Polen

Gewalt gegen Geschichte

Der Gedenkstein in Jedwabne Foto: picture alliance / NurPhoto

Polen

Gewalt gegen Geschichte

Am Gedenktag in Jedwabne bedrohte ein rechtsextremer Mob die Teilnehmer. Die Umdeutung historischer Fakten alarmiert auch Yad Vashem

von Gabriele Lesser  22.07.2025 15:13 Uhr

»Die Ritualmorde sind Fakt, die Gaskammern in Auschwitz dagegen sind leider ein Fake«, behauptete Polens berüchtigter Antisemit Grzegorz Braun am Jahrestag des Pogroms von Jedwabne. Die Schoaleugnung und die klare Aufstachelung zum Hass gegen Juden sind selbst dem Redakteur des rechtspopulistischen Radiosenders »Wnet« zu viel. Nach Brauns Bedauern, dass die Gaskammern »leider ein Fake« seien, bricht er das Interview mit dem EU-Abgeordneten ab. Doch warum er dem notorischen Antisemiten überhaupt die Möglichkeit gegeben hat, per Liveschalte aus Jedwabne seine Hassbotschaft zu verbreiten, erklärt der Journalist seinen Zuhörern nicht.

Kurz darauf stören Braun und Hunderte polnische Nationalisten die Gedenkfeier in der nordostpolnischen Kleinstadt Jedwabne, zu der am 10. Juli Polens Oberrabbiner Michael Schudrich, jüdische Gemeindemitglieder und hochrangige Gäste aus dem Ausland gekommen sind, etwa 100 Menschen. Während die einen beten und die Namen der 1941 von ihren polnisch-katholischen Nachbarn in Jedwabne ermordeten Opfern vorlesen, grölen die anderen lautstark: »Hier ist Polen und nicht Polin!« Das Wort »Polin« ist Hebräisch und bedeutet »Hier ruhe aus«. Polin ist auch der Name des Museums der Geschichte der Juden Polens in Warschau.

Lesen Sie auch

Als die Deutschen am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfielen, kam es entlang der gesamten Demarkationslinie zwischen den im Hitler-Stalin-Pakt 1939 festgelegten »Einflusssphären« zu Pogromen der katholischen Lokalbevölkerung gegen ihre jüdischen Nachbarn. Viele waren von SS-Einsatzgruppen angestiftet worden, so auch in Jedwabne. Doch über Jahrzehnte erinnerte am Ortseingang ein Gedenkstein an die 1600 Juden, die angeblich von den Deutschen ermordet worden waren. Erst im Jahr 2000, nach Erscheinen des aufsehenerregenden Buches Nachbarn von Jan Tomasz Gross kam die Wahrheit ans Licht: Die Pogrome waren von dort lebenden Polen, Litauern und Ukrainern begangen worden. Die mehr als zwei Jahre anhaltende heftige Diskussion stieß neue Forschung an, Staatsanwälte ermittelten. Die Exhumierung der Opfer allerdings, die in einer Scheune bei lebendigem Leib verbrannt worden waren, wurde auf Anraten einer Rabbinerkommission abgebrochen. Das Verbrechen sei bewiesen und die Totenruhe der Opfer nicht weiter zu stören.

Offensichtliche Geschichtsverdrehung

Als die Gruppe rund um Rabbiner Schudrich den Gedenkort verlassen will, stellt sich ihr ein krakeelender Mob in den Weg. Fahnen in den weiß-roten Nationalfarben werden geschwenkt und große Banner in die Höhe gehalten. Auf einem steht: »Wir entschuldigen uns nicht für Jedwabne. Die Täter sollen sich entschuldigen!« Auf einem anderen: »Die Exhumierung abschließen! Schluss mit den Verleumdungen pseudohistorischer Forscher gegenüber den Polen!« Nur unter Polizeischutz kann die Gruppe den Gedenkort verlassen.

Rund 60 Meter entfernt hat der rechte Publizist Wojciech Sumliński ein Grundstück gekauft und einen »alternativen Gedenkort« errichten lassen. Auf Messingtafeln wird der tatsächliche Hergang des Pogroms geleugnet. Angeblich widersprächen »Beweise und Zeugenaussagen der Behauptung, dass Polen für den Mord an den Juden in Jedwabne am 10. Juli 1941« verantwortlich seien. »In Wirklichkeit« sei er »von einer deutschen Pazifizierungstruppe unter dem Kommando von Hermann Schaper begangen« worden. »Yad Vashem ist zutiefst schockiert und besorgt über die Schändung der historischen Wahrheit und der Erinnerung an der Gedenkstätte Jedwabne«, heißt es in einer Erklärung der internationalen Gedenkstätte. Es sei ein »offensichtlicher Versuch, die Geschichte des Massakers an Juden zu verdrehen«.

Essay

Warum ich Zionist bin

Heute ist Zionismus für viele ein Schimpfwort und gleichbedeutend mit Rassismus. Da muss eine Verwechslung vorliegen. Antizionismus ist Rassismus. Der Zionismus ist die selbstverständlichste Antwort auf zweitausend Jahre Verfolgung, Vertreibung und Völkermord

von Mathias Döpfner  12.05.2026

Meinung

Wer definiert das Judentum?

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg im Üechtland verleiht dem messianischen Rabbiner Mark S. Kinzer die Ehrendoktorwürde. Das belastet das jüdische Verhältnis zu einem katholischen Partner

von Zsolt Balkanyi-Guery  11.05.2026

Runder Geburtstag

Meister der Linien: Architekt Daniel Libeskind wird 80

Er hat weltberühmte Gebäude entworfen – aber noch nie eines für sich selbst. Für den Architekten ist das gar kein Widerspruch, denn ihn interessiert ja etwas anderes

von Julia Kilian  11.05.2026

New York

Familie orthodoxer Jugendlicher verklagt Uber nach mutmaßlicher Vergewaltigung

Ein Uber-Taxichauffeur soll das minderjährige Opfer transportiert und damit gegen Regeln verstoßen haben, bevor es zu dem Sexualverbrechen kam

 11.05.2026

London

Mann nach antisemitischem Angriff angeklagt

Der 34-Jährige soll in Enfield mehrere Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft bedroht, beleidigt und attackiert haben

 11.05.2026

London

Tausende demonstrieren gegen Judenhass

Die Kundgebung nahe der Downing Street fand vor dem Hintergrund einer Serie antisemitischer Vorfälle und Angriffe in Großbritannien statt

 11.05.2026

New York

Abe Foxman gestorben

Der Holocaust-Überlebende und frühere ADL-Chef galt über Jahrzehnte als eine der bekanntesten Stimmen im Kampf gegen Judenhass in den USA

 11.05.2026

Kanada

B’nai Brith: »Jüdische Kanadier werden terrorisiert«

Kanada erlebt eine Serie antisemitischer Gewalttaten. Laut einer jüdischen Organisation ist das Jahr 2026 für die Gemeinschaft bereits jetzt das gewalttätigste in ihrer jüngeren Geschichte

 10.05.2026

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026