Polen

Schlafplätze in der Synagoge

Am Dienstag auf dem Grenzbahnhof Przemysl Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

»Wir sind entsetzt über den Krieg, mit dem Russland die Ukraine überzieht«, sagt Leslaw Piszewski, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Warschau. »Ich kenne niemanden, der nicht an den Überfall Hitlers und Stalins auf Polen im September 1939 denken würde.«

Der 64-Jährige hat Warschau zum Sitz des Krisenstabs aller jüdischen Gemeinden in Polen bestimmt. »Die Hilfsangebote müssen koordiniert werden. Wir müssen die Flüchtlinge, die um Hilfe bitten, an der Grenze abholen oder an die richtigen Stellen weiterleiten.« Er atmet tief durch: »Es ist noch so unglaublich viel zu tun!«

strukturen Die Gemeinde stampfe die Strukturen, die eine Flüchtlings-Hilfsorganisation brauche, jetzt erst aus dem Boden. »Wir haben gleich am ersten Kriegstag entschieden, dass wir allen helfen werden, die sich an uns wenden: ukrainischen Juden – das versteht sich von selbst – und allen anderen Kriegsflüchtlingen auch.«

Bislang können Polens Juden rund 200 Übernachtungsplätze anbieten, die meisten davon – rund 120 – im Hotel Ilan in der südpolnischen Stadt Lublin nahe der polnisch-ukrainischen Grenze. In der Lubliner Synagoge gibt es weitere acht Plätze. Ebenfalls in Südostpolen, in Kazimierz Dolny, besitzt die Gemeinde seit Kurzem ein Hostel mit 31 Übernachtungsplätzen. In Warschau hat ein Privatmann angeboten, sein Hotel mit 60 bis 70 Plätzen für die Geflüchteten zur Verfügung zu stellen.

Die Gemeinde hat bereits zwei Solidaritäts-Konten in Zloty und US-Dollar eingerichtet. Ein drittes in Euro soll folgen. »Denn«, so Piszewski, »um diese Menschen beherbergen und verpflegen zu können, brauchen wir Spendengelder aus aller Welt. Wir haben keinen Notfonds.«

Der gelernte Forstingenieur senkt die Stimme: »Wir dachten doch, dass es hier nach dem Zweiten Weltkrieg keinen Krieg mehr geben würde. Jetzt haben wir ihn direkt vor unserer Haustür.«

Krakau Im südpolnischen Krakau haben die jüdischen NGOs Jewish Community Center (JCC) und »Czulent« einen Shuttle-Dienst eingerichtet. Mitarbeiter fahren immer wieder an die ukrainische Grenze, um Frauen und Kinder abzuholen. Männer lässt der ukrainische Grenzschutz nicht mehr durch.

Bislang können Polens Juden rund 200 Übernachtungsplätze anbieten.

»Die meisten Geflüchteten fahren später weiter – nach Berlin, Amsterdam, Wien oder Rom, aber auch in die USA und nach Kanada«, berichtet Piszewski. »Aber es werden auch Frauen mit Kindern kommen, die nicht wissen, wohin sie gehen sollen.« Ihnen müsse man den Start in ein neues Leben ermöglichen – für ein paar Wochen, vielleicht Monate oder sogar Jahre.

»Noch stehen wir am Anfang«, so Pi­szewski, »wir lassen gerade Plakate und Flugblätter drucken mit Davidstern und kurzem Infotext in Ukrainisch und Russisch, außerdem Folien, mit denen wir die Camper bekleben wollen, die wir an den Grenzübergängen aufstellen wollen.«

Die Gemeinde habe bereits eine erste Notrufnummer für Flüchtende geschaltet. Doch das sei zu wenig. »Noch wissen wir nicht, wie viele Nummern wir brauchen und für wie lange. Außerdem suchen wir jetzt händeringend Freiwillige, die dann am anderen Ende der Leitung sitzen und die Anrufe entgegennehmen.«

Solidarität Die Webseite der jüdischen Gemeinde in Warschau zeigt seit dem Kriegsbeginn am 24. Februar den zentralen Platz in Kiew mit der Freiheitsstatue, die hoch in den Himmel ragt. Auf dem gelb-blau eingefärbten Bild steht auf Ukrainisch: »Möge sie leben, die Freiheit der Ukraine!« und auf Polnisch: »Wir sind mit dem ganzen Herzen bei der ukrainischen Nation!«

In einem offenen Brief an die ukrainische Bevölkerung heißt es: »Wir – Juden, die vom Zweiten Weltkrieg ganz besonders gezeichnet sind – werden immer gegen Kriege sein, die Leiden, Unglück und den Tod von Menschen mit sich bringen. Wir können und wollen nicht gleichgültig sein angesichts dieses Grauens und der Kriegsfolgen. Wir werden euch unterstützen.«

Mehr als 20 bekannte polnische Juden haben den Brief unterschrieben, jeweils im Namen ihrer Gemeinde oder Organisation – angefangen bei Polens Oberrabbiner Michael Schudrich, über den Warschauer Gemeindechef Leslaw Piszewski bis hin zu Golda Tencer, der Direktorin des Jüdischen Theaters in Warschau. »Der Krieg hat uns zusammenrücken lassen«, sagt Piszewski.» Wir fühlen eine große Solidarität mit den Ukrainern.«

Spendenkonto der Warschauer Gemeinde:
Gmina Wyznaniowa Zydowska w Warszawe
PL71 1240 6292 1978 0011 1185 1354
BIC/SWIFT Code: PKOPPLPW
Verwendungszweck: Help Ukraine

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