Bonn/Berlin

»Habt keine Angst«: Zeitzeuge Marian Turski vor 100 Jahren geboren

Marian Turski (1926 - 2025) Foto: picture alliance / Eva Oertwig / SCHROEWIG

Gerade wird der Staffelstab übergeben – bildlich gesprochen. Denn die Zahl der Jüdinnen und Juden, die die Schoa überlebt haben und aus erster Hand von den Verbrechen der Nazis berichten können, wird immer kleiner. Nach Schätzungen der Jewish Claims Conference gibt es weltweit noch knapp 200.000 verbliebene Überlebende, die meisten hochbetagt.

Das Erbe der Erinnerung an die Toten und die NS-Taten wird daher an die jüngere Generation weitergereicht. Einer, der dazu ermutigt hat, war Marian Turski. Er war in Auschwitz inhaftiert und später auf einem Todesmarsch, bevor ihn die Rote Armee im Mai 1945 in Theresienstadt befreite.

Turski suchte das Gespräch mit jungen Leuten, arbeitete noch im hohen Alter in Polen als Journalist und setzte sich für die Demokratie in Europa ein. Vor 100 Jahren, am 26. Juni 1926, kam Turski in Litauen zur Welt. Diesen besonderen Geburtstag kann er nicht mehr feiern, da er am 18. Februar vergangenen Jahres in Warschau gestorben ist. Bis zu seinem Tod war er lange Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees.

Turskis elftes Gebot

Geblieben sind eindringliche Worte, zum Beispiel Turskis viel beachtetes elftes Gebot »Du sollst nicht gleichgültig sein«. Er hatte es in seiner Rede zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz im Jahr 2020 formuliert. Oder: »Habt keine Angst«. Manch einer hätte Turski gerne als Friedensnobelpreisträger gesehen.

»Er war ein zutiefst gebildeter Mensch, in jeder Hinsicht«, sagt der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner. Dass Turski einer seiner Freunde gewesen sei, »darauf kann man sehr stolz sein«. Turski habe Herzensbildung gehabt, politische und theologische Bildung sowie Menschenkenntnis.

Ihm sei als damaliger Komitee-Präsident wichtig gewesen, die Verbindung zu anderen Überlebenden des größten deutschen Konzentrationslagers aufrechtzuerhalten, erinnert sich Heubner. Die Zahl der im KZ Auschwitz und vor allem im dazugehörigen Vernichtungslager Birkenau Ermordeten wird auf etwa 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen geschätzt.

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Einfach weitermachen

Turski habe gesehen, dass es in der heutigen Gedenkstätte mittlerweile rund 450 Guides gebe, die bei der Anzahl an interessierten Gästegruppen gar nicht ausreichten, so Heubner. »Das war für Marian Turski eine große Genugtuung.« Anlässlich des 100. Geburtstages von Turski sind Heubner zufolge eine Ausstellung und eine Gedenkveranstaltung in Warschau geplant.

Wie geht es weiter mit dem Erinnern? »Man macht einfach weiter«, sagt Heubner. »Die Überlebenden hinterlassen uns die Aufgabe und legitimieren uns dazu.« Auch Turski sei bewusst gewesen, welchen Bedrohungen die Erinnerung an die NS-Verbrechen ausgesetzt sei und wie sie teilweise lächerlich gemacht werde.

Turski war mit seiner Familie 1942 im Ghetto von Lodz inhaftiert worden, bevor die Nazis ihn 1944 nach Auschwitz verschleppten. Auf einem der Todesmärsche Anfang 1945 erreichte er über mehrere Stationen Theresienstadt bei Prag, wo Soldaten der Roten Armee ihn und andere Überlebende befreiten.

Ukraine-Krieg weckte Erinnerungen

Später arbeitete er in Warschau als Journalist, etwa für das Magazin »Polityka«. Er gehörte dem Internationalen Auschwitz Rat an, der die polnische Regierung in allen Angelegenheiten der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau beraten soll. Außerdem gründete Turski das Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau mit und war Vorsitzender des Jüdischen Historischen Instituts.

Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees wurde er 2021 nach dem Tod von Roman Kent. Kent war ein Jugendfreund, der Turski seit der Zeit im Ghetto von Lodz vertraut war.

Einen Monat nach Beginn des Krieges in der Ukraine im Februar 2022 sagte Turski, er fühle sich angesichts des russischen Angriffs an seine Gefühle zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erinnert. »Angst, Verwirrung und Hilflosigkeit« hätten die ersten Tage im September 1939 nach dem deutschen Überfall auf Polen geprägt.

Und im April desselben Jahres nannte er Europa ein »Projekt der Hoffnung und der Sicherheit«. Den Völkern der Welt gab Turski einen dringenden Rat: Sie täten gut daran, »unsere Erinnerungen und Warnungen als realistische Beschreibungen des Menschenmöglichen zu bewahren«.

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