Ukraine

Empathie und Widerstand

Ukrainische Flüchtlinge auf dem Weg in den polnischen Grenzort Korczowa Foto: imago images/Agencia EFE


Mit unverminderter Härte setzt Russland den Angriffskrieg in der Ukraine fort. Immer wieder ertönen in Kiew und anderen Städten des Landes Luftschutzsirenen, und die Menschen flüchten in sichere Schutzunterkünfte. Russische Raketen fliegen in Wohngebiete und zerstören die zivile Infrastruktur. In manchen Orten werden dicht besiedelte Gebiete wahllos beschossen. Die Zahl der Opfer wächst mit jedem Tag.

Ukrainischen Angaben zufolge schlugen russische Raketen am Dienstagabend auch in der Holocaust-Gedenkstätte Babyn Jar in Kiew ein. Beschädigt worden seien aber nur Nachbargebäude. Das Ziel war offenbar der direkt daneben liegende Fernsehturm. In der Schlucht Babyn Jar ermordeten deutsche Polizisten, SS-Männer, Wehrmachtsangehörige und einheimische Milizionäre am 29. und 30. September 1941 mehr als 33.000 ukrainische Juden. Bei dem Raketenangriff am Dienstag wurden fünf Menschen getötet und mehrere verletzt. Manche sehen in diesem Angriff eine düstere Symbolik.

ANATEVKA Auch zu den Menschen in Anatevka kam der Krieg zurück. Sie waren in den vergangenen Jahren aus den von Russland besetzten Gebieten im Osten des Landes geflohen. Sieben Jahre ist es her, da gründete der Kiewer Chabad-Rabbiner Moshe Reuven Azman nordwestlich der ukrainischen Hauptstadt eine Siedlung für jüdische Binnenflüchtlinge aus dem Donbass und nannte den Ort »Anatevka« – wie das Schtetl in Scholem Alejchems Roman Tewje, der Milchmann.

Der Kreml hat die Verbitterung und Hartnäckigkeit des ukrainischen Widerstands unterschätzt.

In der Gegend, in der sich das neue Anatevka befindet, gibt es schwere Kämpfe. Aus dieser Richtung stürmten in den vergangenen Tagen die russischen Truppen, die von Weißrussland aus in die Ukraine eingedrungen waren, auf Kiew zu. Von den 250 Familien in Anatevka hätten 180 evakuiert werden können, sagt Rabbi Azman. Doch dann verschlechterte sich die Situation, und es war kein sicheres Durchkommen mehr nach Kiew.

opfer Trotz der Opfer und Schwierigkeiten und obwohl die russischen Truppen immer weitere Gebiete einnehmen, sind viele Juden in der Ukraine davon überzeugt, dass der Plan des Kremls gescheitert ist. Es scheint, sagen viele, dass die Moskauer Führung tatsächlich glaubte, die russische Armee werde mit Blumen begrüßt und Kiew würde eingenommen werden – wenn nicht am ersten Tag, dann am Morgen danach.

Die Realität jedoch stellt sich vollkommen anders dar. Der Kreml hat die Verbitterung und Hartnäckigkeit des ukrainischen Widerstands unterschätzt. Die Streitkräfte der Ukraine beweisen eine hohe Effizienz und Kampffähigkeit. Zehntausende Zivilisten im ganzen Land, darunter auch viele jüdische, melden sich bei den freiwilligen Einheiten der Territorialen Selbstverteidigung und nehmen Waffen in die Hand.

In vielen Teilen des Landes verbrennen ukrainische Zivilisten russische Ausrüstung und nehmen verängstigte russische Soldaten gefangen. Die einfallende Armee erleidet große Verluste – doch die Bürger in Russland erfahren in den staatlichen Propaganda-Medien von all dem nichts.

Jüdische Gemeindeeinrichtungen arbeiten in diesen Tagen unter hoher Belastung. Josef Zissels, der Präsident des Verbands der jüdischen Gemeinden und Organisationen der Ukraine (Vaad), koordiniert die humanitäre Hilfe mehrerer Partnerorganisationen. »In Podil, dem historischen jüdischen Viertel von Kiew, gibt es eine Synagoge und Büros von acht verschiedenen jüdischen Organisationen, die nicht weit voneinander entfernt liegen – eine orthodoxe, eine Reform- und eine konservative Gemeinde. Ich habe vorgeschlagen, dass wir uns zusammenschließen und ein solches humanitäres Zentrum schaffen.«

TRINKWASSER Das Prinzip der Arbeit ist sehr einfach – es reicht von der Bedarfsanalyse bis zur Suche nach Möglichkeiten. Wie andere humanitäre Organisationen begann Vaad schon vor Längerem mit der Bevorratung von Nahrungsmitteln, Medikamenten und Trinkwasser. »Unser Büro befindet sich im Untergeschoss eines alten historischen Gebäudes«, sagt Zissels.

»Früher hatten wir hier Klassenzimmer, in denen Hebräisch, Jiddisch, jüdische Geschichte und Kultur unterrichtet wurde, aber heute nutzen wir es, um Menschen zu beherbergen.« Der Bedarf ist in den vergangenen Tagen stark gestiegen. Decken und warme Kleidung werden benötigt, um Menschen unterzubringen, die aus umkämpften Gebieten geflohen sind. In Kiew ist es immer noch frostig, besonders nachts, und viele Binnenflüchtlinge haben ihre Häuser verlassen mit der Kleidung, die sie gerade trugen.

Auch viele jüdische Männer melden sich freiwillig zum Militär.

»Die jüdische Gemeinde in der Ukraine hat viel Erfahrung mit gemeinnützigen Projekten, aber unsere Ressourcen reichen nicht aus«, sagt Zissels. »Wir werden einen Spendenaufruf in der weltweiten jüdischen Diaspora und in Israel starten.«

Die ukrainische Zivilgesellschaft, einschließlich jüdischer Gemeindeinstitutionen, ist in diesen Tagen damit beschäftigt, die Armee zu unterstützen. In Uman, 200 Kilometer südlich von Kiew, wurde vor einigen Jahren ein jüdischer medizinischer Dienst organisiert, um chassidischen Pilgern zu helfen, die in die Stadt kamen, um am Grab von Rabbi Nachman zu beten. Die Gemeinde hat jetzt andere Prioritäten.

stolz Der Stolz des jüdischen Sanitätsdienstes war ein mit modernster Technik ausgestatteter Krankenwagen. »Er enthält israelische Ausrüstung, Medikamente, Sauerstoffgeräte – alles, was nötig ist, um Menschenleben zu retten«, listet Chaim Chazin auf, ein Aktivist der jüdischen Gemeinde in Uman. »Alles, was darin war, haben wir der Armee gegeben«, sagt er.

Außerdem hat die Gemeinde auf Bitten der örtlichen Behörden 20.000 Pilger-Betten aus Hotels und Pensionen zur Ausstattung von Luftschutzbunkern gespendet. Denn wie in Dutzenden anderen Städten in der Ukraine ertönt dieser Tage auch in Uman die Luftschutzsirene. Wie die ukrainische Mehrheitsgesellschaft hat auch die jüdische Gemeinde dieser Tage nur zwei Ziele: Menschenleben zu retten und der russischen Aggression standzuhalten.

Spendenkonto des Verbands der jüdischen Gemeinden und Organisationen der Ukraine (Vaad):
ASSOCIATION OF JEWISH ORGANIZATION OF UKRAINE
IBAN: IL960126020000000338690
BANK: HAPOALIM
BRANCH HATZAFON #602
205 Dizengoff Str., TEL AVIV, 6311504, Israel
SWIFT CODE: POALILIT

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