegeben. Das Bethaus, in dem regelmäßig Gottesdienste abgehalten werden, ist Eigentum der Gemeinde.

Moralische Pflicht

»Die jüdische Bevölkerung war immer ein Bestandteil unserer Stadt, und es ist uns wichtig, diese Geschichte gewissenhaft zu bewahren und an künftige Generationen weiterzugeben«, sagte Olʼha gegenüber dieser Zeitung. Prešov habe der jüdischen Gemeinde während des Zweiten Weltkriegs, als die Deportationen stattfanden, großes Leid zugefügt. Auch das sei Teil der Stadtgeschichte, vor dem man nicht die Augen verschließen dürfe, so der Bürgermeister.

Lesen Sie auch

Es sei nun die moralische Pflicht der Stadt, ihre historischen Überlieferungen als wichtige Quelle der Erinnerung an das lokale Judentum zu bewahren und zu präsentieren. Und nicht zuletzt gehe es auch darum, die Stadt touristisch attraktiver zu machen. »Wir würden es als großen Verlust empfinden, wenn wir den Besuchern die bedeutende Bárkány-Sammlung, die zu den wichtigsten der jüdischen Gemeinschaft in Mitteleuropa gehört, nicht präsentieren und die jüdische Geschichte unserer Stadt, die so eng mit Prešov verbunden ist, nicht vermitteln könnten«, fügte er hinzu.

Vor der Schoa lebten in Prešov rund 4300 Juden, die knapp 18 Prozent der Gesamtbevölkerung stellten. Nur sehr wenige haben überlebt. František Olʼha schätzt die Zahl der jüdischen Einwohner heute auf 100 bis 200.

Kanada

B’nai Brith: »Jüdische Kanadier werden terrorisiert«

Kanada erlebt eine Serie antisemitischer Gewalttaten. Laut einer jüdischen Organisation ist das Jahr 2026 für die Gemeinschaft bereits jetzt das gewalttätigste in ihrer jüngeren Geschichte

 10.05.2026

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Berlin

Daniel Libeskind warnt vor Judenhass und AfD-Erfolgen

In einem Interview kritisiert der Architekt die israelische Regierung und äußert Sorgen in Zusammenhang mit dem Erstarken der AfD in der Bundesrepublik. Auch spricht er über jüdische Identität

 08.05.2026

Comedy-Legende

Don Rickles: Meister der Beleidigungen

Heute wäre der große Stand-Up-Comedian 100 Jahre alt geworden. Seine Spezialität: Er zog sein Publikum durch den Kakao

von Imanuel Marcus  08.05.2026

Prag

Jüdischer Protest gegen Kanye-West-Konzert

Der US-Rapper Kanye West ist wegen wiederholter Äußerungen zu Hitler und der NS-Zeit höchst umstritten. In Prag formiert sich nun Widerstand gegen ein geplantes Konzert - insbesondere von jüdischer Seite

 07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

80 Jahre

Was unsere Leser sagen

Die Jüdische Allgemeine hat auch im Ausland Fans. Um unsere Leser besser kennenzulernen, haben wir unter anderem in Finnland, Malta, der Schweiz, Spanien, Israel und in den USA nachgefragt

 07.05.2026

Kanada

Festnahme nach Schüssen auf Synagogen im Raum Toronto

Eine Aufklärung der Anschläge auf die Synagogen Beth Avraham Yoseph und Shaarei-Shomayim-Synagoge könnte damit näher gerückt sein

 07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026