Kaum ein Platz in New York eignet sich besser für Nostalgiker als das legendäre »Katz’s Delicatessen«. Doch die Zeit vor der Tür ist nicht stehen geblieben. New York hat ein neues Stadtoberhaupt. Strahlend, charismatisch, sympathisch. Zohran Mamdani versteht es wie kein Zweiter, sich als Bürgermeister für alle New Yorker zu inszenieren: ein Universaladapter für jede Steckdose des anständigen, gerechten Gewissens.
Der Vielversprecher beherrscht die Kunst der politischen Fata Morgana. Geschickt galvanisiert er jene Wählerschaft, die sich trotz harter Arbeit kein Leben in New York leisten kann. Ihnen verspricht er einen Mietpreisstopp, kostenlose Kinderbetreuung, Freifahrten für den Bus. Wie er dieses Milliarden-Spektakel finanzieren will, fragt man sich? Die Reichensteuer wird es richten, reichlich garniert mit der Besteuerung von Erbschaften, Immobilienmogulen und großen Unternehmen. Die Umverteilungsparty soll die Probleme der kleinen Leute lösen.
Sozialismus reloaded im Gewand des hippen New Yorkers
Nach Marx, Lenin und Mao nun also Mamdani: Sozialismus reloaded im Gewand des hippen New Yorkers. Dass diese Rezepte historisch stets in der Mangelwirtschaft endeten, stört die Euphorie seiner Jünger nicht. Wer braucht schon ökonomische Logik, wenn die moralische Überlegenheit gratis geliefert wird?
Man muss New York begreifen, um Mamdani und seine Wählerschaft zu verstehen. Die Stadt ist ein kapitalistischer Moloch. Das Versprechen vom Tellerwäscher, der zum Millionär wird, ist reine Illusion. Wer als Krankenschwester oder Bäcker arbeitet, bei der Müllabfuhr oder im Klassenzimmer, kann sich keine Miete mehr leisten – geschweige denn eine Privatschule. Familien ziehen weg.
Mamdani nutzt die Auswüchse dieses gnadenlosen Turbo-Kapitalismus der Privilegierten als Treibstoff für seine ideologische Ablehnung Israels. Er behandelt den Nahostkonflikt, als wäre er New Yorker Innenpolitik. Die Angst um den Wohnraum wird zum Hebel, der moralische Skrupel im Handumdrehen beseitigt. Frei nach Bertolt Brecht: zuerst das Fressen, dann die Moral. Diese krude Mischung aus Verzweiflung und Verblendung korrumpiert das Urteilsvermögen: Wer bezahlbar leben will, marschiert Seite an Seite mit jenen, die Israel einen Genozid vorwerfen und seine Existenz als »Apartheidstaat« beenden wollen.
Historisches Bewusstsein schützt vor Radikalität, Urteilsvermögen vor Ideologie.
Dieser Marsch der Globalisten, Klima-Aktivisten und Antisemiten ist ein Rückschritt in eine gefährlich vertraute Vergangenheit. Er spaltet die jüdische Gemeinschaft bis ins Mark. Dass etwa 67 Prozent der jüdischen Wähler zwischen 18 und 44 Jahren für Mamdani gestimmt haben, offenbart eine Zäsur, die weit über das Ökonomische hinausgeht. Die Upper East Side und Teile der Upper West Side bilden hierbei die Ausnahme. Deren Bewohner begreifen ihre jüdische Geschichte nicht als »weißes Privileg«, sondern als Kern ihrer Identität. Sie bleiben immun gegen die populistischen Phrasen. Historisches Bewusstsein schützt sie vor Radikalität, Urteilsvermögen vor Ideologie. Hier wird die Solidarität mit Israel nicht als politische Option, sondern als moralische und existenzielle Verpflichtung gelebt.
Symptom einer verlorenen Kompassnadel
In anderen Stadtteilen hingegen wird die Existenzberechtigung der jüdischen Heimatstätte von der jungen Generation infrage gestellt. Dieses Wählerverhalten ist kein bloßes Nebenprodukt der Mietpreise, sondern Symptom einer verlorenen Kompassnadel. Wer Herkunft und Glaube nur als Last und nicht als Fundament begreift, ist offen für Instrumentalisierung. Und die spielt soziale Gerechtigkeit gegen die Sicherheit Israels aus – und damit letztlich gegen die eigene Herkunft.
In Astoria, der sozialistischen Hochburg in Queens, und in Brooklyns Trendviertel Bushwick leben überproportional viele Mieter in instabilen Wohnverhältnissen. Diese Viertel sind zu Auffangbecken für jene geworden, die sich Manhattan nicht mehr leisten können. Hier sitzt Mamdanis politische Basis, die er im Parlament von Albany repräsentiert.
