Berlin

Daniel Libeskind warnt vor Judenhass und AfD-Erfolgen

Der Künstler und Architekt Daniel Libeskind am Donnerstag im Jüdischen Museum Berlin, wo heute die Ausstellung »Between the Lines - Daniel Libeskind und das Jüdische Museum Berlin« beginnt. Foto: picture alliance/dpa

Daniel Libeskind sieht das jüdische Leben in Deutschland angesichts zunehmenden Antisemitismus und wachsender politischer Spannungen vor neuen Herausforderungen. In einem Interview mit dem »SZ Magazin« äußerte sich der Schöpfer des Jüdischen Museums Berlin besorgt über gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland und kritisierte zugleich die Politik von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu scharf.

Mit Blick auf die Lage in Deutschland sagte Libeskind, das Land habe sich lange klar zu seinen demokratischen Werten bekannt. »Doch auch das kann sich ändern, wenn die AfD an immer mehr Orten an die Macht kommt«, warnte der Architekt, der am Dienstag 80 Jahre alt wird. Antisemitische Tendenzen sieht er inzwischen nicht mehr nur am rechten Rand. »In Deutschland gab es immer die Rechten mit ihrer neofaschistischen Haltung. Aber mittlerweile gibt es das auch auf der linken Seite, im progressiven Lager.«

Libeskind, dessen Eltern den Holocaust überlebten, sprach ausführlich über seine jüdische Identität. Jüdisch zu sein bedeute für ihn nicht in erster Linie Religion, sondern Zugehörigkeit und Tradition. »Jüdisch zu sein hat nichts damit zu tun, religiös zu sein. Es ist eine Identität. Ein Bekenntnis zu Traditionen und Werten«, sagte er.

»Offensichtliche Unzulänglichkeiten«

Besonders prägend sei für ihn die jiddische Sprache gewesen. »Jiddisch ist die Sprache, die mir eine Identität gegeben hat, eine Verbindung zu den sechs Millionen ermordeten Juden«, erklärte er. Die ausgelöschte jüdische Welt Osteuropas habe seine Kindheit stark geprägt. »Es war die verschwundene Welt der Juden in Polen. In dieser Leere bin ich aufgewachsen.«

Lesen Sie auch

Auch zum Gaza-Krieg und den Folgen des Hamas-Massakers vom Oktober 2023 äußerte sich Libeskind differenziert. Einerseits werde Israel angegriffen, andererseits habe sich die Rolle des Landes verändert. »Israel befindet sich nicht mehr in der Rolle des Opfers, sondern in der Rolle einer gut bewaffneten Nation«, sagte er. Zugleich sprach er von »offensichtlichen Unzulänglichkeiten«.

Besonders deutlich fiel seine Kritik an Benjamin Netanjahu aus. Libeskind sagte, seine Mutter, eine überzeugte Zionistin, wäre »zutiefst schockiert« darüber, wie sich der Zionismus unter Netanjahu entwickelt habe – »vom Ideal einer Zuflucht für Verfolgte zu einer Unterdrückung anderer«. Er selbst stimme dieser Einschätzung zu. Damit äußert er eine von einem Teil der israelischen Linken vertretenen Meinung.

Emotionaler Baustil

Der international bekannte Architekt sprach zudem über seine enge Beziehung zu Berlin. Dass ausgerechnet dort sein erstes großes Bauwerk entstand, empfindet er bis heute als bemerkenswert. Berlin sei einerseits der Ort gewesen, »von dem aus die Vernichtung der Juden und von Millionen anderer Menschen gesteuert wurde«, zugleich aber auch eine Stadt mit offener Zukunft.

Das von Libeskind entworfene Jüdische Museum Berlin feiert derzeit sein 25-jähriges Bestehen. Der Architekt verteidigte erneut seinen bewusst emotionalen Baustil gegen frühere Kritiker. Architektur müsse Geschichten erzählen, sagte er. »Alles, was keine Geschichte – keine Bedeutung – vermittelt, schafft keine menschliche Verbindung und bleibt im Gedächtnis nicht haften.«

Am selben Museum beginnt heute die Ausstellung »Between the Lines Between the Lines – Daniel Libeskind und das Jüdische Museum Berlin«. im

Jerusalem

Großeltern umgebettet: Theodor Herzls letzter Wille ist erfüllt

Die Überreste von Schimon und Rikva Herzl, Vorfahren väterlicherseits des Zionismus-Begründers und prägende Gestalten in Theodor Herzls Jugend, wurden von Serbien nach Israel überführt und auf dem Herzlberg beigesetzt

 06.08.2026

Palma

Michael Douglas ist Ehrenbotschafter Mallorcas

Der Hollywood-Star mit jüdischem Familienhintergrund wird für seine enge Verbindung zu der spanischen Insel und sein Engagement für deren kulturelles Erbe geehrt

 06.08.2026

Frankreich

Eine Abrechnung mit dem Judenhass der neuen Linken

Nach 41 Jahren verlässt der anerkannte Journalist Jean Quatremer die beliebte Tageszeitung »Libération«. Er wirft Kollegen einen »entfesselten Antisemitismus« und eine ideologische Schreckensherrschaft vor

 06.08.2026

USA

Seitenwechsel

In Stanford hetzte Taryn Thomas auf Studentenprotesten gegen Israel. Dann sah sie die Nova-Ausstellung – und wurde zur »Verräterin«

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  06.08.2026

Großbritannien

Tories wegen Nominierung von Ex-Neonazi in der Kritik

Die Chefin der Konservativen Partei hält ihn für resozialisiert, doch die jüdische Labour-Politikerin Luciana Berger ist skeptisch, was eine Kandidatur des früheren Rechtsextremisten Joshua Bonehill-Paine bei der Kommunalwahl 2027 anging

von Michael Thaidigsmann  06.08.2026

Litauen

Bima der Großen Synagoge von Vilnius endlich freigelegt

Während die Ausgrabungen voranschreiten, geht die Debatte über die Zukunft des Ortes weiter. Soll dort ein Gemeindezentrum entstehen, ein religiöses Zentrum oder eine Erinnerungs- und Bildungsstätte?

 05.08.2026

Nachruf

Holocaust-Überlebender und Historiker Marģers Vestermanis mit 100 Jahren gestorben

Seine Eltern und Brüder und weitere Angehörige werden 1941 beim Massaker von Rumbula ermordet. Er selbst überlebte als einziges Familienmitglied. Nach dem Krieg wurde er Historiker

 03.08.2026

Frankreich

Rückkehr nach Rennes

Unweit vom Dreyfus-Museum führen Schüler am Originalort den Prozess auf. Neben beeindruckenden Landschaften bietet die Bretagne auch eine Lektion in jüdischer Geschichte

von Mark Feldon  02.08.2026

Russland

Der schweigende Oligarch

Roman Abramowitsch ist immer wieder Ziel antisemitischer Propaganda. Doch er ist auch regelmäßig zu Gast im Kreml. Eine Annäherung

von Alexander Friedman  02.08.2026