Vergessener Held

Die vielen Leben des Jack Boeki

Der Weltkriegsveteran Jack Boeki während einer Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Befreiung der Niederlande von der Nazi-Besetzung Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Holocaust-Überlebender, Weltkriegsveteran, Redner und Autor. »Ein niederländischer Gymnasiast, der den Nazis zehnmal entkam.« Die vielen Leben des Jack Boeki passen nur mühsam auf eine Homepage. Geboren am 31. Mai 1924 in eine jüdische Familie in Rotterdam, entkam Boeki wie durch ein Wunder immer wieder den Häschern der Nationalsozialisten. Erst in den Niederlanden, dann in Frankreich – von wo aus er zuerst nach Großbritannien und dann in die USA gelangte.

Letzteres war möglich, weil Boeki im Untergrund Aufträge für das Office of the Strategic Services OSS ausführte, einem Vorläufer der CIA. In den USA wurde er Teil des Counter Intelligence Corps CIC der Armee. Der entrechtete Flüchtling verwandelte sich in einen Agenten, der nun jene Deutschen jagte, die ihn zuvor verfolgt hatten. Über 80 Jahre danach verschlägt es seinen Zuhörern immer noch die Sprache, wenn er, »102 Jahre jung«, von seinem Leben erzählt, als sei das alles gerade erst geschehen.

Über die Brücke von Remagen

Zwei Tage nach dem D-Day, der Landung der Alliierten in der Normandie, ist auch der damals 20-jährige Boeki im Juni 1944 wieder in Frankreich. Die CIC-Agenten folgen der kämpfenden Truppe auf ihrem Weg Richtung Deutschland. »Wenn ein Dorf oder eine Stadt befreit waren, rückten wir auf. Als erstes kappten wir sämtliche Telefon- und Telegrafenverbindungen«, sagt er.

»Dann gingen wir zum Bürgermeister und fragten: Wer hat mit den Deutschen zusammengearbeitet? Diese Personen haben wir verhaftet und zum Verhör abgeführt.« Immer weiter geht es für Boeki Richtung Osten. In den ersten Monaten des Jahres 1945 betreten er und die anderen Männer deutsches Gebiet, stoßen über den Rhein und die Brücke von Remagen ins Herz von Adolf Hitlers Reich vor.

»Das war natürlich ein großer Schritt für mich - selbst die Stiefel an meinen Füßen hassten dieses Land«, schreibt Boeki in seiner soeben erschienen Biografie. Schließlich landet er mit seiner Einheit in Nürnberg. In der »Stadt der Reichsparteitage« laufen ab Sommer 1945 die Vorbereitungen für den ersten großen NS-Kriegsverbrecherprozess an. Mit dem Prozess selbst habe er nichts zu tun gehabt, sagt Boeki. »Aber wir waren verantwortlich für die Sicherheit im Justizpalast.«

Jagd auf Martin Bormann

Parallel geht die Suche nach prominenten Nazis wie Martin Bormann weiter. Ständig kursieren neue Gerüchte, wo sich die graue Eminenz des Dritten Reichs versteckt haben könnte. »Als wir den Hinweis erhielten, dass er eine Oper im örtlichen Opernhaus besuchen würde, führten wir während der Aufführung eine Razzia durch«, berichtet Boeki. »Es entstand ein Alptraum aus unbeschreiblichem Durcheinander und Panik, doch letztlich war er nirgends zu finden.«

Viel später wird sich herausstellen, dass Bormann in den letzten Kriegstagen in Berlin starb. Mit Nürnberg verbindet Boeki allerdings noch ein anderes Erlebnis. Eigentlich kann er in dem Justizpalast problemlos ein- und ausgehen. »Alle kannten mich.« Doch dann passiert die Sache mit dem Funkgerät. Das will er auf einen Sprung im Keller des Gebäudes abholen, verzichtet dafür aber auf Dienstausweis und Uniform.

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Ein Oberst stellt sich Boeki in den Weg, hält ihn für einen gewöhnlichen GI und lässt ihn wegen Dienstvergehens festsetzen. Eine Nacht verbringt Boeki in einer Zelle des Justizpalasts. »In demselben Gefängnis, in dem auch die Kriegsverbrecher einsitzen: Hermann Göring, Rudolf Heß oder Julius Streicher. Was für eine Ironie!«, sagt Boeki mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht.

Botschaft für die Gegenwart

In den kommenden Wochen wird Boeki diese und andere Geschichten wohl noch häufiger erzählen, wenn er sein Buch vorstellt, das er zusammen mit seiner Tochter Anna-Lea geschrieben hat: am 28. September in Nashville, Tennessee; am 21. Oktober in Toronto, wo er sich 1951 niederließ; am 12. Dezember in Orange County, Kalifornien. Für einen 102-Jährigen ist sein Terminkalender gut gefüllt.

Es gibt nicht mehr viele Zeitzeugen, die erlebt haben, wie die ganze Welt in Flammen stand. »Krieg ist Wahnsinn. Krieg ist Dummheit«, sagt er mit fester Stimme. Und fügt leise hinzu, dass seine gesamte Familie im Todeslager Sobibor ermordet wurde. »Ich bin der einzige Überlebende meiner Generation, der den Namen Boeki trägt.«

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