USA

Ignoranten und Sündenböcke

Eine Familie von Satmarer Juden betet am Schabbat vergangener Woche auf einem Hausdach. Die New Yorker Synagogen sind geschlossen. Foto: imago images/ZUMA Wire

Der Times Square verödet, die Brooklyn Bridge ist leer, Central Park und Battery Park sind verwaist – New York, die Stadt, die niemals schläft, liegt sozusagen im Wachkoma. Denn sie ist das mit Abstand größte Epizentrum der Covid-19-Infektionen in den Vereinigten Staaten. Ein Faktum, an dem bedauerlicherweise einige strenggläubige Juden eine gewisse Mitschuld tragen.

Es ist dasselbe Elend wie mit den Masern-Infektionen 2019: Während sich die US-Metropole New York massiv gegen das Coronavirus stemmt, wehren sich Teile der charedischen Gemeinschaft gegen die Anordnungen und werden so zur Brutstätte des Covid-19-Erregers.

So gibt es allein drei »Nester« von Covid-19 in den orthodoxen Vierteln Borough Park und Williamsburg, die dadurch entstanden sind, dass gegen alle Appelle und Anordnungen eine Massenhochzeit stattfand. Allein 250 Menschen wurden als direkte Folge dieser Feier infiziert.

Die Gesamtzahl der Infizierten in New York betrug am Sonntag 15.168; das sind gut 40 Prozent der Gesamtzahl an Corona-Patienten in den gesamten Vereinigten Staaten.

Brooklyn Zwar erließ der Satmarer Rebbe Zalman Teitelbaum in Williamsburg mittlerweile ein Dekret, das die Schließung aller religiösen Gebäude verfügte – sein Bruder Aaron allerdings, der die Sekte in Upstate New York führt, während Zalman über Brooklyn herrscht, wehrte sich so lange gegen die weltlichen Versuche der Einflussnahme, bis er kurz vor dem vergangenen Schabbat selbst mit dem Virus infiziert war.

Der 73-Jährige ist mit seinem Bruder der Anführer der Satmarer Sekte. Die meisten der rund 75.000 Mitglieder dieser strengst religiösen, antizionistischen Bewegung leben in und um New York City. Nach einem Streit darüber, wer nach dem Tod des Vaters die Sekte anführen sollte, teilten die beiden Brüder Aaron und Zalman ihre Herrschaftsgebiete auf. Aaron herrscht jetzt über das Örtchen Kiryas Joel in Orange County/New York, deren 25.000 Einwohner ausschließlich Satmarer sind.

Zunächst bestritt Teitelbaum die Infektion noch und ließ durch seinen Sprecher ausrichten, es handle sich hier um eine Falschmeldung. Mittlerweile sollen Synagogen, Jeschiwot und Mikwen in Kiryas Joel geschlossen sein. Allerdings hatte man sich so lange gegen Corona-Maßnahmen gewehrt, bis der Ort zu einem Infektions-Hotspot wurde.

Wutrede Noch kurz vor Bekanntwerden seiner Infektion hatte Aaron Teitelbaum in einer jiddischen Wutrede seiner Skepsis darüber Ausdruck verliehen, ob Kontaktvermeidung und dergleichen in Kiryas Joel irgendetwas bringen würden.

Auch in Brooklyn wehrten sich die Satmarer bis zuletzt gegen medizinische und gesellschaftliche Maßnahmen. Dieses Verhalten, das vernunftbasiertes Handeln lange zugunsten vermeintlich eherner religiöser Regeln ausschließt, hatte nach der Masern-Epidemie in New York 2019 schon zu einer massiven Zunahme antisemitischer Übergriffe geführt.

Entgegen allen Anordnungen fand eine große Hochzeit statt. 250 Gäste wurden infiziert.

