Österreich

»Geschichte wurde schon immer politisiert«

Sarah Abrevaya Stein bleibt Optimistin. Foto: Baron Awards

Frau Stein, was bedeutet die Auszeichnung mit dem Salo W. und Jeannette M. Baron Preis für wissenschaftliche Exzellenz in der Erforschung des Judentums in Zeiten, da die Wissenschaften und vor allem Geschichte instrumentalisiert, verfälscht und umgedeutet werden und an US-Universitäten Ziel direkter politischer Angriffe sind?
Es ist eine Zeit, in der diejenigen von uns, die lehren, lesen, Bücher schreiben, unterrichten und kritische Wissenschaft betreiben, ihre Aufgabe ernster nehmen. Wir spüren, dass es nun erforderlich ist, kritisch über die Vergangenheit nachzudenken und dieses Wissen zu nutzen, um über die Gegenwart in all ihrer Pracht und auch mit all ihren Traumata nachzudenken. Ich denke, eine Möglichkeit, wie wir historisches Wissen gegen traumatische aktuelle Ereignisse einsetzen können, besteht darin, die historischen Akteure in ihrer ganzen Vielfalt mit Empathie, mit Sympathie und mit Sensibilität für deren eigene Geschichten zu betrachten. Das ist etwas, was ich in meiner Arbeit zu tun versuche – nämlich die Schicksale der unscheinbarsten Akteure der Geschichte zu erheben. Das sind auch diejenigen Geschichten, die heute am verletzlichsten sind. Deshalb halte ich diese Arbeit für umso wichtiger.

Welche Geschichte wird in diesem Augenblick geschrieben?
Wir erleben ein Aufkommen von Angst, Wut und Gier. Nichts davon ist neu für die Menschheit, allerdings sehen wir einen Anstieg auf globaler Bühne und eine Einbindung dieser Motive in die Politik. Aber es gibt auch Zeichen der Hoffnung: Aktivismus und Leidenschaft, die Tatkraft und Kreativität der jüngeren Generationen, die Verteidigung von Werten, an die wir glauben. Ich bin von Natur aus Optimistin, und ich glaube, dass das, was wir tun, von Bedeutung ist.

Heute bestimmen Algorithmen, was wir lesen, Künstliche Intelligenz verfasst Bücher, oder jemand zieht einfach einen Stecker, und Daten sind verloren. Führen neue Technologien zu intellektueller Unterforderung auf Kosten des Menschheitswissens?
Es ist ein gefährlicher Moment. Ich unterrichte Holocaust-Geschichte und habe im Laufe der Jahre wahrscheinlich Tausende Studenten unterrichtet. Ich habe meinen Kurs komplett umgestaltet – nicht um ihn KI-sicher zu machen, sondern um den Studenten beizubringen, wie sie mit den heute zugänglichen Werkzeugen auf clevere und kritische Weise arbeiten können. KI wird niemals bedeuten, dass wir nicht mehr lesen müssen und keine Bücher mehr brauchen, dass die Kompetenzen von Forschung obsolet werden. Sie wird nie bedeuten, dass wir nicht tiefer nach Antworten graben müssen oder mit einem kritischeren und einfühlsameren Blick dabei vorgehen müssen. Ich hoffe, dass wir lernen können, diese Werkzeuge als Lehrende effektiv zu nutzen, und uns nicht vor ihnen verstecken. Die Frage ist, wie wir auf die Technologie mit einer Vision reagieren, um mit den technologischen Veränderungen Schritt halten zu können. Wir können den Kopf nicht in den Sand stecken.

Welche Facette der jüdischen Geschichte ist Ihnen besonders wichtig?
Die Preisstifter Salo und Jeannette Baron haben 1928 in einem bahnbrechenden Aufsatz gegen die vorherrschende Idee angeschrieben, die jüdische Geschichte auf eine Geschichte des Leidens zu reduzieren. Aber Gelehrte müssen bis heute an diese Botschaft erinnert werden. Lehrende und Studierende der jüdischen Geschichte haben die Verantwortung, in der Vergangenheit die Freude, die Vielfalt, die Dramen des alltäglichen Lebens zu suchen – und nicht nur eine Erzählung von Leid oder Verlust.

Mit der Historikerin an der University of California sprach Stefan Schocher.

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