Slowakei

In Bratislava brodelt’s

Wo die Trennlinie verläuft und die jüdische Gemeinde von Bratislava in zwei Lager spaltet, lässt sich ein paar Minuten außerhalb des Stadtzentrums besichtigen. Dort fließt die Donau träge und breit an Bootsanlegestellen vorbei, auf einer Anhöhe erhebt sich die wuchtige Burg mit ihren vier markanten Türmen, im Hintergrund stapeln sich die Plattenbauten bis zum Horizont, und hier, gleich neben der Schnellstraße, hat jemand einen mannshohen Zaun in den Boden betoniert, dessen Metallstäbe nach oben hin spitz zulaufen. »Dies ist ein heiliger Ort«, steht auf einem Schild, und um Missverständnisse zu vermeiden, ist es in vier Sprachen geschrieben, auf Hebräisch, Englisch, Deutsch und Slowakisch. So wie das Schild dort steht, wird gleich klar, dass es keine Einladung ist. Es ist eine Warnung, ein unmissverständliches Komm‐mir‐nicht‐zu‐nah.

»Ach, dass man das so absperren muss«, brummt Pavol Mestan. Er ist Gründungsdirektor des jüdischen Museums in Bratislava, ein Mann, der scheinbar nie zur Ruhe kommt und ständig in der Stadt unterwegs ist, um über sein Museum zu sprechen und über das Judentum. Den Streit um das Denkmal hat er verfolgt, seit er damals aufgekommen ist – damals, als die jüdische Gemeinde angefangen hat, am Ufer einen Erinnerungsort für Mosche Schreiber, den Chatam Sofer, einzurichten, der einst als Oberrabbiner zu einer Schlüsselfigur des europäischen Judentums wurde. Pavol Mestan ist einer von denen, die sich eine offene jüdische Gemeinde wünschen, eine enge Einbindung in das Leben von Bratislava. Und dann gibt es noch die anderen, jene, die sich am liebsten ganz zurückziehen würden und ihr Judentum im Verborgenen leben möchten, unbeobachtet und ungestört von der Gesellschaft außerhalb der Gemeinde. Ausgerechnet der Chatam Sofer ist zum Symbol für diesen Streit geworden.

habsburg Wer mehr erfahren möchte über den Chatam Sofer, muss das jüdische Museum in der Altstadt besuchen. Um die Geschichte der slowakischen Juden geht es in der Ausstellung, und somit geht es vor allem um Chatam Sofer. Nach Bratislava kam er zu Beginn des 19. Jahrhunderts, damals hieß die Stadt noch Pressburg und war fest verankert in der österreichisch‐ungarischen Monarchie. Ein paar Jahrzehnte zuvor hatte Kaiser Joseph II. sein Toleranzpatent erlassen, jenes Gesetz, das allen Bewohnern seines Reiches die Bürgerrechte zusicherte und die Gleichberechtigung ohne Nationalitäts‐ und Glaubensunterschiede. Das war die Zeit, in der die jüdischen Gemeinden überall im Habsburger Reich aufblühten, in der sich Prag und Budapest zu glänzenden Zentren des liberalen Judentums entwickelten.

Und dann kam der Chatam Sofer, jener strenge Rabbiner aus Frankfurt am Main, der die Haskala verdammte, die jüdische Aufklärung. »Die Tora verbietet alles Neue«, verkündete er, der berühmte Kommentator des Talmuds und angesehene Gelehrte. Die Assimilierung ging ihm zu weit, seinen Gemeindemitgliedern untersagte er die weltliche Ausbildung und hieß sie jiddisch miteinander sprechen. Seine Autorität in der Gemeinde war unangefochten. Bratislava wurde rasch zur orthodoxen Insel inmitten der liberalen Strömungen. Die aufgeklärten Juden in Prag, Wien und Budapest blickten irritiert nach Pressburg, in jenes europäische Jerusalem, wie sie es nannten.

Wunde Der zweite Teil der Geschichte des Chatam Sofer ist jener, den die Besucher in Pavol Mestans Museum nicht mehr erfahren. Es ist der Teil, der in der jüngeren Vergangenheit spielt.

Darin geht es um den historischen jüdischen Friedhof, gelegen unten an der Donau. Seit 1660 hat die Gemeinde hier ihre Toten begraben, auch die Überreste des Chatam Sofer ruhten hier. Die Stadtplaner allerdings hatten 1942 – die Slowakei war ein Marionettenstaat Nazideutschlands – gerade das Ufer der Donau als geeignete Strecke für eine Ausfallstraße befunden. Zudem ließen sie in den Felsen unterhalb der Burg einen Tunnel sprengen, dessen Röhre gerade auf der Höhe des jüdischen Friedhofs wieder ans Tageslicht kommt. Die Planer schütteten dafür eine sechs Meter hohe Erdschicht am Ufer auf, ihre Bulldozer und Asphaltmaschinen ließen sie quer über den Friedhof walzen.