Hassfantasien Die kleine, radikale Sekte der Satmarer hatte die gesamte vielfältige Orthodoxie in den USA zum Sündenbock gemacht. Und da eben auch andere strenggläubige Juden auf Brooklyns Straßen schwarz gekleidet herumlaufen, hatten Antisemiten auch gleich wieder ein optisches Raster, an dem sie ihre Hassfantasien auslassen konnten.

Avi Greenstein, CEO des Borough Park Jewish Community Council, warnte deshalb in einem Telefoninterview mit der israelischen Zeitung »Haaretz« vor neuerlichen antisemitischen Ausfällen im Umfeld des Coronavirus.

»Ich befürchte, dass es eine ganze Menge Leute gibt, die uns als Gemeinschaft vorhalten, dass wir uns nicht um das Wohlergehen und die Sicherheit unserer Kinder und Familien kümmern – dabei könnte doch nichts unwahrer sein«, sagte er. »Aber es gibt unverantwortliches Handeln, auch wenn ich annehme, dass sie Ausreißer sind, wir können einfach nicht alles kontrollieren. Aber die große Mehrheit unserer Gemeinschaft hat die Ansagen der Ärzte und Rabbiner befolgt.«

plakataktionen Greenstein verwies zudem darauf, dass es in der vergangenen Woche eine Vielzahl von Plakataktionen in den entsprechenden Stadtteilen gegeben habe. »Wir haben die ganze Stadt zugepflastert mit Plakaten, auf denen steht: ›Wer sich mit Symptomen in der Öffentlichkeit aufhält, verstößt gegen Pikuach Nefesch. Ihr bringt Menschen um!‹.

So steht es in den Hinweisen des medizinischen Notdienstes Hatzolah mit Bezug auf die jüdische Kernthese, dass es nichts Wichtigeres gibt, als ein Menschenleben zu bewahren.«

Dem steht der weiterhin zähe Widerstand der Satmarer Sekte gegenüber: Denn Aaron Teitelbaum lehnte die Social-Distancing-Maßnahmen von New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo weitgehend ab – auch in Sachen Schulschließungen.

»Die große Mehrheit hat die Ansagen der Ärzte und Rabbiner befolgt«, sagt Aaron Greenstein.

»Sie verstehen nicht, was eine jüdische Familie ist«, sagte Teitelbaum. »Es wird total überfüllt sein zu Hause, es gibt kaum Platz, Betten stehen, wo immer sich ein Fleckchen Raum bietet, es gibt keinerlei nichtjüdische Unterhaltung – wenn also die Kinder nach Hause geschickt werden und da kein Platz ist, werden sie sowieso auf die Straße gehen, und die Menschen werden sich dort treffen, also nützt das alles doch nichts.«

Etwas verbessert wurde die Lage allerdings durch eine Telefonkonferenz chassidischer Amts- und Würdenträger mit dem Weißen Haus. Man werde das Social Distancing jetzt befolgen. Und einige Strenggläubige behalfen sich mit cleveren Tricks: So überbrachte ein Kantor in Newtown, einem Städtchen in New York, das von Skverer Chassidim bewohnt wird, das Morgengebet per Lautsprecher an die Gläubigen zu Hause.

Ärgernis Im Nachbarstaat New Jersey hingegen, auf der anderen Seite des Hudson River, wurden am vergangenen Wochenende zwei Charedim festgenommen. Eliyohu Zaks (49) und Shaul Kuperwasser (43) wurden wegen »Aufrechterhaltung eines Ärgernisses« angeklagt, nachdem sie in ihren Privatwohnungen Hochzeitsfeiern für Hunderte Leute abgehalten hatten – Tage, nachdem eine staatliche Verfügung Ansammlungen von mehr als 50 Menschen verboten hatte.

Dutzende andere Wohnungseigentümer erhielten Anzeigen, weil sie Feiern veranstaltet hatten. Besser als mit dem obigen Terminus »Aufrechterhaltung eines Ärgernisses« lässt sich das ganze Dilemma wohl nicht formulieren.

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