In diesen überteuerten WGs fühlen sich junge Berufstätige, Künstler und Studenten vom klassischen »American Dream« entkoppelt. Für diese hochgradig vernetzte Wählerschaft wird soziale Gerechtigkeit zur universalen Ersatzreligion. Mamdani versteht es, diese Frustration psychologisch aufzuladen. Er verspricht ökonomische Sicherheit als Gegenleistung für radikale politische Gefolgschaft. Es ist ein vermeintlich faires Tauschgeschäft: Mamdani adressiert den real existierenden negativen Stress in Form von Raum- und Mietnot und liefert als moralischen Überbau eine radikale Weltsicht gleich mit. Auf diese Weise wird die Sehnsucht nach einem bezahlbaren Zuhause zum Einfallstor für eine Ideologie, die soziale Gerechtigkeit untrennbar mit der Dämonisierung Israels verknüpft.
Mamdanis Wählerschaft weist tiefe Risse auf
Mamdani hat zwar die Mehrheit der New Yorker hinter sich, doch seine Wählerschaft weist tiefe Risse auf. In Enklaven wie dem jüdisch geprägten Williamsburg oder Middle Village in Queens ist er kein Heilsbringer, sondern eine Persona non grata. Für ihn sind diese Viertel politisches Feindesland. Hier wird stramm konservativ gewählt.
Middle Village ist das New York der »postwar Queens respectability«. Hier leben keine hippen Tech-Bros, keine Sozialisten und Globalisten, sondern das Rückgrat der Stadt: Polizisten, Feuerwehrleute und Lehrer. Das Viertel ist tief in seiner italienisch-amerikanischen Geschichte verwurzelt. Man sieht es den akkuraten Vorgärten an, die oft mit Madonnenstatuen oder patriotischen Flaggen geschmückt sind. Es ist eine Welt, in der man den Müll noch wegräumt, statt ihn anzuzünden.
Doch kürzlich holte die Realität das Idyll ein: Ein aufgebrachter Mob marodierte durch die beschaulichen Straßen. Die Bilanz: verletzte Polizisten, brennende Mülltonnen und detonierende Feuerwerkskörper zwischen Einfamilienhäusern. Wo früher nur der Rasenmäher summte, dröhnte nun das »Intifada«-Gebrüll von Aktivisten, die palästinensische Flaggen wie Eroberungsstandarten durch die Vorgärten trugen. In diesem Hort der Ordnung will man von Parolen wie »NYPD, KKK, IDF – they are all the same« nichts wissen; der Mob und die Intifada haben hier schlicht keinen Platz.
Für die Anwohner verkörpert der sozialistische Bürgermeister den endgültigen Untergang ihrer stabilen Welt. Während Mamdani die prekär lebenden Mieter in Astoria mobilisiert, wohnen in Middle Village die Eigenheimbesitzer. Wer Jahrzehnte für sein Haus geschuftet hat, legt Wert auf Besitzstandswahrung statt Umverteilung. Forderungen nach drastischen Reichensteuern oder Mietpreisstopps lösen hier keinen Jubel aus, sondern existenzielle Angst.
Mamdani liefert den Deutungsrahmen, in dem sich Eskalation als moralisch legitim begreifen lässt.
Gewiss, Mamdani will nicht, dass die Stadt brennt. Aber er liefert den Deutungsrahmen, in dem sich Eskalation als moralisch legitim begreifen lässt. Wo der anti-imperialistische Kampf zur großen Erzählung erhoben wird, erscheinen Gewalt und Grenzüberschreitungen plötzlich als Ausdruck von Mut und Haltung.
Verhöhnung Israels als »Insektenstaat«
Hinter der Fassade des Wohltäters Mamdani steht die harte Ideologie der Ausgrenzung, exekutiert von seiner Frau Rama Duwaji. Wo ihr Ehemann hohle Phrasen drischt, entmenschlicht sie: Ihre Verhöhnung Israels als »Insektenstaat« war kein Fehltritt, kein psychotischer Eskapismus. Was bei Kanye West als wahnhafter Kollaps inszeniert wurde, ist bei ihr kalkulierte Gesinnung: Es ist die hippe Version jenes Antisemitismus, für den man Kanye heute ächtet – mit dem feinen Unterschied, dass Duwaji weiterhin im Rathaus Hof hält. Sie huldigt einem Antisemitismus, der sich als Kunstfreiheit tarnt und terroristische Gewalt zum »Widerstand« adelt.
