Pessach

Verantwortung anerkennen

Die ukrainischen Farben sind in diesen Tagen weltweit zum Symbol der Freiheit geworden. Foto: IMAGO/NurPhoto

Jüdische Feiertage und Gedenktage sind zeitlos. Erstaunlicherweise kann jede Generation die biblischen Geschichten auf sich selbst und die eigene Geschichte anwenden. Die Tage des Pessachfestes werden in der jüdischen Tradition als die Zeit unserer Freiheit bezeichnet – in Erinnerung an die Befreiung unseres Volkes aus der ägyptischen Sklaverei und den Beginn einer langen Reise, die zum Erwerb unseres Landes führte.

Die Sklaverei aufzugeben, bedeutet, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Die Juden trafen diese Entscheidung und legten damit den Grundstein für die moderne westliche Zivilisation. In der Vergangenheit stand die ukrainische Mazze beim Pessach-Seder nicht nur in Kiew oder Dnipro auf dem Tisch, sondern auch in Chisinau und sogar in Tiflis. In diesem Jahr war die ukrainische Gemeinde nicht in der Lage, selbst genügend Mazze zu backen. Der Verband der jüdischen Gemeinden und Organisationen der Ukraine (Vaad of Ukraine) bestellte das ungesäuerte Brot aus Großbritannien.

mazze Aufgrund von logistischen Schwierigkeiten verzögerte sich die Lieferung jedoch, und zum ersten Mal seit vielen Jahren werden viele ukrainische Juden dieses wichtigste Gebot nicht erfüllen können. Nun, im Warschauer Ghetto im April 1943, als die Nazis bereits die endgültige Liquidierung vorbereiteten, stand auch nicht auf jedem Tisch Mazze. Dies konnte aber weder die Lesung der Haggada noch den anschließenden heroischen Kampf um Leben und Freiheit verhindern.

Das Meer wird sich nicht von selbst schließen und die Armee des Pharaos verschlucken.

Der Wert der Freiheit ist sowohl in der jüdischen Tradition als auch in der ukrainischen Kultur von zentraler Bedeutung. »Freiheit ist unsere Religion«, heißt es auf einem großen Plakat, das vor dem Wiederaufbau des Hauses der Gewerkschaften auf dem zentralen Kiewer Unabhängigkeitsplatz hing. In den Kämpfen während der Revolution der Würde, dem Euromaidan, war es niedergebrannt.

Dann, im Februar 2014, nach dem Sieg der Bewegung für Demokratie und Selbstbestimmung in Kiew, begann Russland seine Aggression und besetzte einen Teil des ukrainischen Territoriums, zunächst auf der Krim, dann im Donbass. Unser Krieg für Freiheit und Unabhängigkeit begann und ist mit der vollständigen russischen Invasion vor eineinhalb Monaten in eine neue, ohne Übertreibung existenzielle Phase eingetreten.

streitkräfte In den vergangenen zwei Wochen haben die ukrainischen Streitkräfte den Feind aus dem gesamten nördlichen Teil des Landes vertrieben, der Ende Februar von der russischen Armee besetzt worden war. Die Verteidiger haben nicht nur die unmittelbare Bedrohung der Hauptstadt beendet, sondern auch die Angreifer in der gesamten Region Kiew und Tschernihiw sowie beinahe der gesamten Region Sumy zurückdrängen können.

In Irpin, Borodjanka, Butscha und vielen anderen Städten und Dörfern weht wieder die ukrainische blau-gelbe Flagge. Die Flagge, die in diesen Tagen für die ganze Welt zum Symbol der Freiheit geworden ist.

Die blutigen Kämpfe gehen in weiten Teilen des Landes weiter, aber die Kiewer Juden können das Pessachfest ohne Angst davor verbringen, dass die Invasionsarmee des Pharaos in ihre Häuser eindringt und sie ihrer Freiheit und ihres Lebens beraubt.

martyrium Doch wie wir alle wissen, wurde das Gefühl der Erleichterung durch das Entsetzen über einen unsäglichen Albtraum erstickt, der sich in den befreiten Gebieten abspielte. Jeder neue Tag bringt mehr und mehr Berichte über das, was während der Besatzung geschehen ist. Immer neue Namen von Städten und Dörfern tauchen auf der Landkarte des ukrainischen Martyriums auf. Es wird deutlich, dass die massenhafte Vernichtung der Zivilbevölkerung, Folter und Vergewaltigung keine zufälligen, isolierten Exzesse waren, sondern dass sie für ein systematisches Vorgehen stehen.

Das bedeutet, dass die Beendigung der Feindseligkeiten oder der Abschluss eines wie auch immer gearteten flüchtigen Waffenstillstandsabkommens das Blutvergießen nicht beenden wird. Das Gegenteil ist der Fall. Solange die Russen zumindest einen Teil des ukrainischen Territoriums besetzen, werden dort Zivilisten getötet, gefoltert und vergewaltigt werden. Jeden Tag. Systematisch und massenhaft. Hunderte und Tausende von Männern und Frauen.

Die Region Kiew ist zwar befreit, aber viele Gebiete sind noch immer besetzt. Cherson. Melitopol. Wolnowacha ist wie vom Erdboden verschluckt. Was werden wir nach der Befreiung von Mariupol mit seinen 400.000 Einwohnern aus der Vorkriegszeit entdecken? Oder, genauer gesagt, nach der Befreiung dessen, was davon übrig ist?

butscha Es gibt keine andere Möglichkeit, diesen Krieg zu beenden, außer durch eine wirksame und schnelle Unterstützung des ukrainischen Sieges. Ich werde nicht fragen, wie man nach den Bildern aus Butscha noch an Gott glauben kann. Jeder von uns stellt sich wohl diese Frage, und hat seine eigene Antwort darauf – oder das Fehlen einer Antwort.

Wo war die freie Welt, als das Massaker von Butscha stattfand? Und was wird die freie Welt jetzt tun, wenn es unmöglich ist, weiter so zu tun, als ob nichts geschehen wäre?

Ich frage: Wo war die freie Welt, als das Massaker von Butscha stattfand? Und was wird die freie Welt jetzt tun, wenn es unmöglich ist, weiter so zu tun, als ob nichts geschehen wäre? Es ist an der Zeit, dass jeder seinen Teil der Verantwortung erkennt, die mit der Freiheit einhergeht.

befreiung Für die erfolgreiche Befreiung ihres Territoriums benötigt die Ukraine moderne Luftverteidigungssysteme, Flugzeuge, Panzer, Raketensysteme und Munition. Medienberichten zufolge sagte die deutsche Verteidigungsministerin Christine Lambrecht vor wenigen Tagen, dass das Ministerium keine Möglichkeit sieht, der Ukraine weiterhin Waffen aus den vorhandenen Beständen der Bundeswehr zu liefern. Weiter wird berichtet, dass Bundeskanzler Olaf Scholz die Lieferung von Panzern an die Ukraine blockiert – er ist sich nicht sicher, ob es ratsam ist, schwere Waffen zu liefern. Immer noch!

Das Einzige, worum die Menschen in der Ukraine die deutsche Gesellschaft in diesen Tagen bitten können, ist, den Druck auf ihre stets zweifelnde Regierung zu erhöhen. Das Meer wird sich nicht von selbst schließen und die Armee des Pharaos verschlucken. Um die Freiheit feiern zu können, muss die ukrainische Armee sie erst erringen. Es ist die Pflicht Europas, ihr dabei zumindest ein wenig zu helfen. Nach Butscha gibt es keine Rechtfertigung für weiteres moralisches Zaudern.

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