USA

Antisemitische Empörungswelle gegen Sesamstraße

Die Sesamstraßen-Figuren von links: Elmo, Abby Cadabby und Grundgetta Foto: picture alliance/AP Photo

Fröhlich, bunt und eigentlich unstrittig: Mit einem kurzen Clip zum Jewish American Heritage Month wollte die US-amerikanische Abteilung der legendären Kindersendung Sesame Street Anfang Mai ein Zeichen setzen. Sie postete auf der Plattform X einen Ausschnitt aus einer Folge aus dem Jahr 2023, in dem die jüdische Schauspielerin Kat Graham und die quietschfidele Figur Abby Cadabby Kinder dazu einlädt, jüdische Geschichte und Kultur zu entdecken. 

Es ist eine freundliche, inklusive Botschaft – wie sie für die Sendung seit Jahrzehnten typisch ist. Doch binnen kürzester Zeit schlug den Machern der Sesamstraße blanker Hass entgegen. In wenigen Stunden sammelten sich antisemitische Kommentare, Verschwörungstheorien und bösartige Beleidigungen. 

Antisemitischer Influencer Dan Bilzerian kommentiert

Der Influencer Dan Bilzerian, der mit seinen antisemitischen und frauenverachtenden Inhalten öfter Schlagzeilen produziert, kommentierte: »No one wants any more of this Jewish supremacy nonsense« (Niemand will noch mehr von diesem Unsinn über jüdische Vorherrschaft). Damit meinte er allerdings nicht, dass »jüdische Vorherrschaft« Unsinn sei, sondern stattdessen, dass der Monat des jüdischen Erbes ein Beleg dafür sei. 

Bilzerian ist kein Unbekannter in diesem Bereich: Der selbsternannte »König von Instagram« erreichte mit Inszenierungen aus Luxus, Waffen und Provokation ein Millionenpublikum und nutzt diese Reichweite seit Jahren auch für extreme politische Botschaften. Er verbreitet wiederholt antisemitische Narrative, stellt historische Fakten wie die Opferzahlen des Holocaust infrage und teilt Inhalte einschlägig bekannter Extremisten. Auch in Interviews radikalisiert er diese Positionen und bezeichnete das Judentum pauschal als Ideologie, die »jüdische Vorherrschaft« fördere. Er erklärte zudem, dass das Judentum »fürchterlich« sei und er »Juden töten will«

Das israelische Ministerium für Diasporaangelegenheiten führt Bilzerian entsprechend prominent: In einem Ranking der »einflussreichsten Antisemiten weltweit« für 2025 belegte er Platz eins, gefolgt von Greta Thunberg auf Rang zwei. Die Liste basiert auf Kriterien wie Reichweite in sozialen Medien, Medienpräsenz und einem »Risiko-Score« für als antisemitisch oder antiisraelisch eingestufte Aussagen. 

Israelisches Diasporaministerium: »Dan Bilzerian ist einflussreichster Antisemit der Welt.«

Doch auch andere Nutzer ließen ihrem Antisemitismus freien Lauf. Einer schrieb: »Na großartig, ein ganzer Monat nur für die Juden. Als ob wir nicht jeden Tag von ihrer Opferrolle hören.« Ein weiterer: »Nein. Wir feiern keine ‚genozidalen Zionisten‘, was viele oder die meisten von ihnen sind.« 

Besonders drastisch fiel ein weiterer Beitrag aus, der die Sesamstraße mit der Jugendbewegung der Nazis verglich: »Propaganda. In die Köpfe leicht beeinflussbarer Kinder einzudringen, ist Gehirnwäsche. Erinnert sich jemand an die Hitlerjugend?«. 

Es ist nicht das erste Mal, dass die Sesamstraßen-Macher einen digitalen Shitstorm über sich ergehen lassen müssen. Im vergangenen Jahr sorgte ein mutmaßlicher Hack des X-Accounts der Figur Elmo für Aufsehen, als dort antisemitische Parolen verbreitet wurden. 

Widerstand formiert sich gegen die hasserfüllten Posts

Gleichzeitig formierte sich unter dem Sesamstraßen-Post auch Widerspruch gegen die antisemitischen Kommentare. »Das ist eine wunderbare Lektion für junge Amerikaner!«, schrieb Joan Leslie McGill von der US-Israel-Bildungsvereinigung. Andere Nutzer nannten die Kommentarspalte »erschütternd« und lobten, dass der Clip jüdische Vielfalt sichtbar mache. 

Der »Jewish American Heritage Month« geht auf eine Initiative des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush zurück, der im April 2006 erstmals eine entsprechende Proklamation unterzeichnete. Seitdem wird im Mai an die Beiträge jüdischer Amerikanerinnen und Amerikaner zur Geschichte und Gesellschaft der USA erinnert. 

Für die Sesamestraße ist die Auseinandersetzung mit Vielfalt kein Neuland. Immer wieder hat die Sendung jüdische Themen aufgegriffen oder Gäste mit jüdischem Hintergrund eingebunden. So trat etwa der Schauspieler Jake Gyllenhaal in einer Folge auf, und auch Sänger Billy Joel war Teil des erweiterten Kosmos rund um die Show. In speziellen Segmenten wurden zudem Feiertage wie Chanukka oder Pessach kindgerecht erklärt, oft mit Musik, Humor und interreligiösen Bezügen.

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