Amsterdam

Wegen IDF-Kantor: Concertgebouw sagt Chanukka-Konzert ab

Das Concertgebouw in Amsterdam wurde 1888 eröffnet Foto: IMAGO/NurPhoto

Der Boykott von israelischen Künstlern und Wissenschaftlern geht weiter. Nun trifft es die niederländische jüdische Gemeinschaft. Das Amsterdamer Concertgebouw hat bekanntgegeben, dass das alljährliche Chanukka-Konzert mit dem Maestro Jules Orkest unter Leitung des Dirigenten Jules van Hessen nicht wie geplant am 14. Dezember stattfinden könne. Der Grund: Einer der von den Organisatoren eingeladenen Solisten spiele »eine Schlüsselrolle« bei der israelischen Armee.

»Schweren Herzens« müsse man das Konzert absagen, erklärte die Leitung der Musikhalle in einem am Sonntag auf der Concertgebouw-Webseite veröffentlichten Statement. Der geplante Auftritt von Kantor Shai Abramson stehe »im Widerspruch zur Mission des Concertgebouw, Menschen mit Musik zu verbinden«.

Abramson ist seit 2008 auch Chefkantor der israelischen Streitkräfte und bekleidet den Rang eines Oberstleutnants. Er sorgt bei offiziellen Anlässen der IDF für die musikalische Umrahmung. So nahm er in Uniform im April diesen Jahren am »March of the Living« im ehemaligen NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau teil. Für das Concertgebouw reicht das als Grund für die Absage. Es sei in diesem Fall »von entscheidender Bedeutung, dass die israelischen Streitkräfte in einem umstrittenen Krieg aktiv involviert sind«.

Abramson stand schon mehrfach im Concertgebouw auf der Bühne

Generaldirektor Simon Reinink spricht gar von einem »sehr außergewöhnlichen Fall«, weshalb die Kunstfreiheit in den Hintergrund treten müsse. Ein Auftritt des IDF-Chefkantors stünde »in diametralem Widerspruch« zum Auftrag des Concertgebouw. Dabei wäre Abramsons Auftritt nicht der erste in dem 1888 eröffneten Konzerthaus im Süden der niederländischen Hauptstadt: Er stand dort schon bei den Chanukka-Konzerten 2022 und 2023 auf der Bühne.

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Der Streit um die Besetzung der diesjährigen Aufführung schwelt bereits seit einigen Monaten. Antiisraelische Gruppen hatten im Sommer gegen einen erneuten Auftritt Abramsons Stimmung gemacht. Die Leitung des Concertgebouw hat sich nun die Bedenken zu eigen gemacht. Mehrfach habe man auf die Stiftung eingewirkt und gebeten, einen anderen Sänger zu engagieren, jedoch ohne Erfolg, betonte man am Sonntag.

Weil die andere Seite nicht nachgegeben hätten, sei man nun gezwungen, den Vertrag zu kündigen. Man verstehe aber, dass die Angelegenheit sehr sensibel sei, und bleibe offen für »alternative Vereinbarungen« bezüglich des Chanukka-Konzerts, so das renommierte Haus in seiner Stellungnahme. »Angesichts des zunehmenden Antisemitismus ist es uns wichtig zu betonen, dass das Concertgebouw auch weiterhin ein Ort sein wird, an dem die jüdische Gemeinde willkommen ist.« Falls auf Abramson verzichtet werde, könne das Event wie geplant am Nachmittag des 14. Dezember stattfinden.

Die Holocaustüberlebende Sarah Weinstein und der Chefkantor der IDF Shai Abramson beim »March of the Living« in Auschwitz Birkenau.Foto: IMAGO/NurPhoto

Die Gegenseite will jedoch nicht nachgeben und beharrt auf dem israelischen Kantor. Die Stiftung »Chanukah-Konzert« wirft dem Concertgebouw sogar eine »Verletzung der Religionsfreiheit« vor. Es handele sich nicht um ein normales Konzert, sondern um »eine Feier, bei der der Vorsänger einen Gottesdienst leitet und Gebete spricht«, teilte ein Sprecher der Stiftung »Chanukka-Konzert« mit. Außerdem sei man dem Concertgebouw in den Verhandlungen schon entgegengekommen.

Einstweilige Verfügung angestrebt

Auf der Webseite des Concertgebouw war am Montagvormittag der Hinweis auf das Konzert weiter einsehbar – illustriert mit dem Konterfei Abramsons. Dass es nun möglicherweise nicht stattfinden kann, wird dort noch nicht erwähnt. Die jüdische Gemeinschaft gibt die Hoffnung noch nicht auf. Sie will vor Gericht eine einstweilige Verfügung gegen die Musikhalle erwirken. Abramson komme nämlich nicht als IDF-Vertreter nach Amsterdam, betonte man. »Seine Teilnahme an nationalen Zeremonien macht ihn nicht zu einem Repräsentanten, Sprecher oder Funktionär der israelischen Armee - auch wenn das Concertgebouw das ständig behauptet.«

Bereits im vergangenen Jahr hatten die Verantwortlichen dort ein Konzert wegen des Gaza-Krieges abgesagt. Damals traf es das »Jerusalem Quartet«, ein Streicherensemble. Man könne die Sicherheit wegen möglicher Proteste nicht gewährleisten, teilte Generaldirektor Reinink damals mit. Nach internationalen Protesten wurde die Absage dann aber wieder zurückgenommen, das Konzert konnte stattfinden.

Im belgischen Gent strich die Leitung des dortigen Flandern-Festivals im September kurzfristig ein bereits ausverkauftes Konzert der Münchner Philharmoniker unter Leitung von Lahav Shani vom Spielplan, weil Shani auch musikalischer Leiter des Israel Philharmonic Orchestras dient. Die Absage löste große Empörung aus, wurde aber nicht widerrufen.

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