Herr Bernstein, es war zuletzt viel darüber zu lesen, dass sich die jüngere Generation amerikanischer Juden mehr und mehr von Israel abwendet. Hinzu kommt ein starker Anstieg des Antisemitismus und zahlreiche Anschläge. Wohin steuert das Judentum in den USA?
Die Polarisierung der letzten Jahre war nicht gut. Ich erinnere mich noch an meine Zeit bei AIPAC. Das war vor 20 Jahren. Damals waren gefühlt 98 Prozent der jüdischen Gemeinschaft in den USA pro-israelisch – egal, ob sie orthodox, reformiert oder konservativ waren. Beim Thema Israel zogen alle an einem Strang. Heute haben wir eine Spaltung innerhalb der Gemeinschaft, die in gewisser Weise die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft widerspiegelt. Die gemäßigte Mitte droht zu verschwinden, der Radikalismus wird stärker, und das an beiden Ende des politischen Spektrums. Und Radikalismus ist für Juden niemals gut. Wir haben es mit Problemen zu tun, die denen ähneln, mit denen wir vor 100 Jahren zu kämpfen hatten. Es ist schon beängstigend, wie sich die Geschichte wiederholt.
Amerika galt und gilt ja vielen Juden immer als sicherer Hafen ...
Ja. Nach dem Holocaust erlebten wir ein goldenes Zeitalter des amerikanischen Judentums. Meine Großeltern, die Ende des 19. Jahrhunderts aus Deutschland und um 1910 aus Russland in die USA ausgewandert waren, erzählten mir, wie noch in den 20er und 30er Jahren die Bewegungsfreiheit für Juden in New York eingeschränkt war. Damals konnten sie bestimmte Universitäten nicht besuchen, durften sich an bestimmten Orten nicht aufhalten. In der Straße, in der ich aufwuchs, es war eine Sackgasse, hing bis in die 60er Jahre ein Schild mit der Aufschrift »Für Juden und Neger verboten«. Erst danach konnten Juden ihr Leben frei leben, an juristische Fakultäten und in die Country Clubs gehen.
Aber ist Amerika wirklich wieder auf dem Weg in die 1930er Jahre?
Wortführer wie Candace Owens oder Tucker Carlson klingen doch sehr wie die führenden Antisemiten vor 100 Jahren, wie der katholische Priester Charles Coughlin beispielsweise oder der Industrielle Henry Ford. Der einzige Unterschied zu heute ist eigentlich nur, dass man mittlerweile soziale Medien nutzen kann, um seinen Judenhass auszuleben. Henry Ford tat dies mit Pamphleten und Father Coughlin mit Predigten im Radio. Wir dürfen aber nicht das Deutschland der 1930er Jahre und das Amerika jener Zeit gleichsetzen. Hier in Amerika wurden damals keine Juden aus ihren Häusern gezerrt oder gar ermordet.
Dennoch hat sich die Sicherheitslage für US-Juden in letzter Zeit verschlechtert. Wie manifestiert sich der Antisemitismus heute konkret?
Ich konnte das 2019 beim Messerangriff auf eine Chanukka-Party in Monsey mit eigenen Augen erleben. Ich war damals einer der ersten vor Ort. Und auch nach dem Schusswaffenangriff in einem koscheren Supermarkt in Jersey City im selben Jahr. Und es gab zahlreiche weitere tödliche Attentate: Pittsburgh, Poway, Washington und Colorado. Es ist heute gefährlicher, in Amerika jüdisch zu sein, als es in den 30er Jahren war. Damals wurden Juden zwar diskriminiert, aber nicht aus Antisemitismus umgebracht.
Was hat diese negative Entwicklung ausgelöst?
Ich mache die sozialen Medien dafür verantwortlich. In den 1960er-Jahren zeigten Umfragen, dass über 20 Prozent der amerikanischen Bevölkerung antisemitisch eingestellt waren. Aber das schlug sich nicht in Gewalt gegen Juden nieder, weil diese Antisemiten nicht ohne Weiteres miteinander kommunizieren konnten. Heute kann sich jeder im Internet organisieren, kann in seiner Echokammer von Gleichgesinnten bleiben. Das macht es sehr schwer, die gemäßigte Mitte der Gesellschaft zu stärken.

Aber haben sich viele jüdische Organisationen nicht zu sehr auf die Ränder konzentriert, auf die lautesten und radikalsten Antisemiten? Die Strategie, diese Leute öffentlich an den Pranger zu stellen, hat ja nicht gerade gut funktioniert, wenn man bedenkt, dass der Antisemitismus im gleichen Zeitraum dramatisch angestiegen ist …
So kategorisch würde ich das nicht sagen. Ich war selbst sehr lange Teil dieser Maschinerie. Zu Beginn meiner Karriere bei der ADL hatten öffentliche Erklärungen durchaus noch Wirkung. Noch vor 15 oder 20 Jahren gab es noch eine Angst davor, in der Öffentlichkeit als Antisemit gebrandmarkt zu werden, das war verpönt. Wenn damals ein Prominenter eine offen antisemitische Bemerkung machte, bat er um ein Treffen mit ADL-Direktor Abe Foxman. Er entschuldigte sich in aller Form und gab anschließend eine Erklärung ab, und der Fall war erledigt. Heute gibt es diese Angst so nicht mehr.
