Essay

Wenn ein Platz nicht schweigt

Auf dem heutigen Place de la Synagogue in Esch-sur-Alzette steht man nicht einfach auf einem Platz. Man steht auf Erinnerung.

Hier stand ein Haus des Gebets. Ein Ort, an dem Stimmen klangen, Namen gerufen wurden, Kinder an der Hand ihrer Eltern kamen, Menschen beteten, feierten, trauerten und hofften. Ein Ort jüdischen Lebens mitten in der Stadt.

Jüdinnen und Juden waren hier nicht fremd. Sie waren Nachbarinnen und Nachbarn. Eltern und Kinder. Freundinnen und Freunde. Menschen, die arbeiteten, lachten, hofften, liebten und ihr Leben in Esch aufbauten.

Dann kam der 3. Juni 1941.

An diesem Tag entlud sich der Hass der Nationalsozialisten an diesem Ort mit brutaler Gewalt. Ohne Erbarmen. Ohne Scham. Ohne Achtung vor dem Heiligen. Ohne Achtung vor dem Menschen.

Die alte Synagoge von Esch wurde zerstört. Doch sie wurde nicht einfach »abgerissen«. Sie wurde angegriffen. Geschändet. Ausgelöscht.

Die alte Synagoge von Esch auf einer Aufnahme vom Anfang des 20. Jahrhunderts

Nicht nur Steine wurden zerbrochen. Nicht nur Mauern niedergerissen. Nicht nur ein Gebäude vernichtet. Getroffen werden sollte jüdisches Leben im Herzen dieser Stadt: Menschen, ihre Namen, ihre Stimmen, ihre Gebete, ihre Würde.

Die Täter wollten diesen Ort leer machen.

Leer von Gebet.
Leer von Namen.
Leer von Zugehörigkeit.
Leer von jüdischer Gegenwart.

Sie wollten, dass hier nichts bleibt.

Aber dieser Platz ist nicht leer.

Er trägt Erinnerung.
Er trägt Namen.
Er trägt Verantwortung.

Frieda Freymann und ihre Kinder Minna Sarah und Heinrich gehörten zu dieser Stadt. Ebenso Heinrich Nussbaum, seine Frau Johanna und ihr Sohn Bernard Marcel. Bernard Marcel war ein Kind aus Esch – geboren in dieser Stadt, mit einem Namen, einem Gesicht und einer Zukunft, die ihm genommen wurde. Sie wurden aus der Mitte dieser Stadt gerissen, entrechtet, deportiert und ermordet.

Nicht irgendwo am Rand der Geschichte, sondern als Menschen, die hierher gehörten.

Menschen haben nicht nur Opferbiografien. Sie hatten Berufe, Talente, Leidenschaften, Freunde, Mannschaften, Hoffnungen.

Diese Namen stehen stellvertretend für 125 Namen, die dieser Ort bewahrt. Für jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Esch, die verfolgt, deportiert und ermordet wurden — und niemals vergessen werden dürfen.

Bei diesen Namen sollte man einen Moment stehen bleiben.

Nicht weiterlesen, als seien es nur Zeilen.

Es waren Kinder. Eltern. Familien. Menschen, die morgens aufstanden, ihre Türen öffneten, hinaus in ihre Stadt gingen, Sorgen und Hoffnungen hatten, liebten, träumten.

Auch Max Gold gehört zu dieser Erinnerung. Er kam als jüdischer Flüchtling nach Luxemburg und wurde als Trainer Teil der Familie und Geschichte von Jeunesse Esch. Sein Name erinnert daran: Menschen haben nicht nur Opferbiografien. Sie hatten Berufe, Talente, Leidenschaften, Freunde, Mannschaften, Hoffnungen.

Gerade deshalb ist Erinnerung mehr als ein Blick zurück.

Wer erinnert, gibt den Ermordeten ihre Namen zurück.
Wer erinnert, widerspricht der Absicht der Täter.
Wer erinnert, sagt: Ihr habt Menschen verfolgt, beraubt und ermordet – aber ihr habt sie nicht aus der Geschichte gelöscht.

Doch Erinnerung darf nicht harmlos werden.

Erinnerung muss unbequem bleiben. Denn bequemes Erinnern beruhigt die Gegenwart, ohne sie zu verändern.

Sie darf nicht zur Geste erstarren.
Sie darf nicht im Ritual verschwinden.
Sie darf nicht höflich schweigen, wenn jüdisches Leben wieder bedroht wird.

Erinnerung muss unbequem bleiben. Denn bequemes Erinnern beruhigt die Gegenwart, ohne sie zu verändern. Es legt Kränze nieder – und schaut danach wieder weg.

Aus der Asche des Hasses entstand in Esch wieder jüdisches Leben. Zuerst klein, verletzlich, wie ein Same in verbrannter Erde. Aber dieser Samen wuchs. Aus ihm wurde ein neuer Baum jüdischen Lebens: mit Ästen aus Gebet, Begegnung, Gemeinde, Erinnerung und Zukunft.

Dass es heute in Esch wieder eine Synagoge gibt, ist deshalb mehr als eine Tatsache. Es ist ein Zeichen: Jüdisches Leben wurde nicht ausgelöscht. Der Hass hatte nicht das letzte Wort.

Aber dieses Zeichen verpflichtet.

Erinnerung darf nicht am Grab stehen bleiben. Sie muss schützen, was lebt.

Heute stehen wir an diesem Ort nicht als Fremde. Wir stehen hier als Nachbarinnen und Nachbarn, als Freundinnen und Freunde, als Menschen mit unterschiedlichen Sprachen, Geschichten und Glaubenswegen.

Dieser Platz verlangt uns etwas ab.

Er fragt, ob wir verstanden haben.
Ob wir wachsam sind.
Ob wir jüdisches Leben heute schützen, nicht nur betrauern.
Ob wir Hass widersprechen, bevor aus Worten wieder Taten werden.

Der 3. Juni 1941 gehört zur Geschichte von Esch. Aber er darf nicht nur Vergangenheit sein.

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Er bleibt Auftrag: gegen das Vergessen, gegen Antisemitismus, gegen Wegsehen, Relativierung und Gleichgültigkeit. Für Menschlichkeit. Für jüdisches Leben. Für eine Stadt, in der niemand wieder zum »anderen« gemacht wird.

Wir verneigen uns vor jedem einzelnen Namen. Vor jedem Leben. Vor jedem Kind, jeder Mutter, jedem Vater, jeder Nachbarin, jedem Nachbarn. Vor allen Stimmen, die zum Schweigen gebracht werden sollten.

Und wir sagen gemeinsam, über Sprachen und Grenzen hinweg:

Nie wieder.
Never again.
Plus jamais.
Ni méi.
לעולם לא עוד.

Der Autor engagiert sich im Städtepartnerschaftsverein Köln–Tel Aviv-Yafo und ist Beisitzer im Vorstand des Städtepartnerschaftsvereins Köln–Esch-sur-Alzette. Zudem ist er Mitglied der Kölschen Kippa Köpp.

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