Erst ein paar Jahre ist es her, dass die jüdische Gemeinde in Bratislava versucht hat, diese Wunde zu schließen. Ein Mahnmal hat sie errichtet, es ist jene freie Fläche neben der Ausfallstraße, die mit dem hohen Zaun umstellt ist. In einem schmalen Betonkubus führt eine Treppe unter die Erde, dort erst öffnet sich spektakulär ein riesiger Raum. Es ist ein Teil des alten jüdischen Friedhofs mit seinen Grabsteinen, der bei den Straßenbauarbeiten zuvor einfach mit Erde aufgeschüttet worden ist. Jetzt ist er unterirdisch wieder hergestellt, der Lärm der Straße dringt bis zu diesem Platz unter der Erde nicht vor. Das Denkmal für den Chatam Sofer, so nennt es die jüdische Gemeinde bescheiden.

Dass der junge Architekt mit diesem Bauwerk Preise gewonnen hat, scheint ihr unnötig viel Aufmerksamkeit auf den Chatam Sofer zu richten. Die Straßenbahnhaltestelle vor dem versteckten Abstieg in die Unterwelt ist nach dem Rabbiner benannt, aber die wenigsten, die hier aussteigen, können mit dem Namen etwas anfangen.

geheim So abgeschottet hält sich die jüdische Gemeinde, dass sie das Denkmal so gut wie nie öffnet. Um ihre Synagoge in der Altstadt hat sie einen hohen Zaun gezogen, für die Verwaltung ein paar Zimmer in einem Wohnhaus angemietet, am Klingelschild ist sie nur mit einer kryptischen Abkürzung zu finden. Bei so viel Geheimhaltung wird Pavol Mestan mit dem Museum zum wichtigsten Bindeglied nach außen. »Mein Ziel war es, das Judentum zu enttabuisieren«, sagt er. Neben seinem Schreibtisch hängen zwei dunkle Ölporträts von früheren Rabbinern. Als würdevolle Herren sind sie gemalt, mit Bärten und ledergebundenen Schriften in den Händen.

Mestan trägt ein helles Polohemd, die Hände steckt er in die Hosentaschen. »Viele Slowaken kommen in das Museum und sind voller Klischees über uns Juden. Diese alten Schauermärchen, dass wir Blut trinken und die ganzen anderen Horrorgeschichten, die gibt es immer noch.« Im Gewölbekeller des Museums hat Mestan einen symbolischen Friedhof eingerichtet, auf dem Grabsteine mit hebräischen Inschriften aufgestellt sind. Eine Etage darüber gibt es eine nachgebaute Synagoge – die einzige in ganz Bratislava, die öffentlich zugänglich ist. »Viele Besucher sehen bei uns zum ersten Mal im Leben eine Synagoge«, sagt Mestan. »Ich weiß ja nicht, was sie erwarten, aber die meisten stellen ganz begeistert fest: ›Jesus Maria, das sieht ja aus wie bei uns in der Kirche!‹« Und dann setzt sich Mestan in seinem Stuhl kerzengerade auf. Er ruft: »Die Leute haben ja Interesse am Judentum und an uns Juden – wir müssen sie aber eben auch teilhaben lassen!«

Sorgen Vielleicht haben sie einfach Angst, die Gemeindemitglieder. Eine Angst, die dafür sorgt, dass sie sich einigeln. So würde Peter Salner das nie ausdrücken. Er ist Vorsitzender der Gemeinde, ein Mann mit festem Händedruck und gewinnendem Lächeln. Wenn er über seine Gemeinde spricht, redet er von den Sorgen, die ihn drücken, und er redet von der Vergangenheit, um diese Befürchtungen zu erklären.

