Schabbat beginnt, wenn am Freitag die Sonne untergeht, und endet, wenn samstags drei Sterne am Himmel zu sehen sind. Klingt eigentlich ganz einfach – außer, man lebt an einem Ort, an dem es im Sommer kaum bis gar nicht dunkel wird. Denn im Norden Norwegens scheint die Sonne im Sommer wochenlang rund um die Uhr. Selbst im bevölkerungsreichen Süden werden die Nächte sehr kurz. Für norwegische Jüdinnen und Juden stellt sich deshalb eine Frage, die in Jerusalem oder Berlin kaum jemand beschäftigt: Wann beginnt eigentlich ein neuer Tag, wenn es weder Sonnenuntergang noch Nacht gibt?
»Norwegen ist ein wunderbares Land zum Leben«, sagt Daniel Needlestone. »Gleichzeitig wurde es definitiv nicht für die Religionen des Nahen Ostens erschaffen.« Für den Osloer Rabbiner Joav Melchior sind die extremen Lichtverhältnisse des Nordens eine Herausforderung, die sich aber mithilfe jahrhundertealter halachischer Diskussionen bewältigen lasse. Man müsse sich den Schwierigkeiten des Lebens stellen und die besten Lösungen finden. Wenn die Sonne nicht untergeht, wird laut Melchior nicht der Sonnenuntergang, sondern ihr tiefster Stand als Orientierungspunkt herangezogen. Sobald sie wieder steigt, hat bereits ein neuer Tag begonnen.
Norwegen: Kein Land, das für die Religionen des Nahen Osten erschaffen wurde
»Die Sommer sind herrlich, auch wenn sie nur kurz sind«, schwärmt Daniel Needlestone gegenüber der Jüdischen Allgemeinen. »Manchmal ist es am Abend gegen 20 Uhr am wärmsten, und man kann bis spät in der Nacht draußen bleiben und das Leben genießen.« Der Umzug von Großbritannien nach Oslo war ihm zunächst nicht »wie ein großer Kulturschock« vorgekommen. »Auf dem Papier wird es im Winter in der norwegischen Hauptstadt nur etwa eine Stunde früher dunkel, die Häuser und die Kleidung sind außerdem gut isoliert, sodass man die Kälte in London oft stärker spürt als in Norwegen.«
»Die Sommer sind herrlich, auch wenn sie nur kurz sind.«
Nach einiger Zeit vermisse man dann aber doch die im Norden sehr tief stehende Sonne, »und man nutzt jede Gelegenheit, sie im Gesicht zu spüren«. Dass der Schabbat im Winter in der Gemeinde bereits um 15 Uhr und im Sommer erst gegen 20.30 Uhr beginnt, war für den heute 45-Jährigen zunächst kein Problem. »Aber nachdem ich Vater geworden war, sah die Sache ganz anders aus.« Der winterliche frühe Schabbatanfang bedeute nämlich für den Besuch des Gottesdienstes am Freitag, »dass man die Kinder unmittelbar nach Schulschluss abholen, sie umziehen und dann schnell den Bus zur Synagoge erreichen muss. Und dabei noch ein Kindergartenkind antreiben muss, dem jede Eile gleichgültig ist.«
Einfach das Auto zu nehmen, sei keine Option. Zusätzlich zur dann fälligen Maut gebe es in der Osloer Innenstadt keine kostenlosen Parkplätze, auf denen man das Fahrzeug über Schabbat stehen lassen könne. Allein schon die monatlichen gemeinsamen Schabbat-Dinner in der Gemeinde seien den ganzen Aufwand wert, »auch wenn danach ein langer Heimweg in der Kälte wartet«. Durch den späten Beginn des Schabbats sei es ihm andererseits möglich gewesen, freitags an einer sommerlichen Betriebsfeier teilzunehmen und »trotzdem rechtzeitig zu Hause zu sein, ohne gegen die Regeln zu verstoßen«, berichtet Needlestone. Die Familie habe da allerdings schon geschlafen.
Ungewöhnliche Schabbatzeiten
Die ungewöhnlichen Schabbatzeiten wirken sich allerdings auch auf das Gemeindeleben aus. Kein Wunder also, sagt Needlestone, dass die Synagoge am Schabbatmorgen deutlich besser besucht sei als am Freitagabend. Während samstags oft rund hundert Menschen kämen, sei es freitagabends mitunter schwierig, überhaupt einen Minjan zusammenzubekommen. Andererseits sei es dadurch möglich, »Familie und Freunde freitags zum Abendessen einzuladen, denn sie können anschließend problemlos nach Hause fahren, bevor der Ruhetag beginnt.«
In diesen Tagen endet der Schabbat in Oslo gegen 0.15 Uhr am Sonntagmorgen. »Die Hawdala vergessen wir dann oft, sie wird fast zu einem Winterritual«, so Needlestone. An Schawuot habe man in Oslo »gewissermaßen zwei Nächte zum Lernen zur Auswahl«. Die sommerlichen Fastentage könnten dagegen »außergewöhnlich lang werden. Sowohl der 17. Tamus als auch Tischa beAw können länger dauern als Jom Kippur.«