Rama Duwajis Haltung zu den Massakern vom 7. Oktober 2023 offenbart ihre Doppelmoral. Sie feierte das Morden als »Widerstand« und markierte hasserfüllte Beiträge mit einem »Like«, die systematische Massenvergewaltigungen an Jüdinnen per Mausklick als Propaganda abtaten. Hier zeigt sich die kälteste Form der Heuchelei: Eine Künstlerin, die sich gern als Stimme der Unterdrückten inszeniert, entzieht den Opfern sexualisierter Gewalt die Existenzberechtigung, weil sie aus Israel stammen. Ihr partikularer Universalismus schließt Juden aus Israel aus. Das ist nichts anderes als antisemitischer Feminismus.
In ihrem scheinliberalen Zirkel der Woke-Aristokratie ist der radikale Antizionismus zum Trend avanciert. Psychologisch betrachtet, handelt es sich um eine Form des modernen Ablasshandels. Man kauft sich durch ideologische Schärfe von der Schuld der eigenen Privilegiertheit frei. Während sie das schlechte Gewissen der Oberschicht wie ein modisches Accessoire trägt, nutzt sie eine selektive Empathie als Waffe. Eine Selbstinszenierung, die zwar moralische Erhabenheit ausstellt, aber die eigene komfortable Existenz niemals ernsthaft infrage stellt.
Hier wird moralische Überlegenheit zur Waffe: Man projiziert das Böse auf externe Feindbilder wie die westliche Demokratie, den Yankee-Imperialismus, den zionistischen Genozid-Staat, um nicht in den eigenen Spiegel schauen zu müssen. Wer heute »andere« als Insekt verdammt, darf im Designerkleid die Rolle der moralischen Instanz einnehmen.
Medienwirksam teilt das Paar das Judentum in »gute« und »böse« Juden.
Selektieren, diffamieren, boykottieren: Das zählt zum Grundvokabular der Mamdanis. Die Unterstützung der Boykottbewegung BDS ist kein Randthema, sondern Kern der Agenda. Zohran Mamdani lässt daran keinen Zweifel: »BDS ist ein notwendiges Instrument, um den ökonomischen Druck auf einen Apartheidstaat zu maximieren.« Dass dieser Boykott zur kollektiven Ausgrenzung führt, nimmt er bewusst in Kauf: »Es geht nicht um den Einzelnen, sondern darum, jede Institution zu isolieren, die mit diesem System verwoben ist.«
Boykott bedeutet in der Praxis Ausgrenzung, egal ob die Betroffenen arabisch, muslimisch oder christlich sind. Selbst jene, die Netanjahus Regierung bekämpfen, werden weltweit markiert. Hier schließt sich der Kreis zur politischen Praxis: Kürzlich luden die Mamdanis jenen Aktivisten zum Iftar-Fastenbrechen ins Rathaus ein, der über Monate hinweg jüdische Studenten an der Columbia University drangsalieren ließ.
In dieser Welt werden Aggressoren zu Ehrengästen
In dieser Welt werden Aggressoren zu Ehrengästen, während Israelis als Unpersonen boykottiert werden. Man spricht nicht mit Zionisten, nur über sie. Wer braucht schon echte Mitmenschlichkeit, wenn er moralische Überlegenheit als Waffe führen kann?
Dabei ist die Grenze klar: Das tiefe Mitgefühl mit dem Elend und der Ausweglosigkeit des palästinensischen Volkes darf niemals blind machen für das Leid der israelischen Bevölkerung. Wahre Empathie ist unteilbar. Eine harte Kritik an der israelischen Regierung ist eine nachvollziehbare politische Haltung, doch sie darf niemals zur Forderung nach der Auslöschung der Heimstätte des jüdischen Volkes mutieren.
Medienwirksam teilt das Paar das Judentum in »gute« und »böse« Juden: Böse Juden sind Zionisten, gute Juden sind Antizionisten. Dieser Sprach-Slalom ist das logische Äquivalent zur absurden Behauptung: »Ich habe nichts gegen das Meer, ich bekämpfe lediglich das Wasser.«
Einst sprachen die Nazis vom »Judenproblem«. Heute sprechen die gewählten Moralapostel von »Israelkritik« und meinen Israels Ausgrenzung bis hin zur Auslöschung. Das ist die neue Realität in New York. Sie ist schwer verdaulich. Bittere Erkenntnis: Gegen das, was einem politisch sauer aufstößt, hilft selbst das beste Pastrami bei Katz nicht. Nebbich.