Was ist heute anders?
Wenn heutzutage ein Künstler wie Macklemore etwas Antisemitisches sagt und ein jüdischer Mensch wie zum Beispiel Robert Kraft ihn dafür kritisiert, dann ist es Kraft, der öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt ist, und nicht Macklemore. Dann werden wieder antisemitische Klischees über den angeblich riesigen jüdischen Einfluss verbreitet. Die Situation hat sich also ins Gegenteil verkehrt. Und obwohl der Prozentsatz der antisemitisch eingestellten Amerikaner von über 20 Prozent in den 60er Jahren auf heute etwa 12 Prozent gesunken ist, darf man nicht vergessen, dass das immer noch zig Millionen Menschen sind. Und die können sich mittlerweile über die Social-Media-Plattformen radikalisieren und so ihren Hass in alle Welt verbreiten.
Was wollen Sie als B’nai-B’rith-International-Chef anders und vielleicht besser machen?
Ich bin fest davon überzeugt: Wir als jüdische Organisationen müssen umdenken. Ich glaube zwar immer noch, dass wir unsere Stimme erheben sollten, auch auf unseren Social-Media-Kanälen. Denn wenn wir das nicht tun, hört uns irgendwann keiner mehr zu. Aber bevor wir Dinge öffentlich anprangern, sollten wir als ersten Schritt auf die Menschen zugehen. Wir sollten versuchen, ihnen zu erklären, warum ihr Handeln schädlich ist. Durch die sozialen Medien ist Antisemitismus für einige zu einer »Zweitsprache« geworden, aber viele Menschen begreifen die Tragweite ihrer Äußerungen gar nicht.
Mit anderen Worten, Sie bevorzugen eine Strategie, die weniger konfrontativ ist als in der Vergangenheit. Dennoch bleibt eine Frage: Ist es überhaupt möglich, mit Antisemiten »vernünftig zu reden«?
Der Alltag der meisten Amerikaner findet nicht in den hintersten Winkeln der sozialen Medien statt. Es gibt also immer noch vielfältige Möglichkeiten, mit ihnen ins Gespräch zu kommen – von Mensch zu Mensch, auf Augenhöhe und zu den Alltagsthemen, die uns alle bewegen. Wenn wir immer nur unsere Agenda in puncto Israel oder Antisemitismus vorbringen, machen viele Leute doch zu und hören nicht mehr hin. Wir sollten uns deshalb zuallererst auf unsere gemeinsamen Erfahrungen und Werte konzentrieren. Wir sollten Beziehungen zu anderen aufbauen, bevor wir die kontroversen Themen angehen. Wir müssen in der Lage sein, die Stimmung in einem Raum zu lesen.
Aber braucht es nicht auch mehr Regulierung der »Big-Tech«-Plattformen und insbesondere der sozialen Medien? Sollten sich die Social-Media-Unternehmen nicht zumindest selbst regulieren? Oder bevorzugen Sie ein staatliches Eingreifen gegen Hassrede, wie wir es in Europa haben?
Ich habe in den letzten Jahren gegenüber diesen Unternehmen viel Lobbyarbeit betrieben. Das ist durchaus sinnvoll, denn man darf nicht vergessen: In Amerika haben private Plattformen das Recht, die Meinungsäußerungen auf ihren Plattformen zu kontrollieren. So, wie sich die »New York Times« und jede andere Zeitung weigern kann, eine hasserfüllte Anzeige abzudrucken. Das Problem ist aber, dass die Social-Media-Unternehmen von ihren Aktionären getrieben werden, die Gewinne machen wollen, und dass die Überwachung von Hassrede sehr teuer ist. Folglich nimmt das Problem stetig zu. Traurigerweise ist die jüdische Gemeinschaft die am meisten ins Visier genommene Minderheit.
Wir Juden sind die einzige Gruppe, bei der sich alle einig sind, dass sie schlecht ist.
Warum ist das so?
Weil wir uns in einer Art »Niemandsland« befinden: Rechtsextremisten hassen uns, weil sie die Ritualmordlegenden glauben. Die extreme Linke hasst uns, weil sie uns als weiße Kolonisatoren Palästinas betrachtet. Wir sind die einzige Gruppe, bei der sich alle einig sind, dass sie schlecht ist.
Der israelisch-palästinensische Konflikt ist heutzutage der größte Treiber für Antisemitismus. Glauben Sie, dass es möglich ist, die Situation der Juden in Amerika zu verbessern, solange dieser Konflikt weiter schwelt?
B’nai B’rith ist eine stolze zionistische Organisation. Für mich ist Antizionismus gleichbedeutend mit Antisemitismus. Und ja, die historische Heimat des jüdischen Volkes ist Israel. Aber unsere heutige Existenz ist zunächst einmal mit den Ländern und Gemeinden verbunden, in denen wir leben. Ich habe deswegen eine Initiative ins Leben gerufen, um die Zusammenarbeit mit Ersthelfern vor Ort zu stärken. Anstatt immer nur auf Krisen zu reagieren, möchte ich, dass sich unsere Freiwilligen weltweit in einen Austausch mit den örtlichen Strafverfolgungsbehörden, mit der Feuerwehr und mit Sanitätsdiensten begeben.
