USA

Süße Frucht fürs süße Jahr

Kurz vor der Ernte: reife Granatäpfel auf einer Plantage im San Joaquin Valley in Kalifornien Foto: GomezDavid

Sehr lange, bevor der Granatapfel zum Liebling der Cocktail- und Smoothie-Szene wurde, genoss die rote Frucht, die aus den Regionen des heutigen Iran stammt, einen beinahe heiligen Status in der jüdischen Tradition. Zu Rosch Haschana gibt es vielfältige traditionelle Köstlichkeiten – auch der Granatapfel gehört dazu.

Einmal steht die (vorgebliche) Anzahl der Granatapfelkerne – 613 – dafür, dass es gleichermaßen viele Mizwot gibt. In Schir HaSchirim, dem Hohelied, steht der Granatapfel als Symbol für die Liebe schlechthin. Des Weiteren ist die kernreiche Frucht ein Symbol der Fruchtbarkeit. Sie ist süß, was perfekt zu Neujahr passt – und sie wird mit Israel assoziiert.

SEELEUTE Grund genug, die Frucht auch zum neuen Jahr zu schätzen – und in der nicht mehr ganz Neuen Welt anzubauen. Bereits im 16. Jahrhundert gelangte der Granatapfel nach Amerika. Spanische Seeleute und Conquistadores brachten sie mit und pflanzten die ersten Bäume in Florida. Sie verbreiteten sich schnell auf natürliche Weise. 1772 wurden wildwachsende Exemplare in Georgia entdeckt. Bereits drei Jahre zuvor brachten Jesuitenmissio­nare die Frucht nach Kalifornien. Bis heute wird eine Vielzahl der in den USA produzierten Granatäpfel im San Joaquin Valley nordöstlich von San Francisco produziert.

Die Frucht ist in den Vereinigten Staaten extrem beliebt. Mehr als 1800 Lebensmittelprodukte, die deren Kerne oder Saft enthalten, sind nach Angaben von Tom Vierhile, Direktor bei Data Monitor, auf dem amerikanischen Markt erhältlich.

Viele dieser Produkte sind koscher – auch wenn die Zahl ihrer Kerne, wie Tom Tjerandsen vom kalifornischen Pomegranate Council sagt, von Frucht zu Frucht variiert und er die Durchschnittszahl eher auf 850 schätzt. Auf einer Messe für koschere Produkte im vergangenen Jahr seien Granatapfelprodukte allgegenwärtig gewesen, schreibt Julie Wiener von der »Standard Times« in Massachusetts.

nachfrage Mittlerweile werden Granatäpfel in Kalifornien auf einer Gesamtfläche von rund 180 Quadratkilometern angebaut – »was allerdings immer noch nicht ausreichend ist, um der großen Nachfrage gerecht zu werden«, so Tjerandsen.

Wie immer beginnt die Saison um Rosch Haschana. Viele Juden servieren Granatäpfel am zweiten Abend des Feiertags. Als eine der »sieben Arten« von Nahrungsmitteln, die im biblischen Israel wuchsen, ist der Granatapfel seit jeher ein wichtiges Element von Rosch Haschana – viele Jahrhunderte, bevor die Frucht und die ihr nachgesagten Gesundheitseffekte ihren Siegeszug in einer Vielfalt von Smoothies, Cocktails und anderen Getränken antraten.

Für die mittelalterliche spanische Kultur, deren sefardische Spuren gerade in Kalifornien noch heute stark zu beobachten sind, war der Granatapfel ausgesprochen wichtig. So wichtig, dass die vormals jüdische Stadt Grenada ihren Namen dem arabischen Wort für »jüdische Granatäpfel« verdanke, schreibt Gil Marks in seiner Encyclopedia of Jewish Food (2010).

Nach jüdischer Tradition entspricht die Zahl der Kerne derer der Gebote.

Einer der kreativsten Granatäpfel-Produzenten Kaliforniens ist der gebürtige Israeli Tal Fogelman. Zusammen mit seinem Kollegen Igal Treibatch baut er in Madera, südöstlich von San Francisco, israelische Granatäpfel an.

Treibatch ist Managing Partner bei Greystone Equities in Santa Monica. Das Unternehmen konzentriert sich auf alternative Investments, speziell in der Landwirtschaft und in Bewässerungstechnologien. Tal Fogelman ist Finanzchef bei Greystone. Gemeinsam haben sie die Granatapfelsorte »Sweet Heart« entwickelt und als Warenzeichen schützen lassen. Sie soll »einzigartig süß« sein. Ebenfalls patentieren lassen haben Treibatch und Fogelman »Sweetheart getrocknete Granatapfelkerne«.

Anfang November findet in Madera bereits zum elften Mal das »Pomegranate, Fruit & Nut Festival«. Auch dort engagiert sich Treibatch. Ob die Sorte, die er patentiert hat, den überlieferten religiösen Ansprüchen genügt, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit beantworten. Zu wenig ist überliefert, was auf eine ganz spezifische Sorte schließen lassen könnte.

TURKMENISTAN Bei Gregory Moiseyevich Levin mag das anders gewesen sein. Der russisch-jüdische Pflanzenzüchter baute in Turkmenistan im Kopet-Dag-Gebirge an der sowjetisch-iranischen Grenze in der landwirtschaftlichen Forschungsstation Garrigala die weltgrößte Granatapfel-Sammlung auf – mit 1117 Arten aus 27 Ländern.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjet­union wurde die staatliche Förderung des Programms gestrichen – wenig später machte die turkmenische Regierung Levins Granatapfel-Garten dem Erdboden gleich. Der Botaniker emigrierte 2002 in die USA. Doch zuvor hatte er die turkmenischen Regierungsschergen ausgetrickst und etliche seiner Granatapfel-Arten bewahrt. Und so schickte er Triebe an botanische Institute weltweit – darunter auch an die israelische Ben-Gurion-Universität des Negev in Beer Sheva und an die amerikanische University of California.

Sein Erbe wächst gewiss auch irgendwo auf den Feldern von Madera – vielleicht sogar bei Fogelman und Treibatch.

Demonstrierende schwenkten am Montag israelische und iranische Flaggen vor der israelischen Botschaft in Berlin und riefen „Danke, IDF!“.

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