Antisemitismus

Schweiz: Dauerbelastung durch Judenhass

Orthodoxe Juden in der Zürcher Innenstadt Foto: picture alliance / SZ Photo

Der neue Antisemitismusbericht des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) und der GRA zeigt ein ernüchterndes Bild: Auch zwei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 bleibt das Niveau judenfeindlicher Vorfälle in der Schweiz sehr hoch.

Zwar gingen die registrierten physischen und verbalen Angriffe auf Juden 2025 im Vergleich zum Vorjahr von 221 auf 177 zurück. Sie liegen damit aber immer noch drei Mal so hoch wie im Jahr 2022, als landesweit nur 57 derartige Vorfälle registriert wurden. »Die Schweiz ist ein anderes Land als noch vor dem 7. Oktober 2023«, heißt es in dem Bericht.

Im Onlinebereich stieg der Antisemitismus sogar nochmals massiv an. Insgesamt registrierte der SIG 2185 Vorfälle im Internet – ein Zuwachs von fast 37 Prozent. Dies stelle eine »Dauerbelastung« für die jüdische Gemeinschaft in der Eidgenossenschaft dar, konstatiert der Bericht.

»Die Stimmung unter jüdischen Menschen in der Schweiz ist nach wie vor sehr angespannt«, heißt es dort. Besonders sichtbar wurde dies im Herbst 2025, als eine antiisraelische Demonstration in Bern in offene Gewalt umschlug.

Auch an den Schweizer Universitäten verschärfte sich das Klima: Aufrufe zur Intifada, die Forderung nach der Auslöschung Israels und die Verherrlichung von Terrorismus seien »weitgehend salonfähig geworden«, so der Gemeindebund. Für jüdische Studierende bedeute das reale Einschränkungen.

Telegram das größte Problem

Die Zahl der Tätlichkeiten sank von elf auf fünf. Doch die im Jahresbericht genannten Beispiele zeigen, wie niedrig die Hemmschwelle mittlerweile ist: In Luzern wurde ein als Jude erkennbarer Mann auf offener Straße geschlagen, in Zürich eine junge Jüdin mit Steinen beworfen. In Davos attackierte ein Mann mehrfach jüdische Touristen und schubste, bespuckte und beschimpfte sie.

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Zwei Drittel der Vorfälle im Onlinebereich entfielen auf die Plattform Telegram, auf der die Inhalte und Chats kaum moderiert werden. Klassische judenfeindliche Tropen – von der angeblichen Kontrolle der Juden über die Massenmedien bis hin zu vermeintlichen Verschwörungen – seien dort omnipräsent, so der Bericht. Der SIG drängt daher auf eine stärkere Regulierung der Plattform. Den zweitgrößten Anteil an antisemitischen Vorfällen im Netz hatten die Kommentare in den Online-Ausgaben der Zeitungen.

Rund ein Viertel der vom SIG und der GRA-Stiftung 2025 registrierten Fälle standen in direktem Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt. Im Juni, während des Zwölftagekrieges zwischen Israel, der USA und dem Iran, erreichte dieser Anteil fast 50 Prozent.

SIG fordert mehr staatliche Unterstützung bei der Sicherheit

Ein eigenes Kapitel ist der Stimmung in akademischen und kulturellen Institutionen. Jüdische Studierende und Lehrende berichten von gezielten Einschüchterungen, Prangerlisten und Störungen von Vorlesungen. Ein israelischer Gastprofessor wurde massiv angefeindet, eine Vorlesung über Antisemitismus an der Universität Zürich wurde gestört und Künstler nach ihrer Haltung zu Israel befragt und bei »falscher« Antwort ausgegrenzt.

»Man lebt mit dieser Dauerbelastung seit dem 7. Oktober 2023«: SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner.

Die Befunde verdeutlichten, dass Antisemitismus in der Schweiz kein temporäres Krisenphänomen sei, sondern man es mittlerweile mit einem strukturellen Problem zu tun habe, das über einzelne Ereignisse hinausweise. SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner sagte dieser Zeitung, die Bedrohungslage, der sich Juden in der Schweiz ausgesetzt sehen, habe sich jener in den Nachbarländern Deutschland und Frankreich angenähert, nicht nur im Hinblick auf die Zahl der Vorfälle, sondern auch auf ihre Qualität. »Wir sehen das auch daran, wie Juden in der Schweiz mittlerweile damit umgehen. Man lebt mit dieser Dauerbelastung seit dem 7. Oktober 2023«, betont Kreutner.

Im Hinblick auf die Bekämpfung des Judenhasses fordert der jüdische Gemeindebund mehr finanzielle Unterstützung von der Regierung in Bern. Zwar habe der Bund die Mittel für Sicherheitsmaßnahmen mehrfach erhöht, zuletzt auf sechs Millionen Franken im Jahr. Doch der Bedarf sei ungleich größer, betont der SIG. Er will, dass die Finanzierung der Sicherheitskosten jüdischer Einrichtungen langfristig durch den Bund und die Kantone übernommen wird. Außerdem soll es nach dem Willen des jüdischen Dachverbands in allen Kantonen verbindliche Bildungsprogramme gegen Antisemitismus geben.

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