»Die meisten Juden, die den Holocaust überlebt haben, sind 1968 ausgewandert, als der Prager Frühling niedergeschlagen wurde«, sagt er. Einen Rabbiner gab es danach in der ganzen Slowakei nicht mehr. Einzig ein paar Alte erinnerten sich an die religiösen Traditionen und gaben sie weiter, so gut sie konnten. Viele wollten aber lieber nicht zuhören, sie hatten diese Angst vor Repressalien, die unter den Kommunisten nicht ganz unberechtigt war. Nur noch ein paar hundert Mitglieder hatte die Gemeinde, als 1993 wieder ein Rabbiner nach Bratislava kam. Ein Orthodoxer, so wie es die Tradition der Gemeinde vorsieht. Die Realität war aber eine andere: »Bis auf einige Ausnahmen sind unsere Mitglieder liberal«, sagt Peter Salner, »die meisten sind säkular.«
Vergangenheit Es sind die kleinen Gesten, die zeigen, wie verwundet die jüdische Gemeinde ist. Pavol Mestan, der Museumsdirektor, wundert sich über die Frage nach dem jüdischen Bratislava. Mit einer raschen Handbewegung weist er aus dem Fenster. Dort braust eine vierspurige Stadtautobahn entlang, gebaut in den 60er‐Jahren. Sie hat das einstige jüdische Viertel von der christlichen Altstadt abgeschnitten, die prächtigste Synagoge der Stadt wurde für für den Bau abgerissen. Das niedergewalzte Judentum, dafür steht der Blick aus dem Fenster von Pavol Mestan. »Im Museum wollen wir zeigen, was es hier für eine reiche Kultur, für eine lebendige Gemeinde gab«, sagt er. Seinen Satz formuliert er bewusst in der Vergangenheitsform. »Es gibt nichts mehr, womit wir daran anknüpfen könnten. Das ist kein Pessimismus, das ist einfach eine Feststellung. Alle sprechen von einer langsamen Entwicklung – aber wer soll denn hier etwas entwickeln?«

Der Gemeindevorsitzende Peter Salner setzt seine Hoffnung auf Vielfalt: Einmal im Monat fliegt ein liberaler Rabbiner aus London ein, um Gottesdienste zu halten und Unterricht zu geben. »Er soll die Orthodoxie nicht ersetzen, aber er kann das Interesse eines Teils der Gemeindemitglieder wecken – vor allem das der Jungen.« 15 Männer gehen am Schabbat in die Synogage, durchschnittlich. Seit fünf Jahren können auch jene in die Gemeinde aufgenommen werden, bei denen nur der Vater Jude ist. Es gibt einen orthodoxen Kindergarten, Jugendgruppen und einen Seniorenclub.

»Als ich hier in der Gemeinde aktiv geworden bin, war ich oft der Jüngste in der Synagoge«, sagt Peter Salner. »Heute bin ich einer der Ältesten.« Fast zwei Jahrzehnte liegen dazwischen, und Salner schöpft daraus seine Hoffnung. Der Trend, wie er ihn deutet, geht in Richtung Jugend.

Zank Aber dann ist da dieser Streit in der Gemeinde. Vordergründig geht es um das verbreitete Gezerre zwischen Orthodoxen und Liberalen. Die Orthodoxen schimpfen, dass der liberale Rabbiner die Gemeinde schwäche, man habe schließlich einen eigenen Geistlichen. Manche Liberale wiederum finden in der orthodox geprägten Umgebung keine richtige Heimat. Hinter dem Zank steht aber auch die Frage, wie sich die Gemeinde im Leben der Hauptstadt positionieren soll. Die meisten plädieren für eine streng abgeschirmte Parallelexistenz, nach all den schlimmen Erfahrungen der Vergangenheit. Die anderen wollen sich gerade deshalb öffnen und die Gemeinde selbstbewusst nach außen präsentieren.

»Ich stehe zwischen den Lagern und versuche zu vermitteln«, sagt Peter Salner. Der Gemeindevorsitzende als Chefdiplomat, das ist seine anspruchsvollste Aufgabe. Zum Symbol für die verhärteten Fronten hat sich das Denkmal für den Chatam Sofer entwickelt, der unterirdische Friedhof neben der Ausfallstraße. Warum sollte man das nicht zugänglich machen, fragen die Liberalen. Die Stadt Bratislava hat schon einmal eine mehrsprachige Broschüre drucken lassen über das jüdische Erbe der Stadt, damit will man Touristen locken. Doch die Orthodoxen graut es bei eben dieser Vorstellung. Ihr Heiligtum betreten sie nur ein paar Mal pro Jahr, dort unten vertiefen sie sich in ihr Gebet. Ein Ziel für Tagestouristen, die aus dem nahen Wien herüberkommen nach Bratislava, wollen sie auf keinen Fall daraus machen.

Peter Salner hat den Streit auf geradezu salomonische Weise gelöst. Vorlesungen für Studenten gibt es regelmäßig, Gäste der Gemeinde können auch ins Denkmal. Für die Öffentlichkeit ist es nur einmal pro Woche für zwei Stunden zugänglich. Wann diese genau sind, verrät Peter Salner aus Angst vor dem Ansturm aber lieber nicht.

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