Finnland

Kippa und Sauna

Nestor der finnisch-jüdischen Literatur: Daniel Katz Foto: Veikko Somerpuro

Den Namen Daniel Katz kennt in Finnland jedes Kind. Der 76-Jährige gehört zu den ganz Großen der finnischen Literatur. Kritiker loben seine Sprachgewandtheit, seine tragikomische Erzählweise und Fabulierkunst. Zudem gilt Katz als erster finnischsprachiger jüdischer Autor überhaupt.

Dass er in diesem Jahr nicht zur Frankfurter Buchmesse kommt, obwohl Finnland Ehrengast ist, liegt vor allem daran, dass es keine Neuauflagen seiner ins Deutsche übersetzten Romane gibt. Zu Hause verehren ihn die Leser längst als ihren »finnischen Saul Bellow«. Der Vergleich mit dem amerikanischen Literaturnobelpreisträger sei vollkommen berechtigt, meint Hanna Kjellberg. Sie leitet die Foreign-Rights-Abteilung des finnischen Verlages WSOY, der Katz’ Bücher herausbringt. »Ich bin mit seinen Büchern aufgewachsen«, sagt sie. Sein Debütroman Als Großvater auf Skiern nach Finnland kam ist Pflichtlektüre an finnischen Schulen. Katz erzählt darin mit feinsinnigem Humor die ungewöhnliche Geschichte seiner Familie: vom Großvater, der aus Russland nach Finnland kam, tatsächlich auf Skiern, vom jüdischen Leben in Finnland Anfang des 20. Jahrhunderts, von skurrilen Begegnungen, gewitzten Rabbis und den absurden Wendungen des Lebens.

Preise Daniel Katz wurde 1938 in Helsinki geboren. Er lebte einige Zeit in Israel, kehrte dann aber in seine Heimat zurück, arbeitete als Sprengmeister im Tunnelbau, als Musikredakteur, Schauspieler, Dolmetscher und Journalist sowie als Lehrer an einer jüdischen Schule. 1968 erschien sein erster Roman. Von seinen zahlreichen preisgekrönten Werken wurden fünf ins Deutsche übersetzt, darunter Lots Töchter, Der falsche Hund und Der Tod des Orvar Klein.

Die Mischung aus Slapstick, biblischen Anspielungen, Surrealismus und Philosophie weckt Assoziationen an Bilder von Chagall. Dabei sind es nicht nur jüdische Kultur, Geschichte und Traditionen, die Katz’ Romane prägen, sondern auch die Geschichte der Juden in Finnland: Um seine Unabhängigkeit zu retten, war Finnland 1941 kurzzeitig eine Allianz mit Nazideutschland eingegangen. Die Finnen nahmen »ihre« Juden in Schutz, und finnische Juden kämpften im Zweiten Weltkrieg gegen die Sowjetarmee. Sie feierten sogar Schabbat in improvisierten Armeezelten, während nebenan deutsche Soldaten salutierten. Skurriler geht’s kaum. Auch darüber schreibt Katz.

Schoa Eine weitere bekannte finnisch-jüdische Autorin ist Karmela Belinki. Ein Teil ihrer Familie lebte bereits 150 Jahre in Finnland, als ihre Großmutter nach der Schoa aus dem litauischen Kaunas in Helsinki eintraf – als einzige Überlebende der Familie. In ihrem Roman Die grüne Apotheke begibt sich die Enkelin auf Spurensuche. »Ich bin modern-religiös in Helsinki aufgewachsen. Meine Eltern sprachen Jiddisch mit litauischem Akzent. Natürlich spiegelt sich meine Identität auch in meinen Büchern wider«, so Belinki.

Die heute 67-Jährige war früher Geschichtsprofessorin. Seit ihrer Pensionierung widmet sie sich ausschließlich dem Schreiben. Ihr jüngster Roman Mischa handelt von einem Juden, der auf sein Leben zurückblickt und dabei, ganz wie so manche Figur in Katz’ Romanen, finnisch-jüdische Geschichte streift. Anders als ihr Kollege schreibt Belinki jedoch auf Schwedisch, Finnlands zweiter Amtssprache.

Von ihren Lesern erfahre sie viel Neugier und Sympathie, sagt Belinki. »Romane sind ein Fenster in eine andere Welt. Meine Romane zeigen eine Welt, der viele Finnen Sympathie entgegenbringen.« Sympathie für Israel und Juden sind in Finnland – anders als im Nachbarland Schweden – selbstverständlich. Dabei dringt auch ins finnische Paradies mitunter der Nahostkonflikt – jedoch mit dem Unterschied, dass nichtjüdische Autoren hier ganz ohne moralischen Zeigefinger auskommen.

Krimi Der wohl bekannteste Nichtjude in Finnland, der über Jüdisches schreibt, ist Harri Nykänen, ehemaliger Polizeireporter und gefeierter Krimiautor. Sein Erzählstil ist sachlich-trocken, cool und witzig, seine Bücher sind in Finnland Bestseller, sein jüdischer Polizeikommissar Ariel Kafka genießt Kultstatus.

»Jüdische Kultur und Traditionen kennen in Finnland nur wenige. Ein jüdischer Kommissar? Warum nicht, ich fand das spannend. Und ich glaube, es geht anderen Finnen genauso. Außerdem ist Kultur ein gutes Gewürz für ein Buch«, begründet Nykänen die Wahl seines Helden: »Arbeitet er am Schabbat? Geht er mit den Kollegen in die Sauna? Isst er Schweinewürstchen? Das interessiert die Leser.«

Bei seinen Recherchen überraschte den Autor am meisten, wie viele Traditionen die jüdische Gemeinde Helsinki bewahrt hat. Die Synagoge folgt zwar dem orthodoxen Ritus, die meisten Juden leben jedoch säkular – für viele kein Widerspruch.

»Ich vergesse nicht, dass ich Jude bin, aber zuallererst bin ich finnischer Polizist«, äußert Ariel Kafka einmal in Mord vor Jom Kippur. Er ist ein finnischer Polizist, der ein ganz gewöhnliches Leben führt: 40 Jahre alt, Junggeselle und außerdem Jude. Na und? Ein schräger Typ mehr im ohnehin schrägen Finnland.

»Von allen skandinavischen Ländern fällt Finnland am meisten aus dem Rahmen. Das liegt daran, dass wir zwischen Ost und West leben«, erklärt Nykänen die finnischen Ambivalenzen. »Wir wurden aus beiden Richtungen beeinflusst. Wir lieben melancholische Musik und schrägen Humor. Das bringe ich in meinen Büchern zum Ausdruck.«

Aus der Gemeinde hat Nykänen bisher nur positive Resonanz erfahren. Viele jüdische Leser fiebern mit Ariel mit, warten auf neue Kriminalfälle und fragen, wann der Kommissar endlich ein jüdisches Mädchen heiratet.

Ariel sei fern jeder Realität, findet hingegen Karmela Belinki. Kritik wie dieser begegnet der Krimiautor gelassen mit finnischer Coolness: »Natürlich sind meine Bücher Fiktion, und Ariel ist eine Romanfigur – ohne Anspruch auf vollständige Realität.«

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