Warum?
Zunächst einmal, um einfach Danke zu sagen. Wenn man eine Beziehung zu einem Polizisten oder einem Rettungssanitäter aufbaut, mit ihm über gemeinsame Interessen vor Ort anstatt über die Weltpolitik spricht, wird er den Juden als Mitmenschen sehen, als Teil seiner Gemeinschaft. Das Einfachste und Wirkungsvollste, was wir machen können, ist, uns an der Basis zu vernetzen und zu zeigen, dass wir ein integraler Bestandteil der örtlichen Gemeinschaft sind.
Werden die bevorstehenden Wahlen in Israel Ihrer Ansicht nach Auswirkungen haben?
Ich denke nicht. Die Leute werden Israel weiterhin als billige Ausrede für ihren Antisemitismus benutzen. Wir erleben eine Menge selektiver Empörung. Andere schreckliche Probleme werden ignoriert; alle konzentrieren sich voll und ganz auf Israel. Dieser Geist ist aus der Flasche. Diese Entwicklung fand schon weit vor dem 7. Oktober 2023 statt. Ich habe das Anfang der 2000er Jahre aus erster Hand miterlebt, als an den Universitäten sogenannte »Israel Apartheid«-Aktionswochen abgehalten wurden. Schon im Januar 2020, also noch vor der Covid-Pandemie, hatte der Antisemitismus in Amerika bereits so stark zugenommen, dass 3000 Menschen über die Brooklyn Bridge in New York marschierten, um dagegen zu protestieren. Deswegen wird, egal wie die politische Lage im Nahen Osten aussieht, immer eine Rechtfertigung für Judenhass gefunden werden.

Welche Trends sehen Sie, was die Demografie der jüdischen Gemeinschaft Amerikas angeht? Ziehen Juden in die großen Städte, wie sie es in anderen Ländern tun?
Die Großstädte waren in den letzten 20 Jahren definitiv ein Magnet. Aber es gibt immer noch viele kleinere Gemeinden, mit 1000 bis 2000 Mitgliedern. Die wollen bleiben, wo sie sind. Ihnen fehlt aber zunehmend die Infrastruktur. Seit dem 7. Oktober 2023 höre ich von immer mehr Menschen in diesen mittelgroßen und kleineren Gemeinden, dass sie Unterstützung von außen brauchen. Unser Freiwilligen-Netzwerk ist hier wichtiger denn je. Ich möchte mich jedenfalls dafür einsetzen, dass sie die Ressourcen bekommen, die sie benötigen.
Wie steht es um die jüdische Einwanderung nach Amerika? Findet diese noch statt?
Ja. Jüngst bezogen zum Beispiel jüdische Einwanderer aus Russland genau dieselben Wohnungen in Brooklyn, in denen früher schon russische Zuwanderer lebten. Die Menschen kommen, weil es in Ländern wie Kanada und Großbritannien schwieriger geworden ist, offen jüdisch zu leben. Die Zahl der sicheren Orte für Juden schrumpft.
Welche Rückmeldungen erhalten Sie von Ihren Logen in Europa und insbesondere aus Deutschland?
Ich werde mich bald mit Mitgliedern in Berlin, Frankfurt und Kopenhagen treffen. In vielerlei Hinsicht ist Deutschland immer noch ein sehr sicherer Ort für Juden. Unser Logensystem dort ist gewachsen, weil Juden einen Safe Space brauchten, um zusammenzukommen und Kontakte zu knüpfen. Sie suchen nach sicheren Räumen, in denen sie selbstbewusst jüdisch und gleichzeitig gesellschaftlich aktiv sein können, selbst wenn sie nicht Mitglied einer jüdischen Gemeinde sind oder regelmäßig die Synagoge besuchen.
Historisch gesehen haben amerikanische Juden viele jüdische Belange weltweit finanziert, auch in Israel. Ist das immer noch der Fall, oder gibt es einen Trend, dass jüngere Menschen weniger enthusiastisch sind?
Philanthropie gehörte in Europa lange nicht zur Kultur. Das liegt auch daran, dass der Staat einen großen Teil der Infrastruktur finanziert hat. Aber das ändert sich gerade. Die internationalen Gemeinschaften beginnen, die Notwendigkeit von Wohltätigkeit besser zu verstehen. Wenn Sie jedoch in Buenos Aires, Berlin oder Paris Spenden erbitten, müssen Sie als internationale Organisation, wie wir eine sind, einen echten Mehrwert vor Ort bieten. Ein großer Teil der weitreichenderen Arbeit wird nach wie vor von amerikanischen Philanthropen finanziert. Aber wir brauchen jetzt zusätzliche Investitionen in den Gemeinschaften weltweit, in denen wir tätig sind. Und das bedeutet, dass wir ihnen durch konkrete Ressourcen und Unterstützung eine solide Rendite auf diese Investition bieten müssen.
Was gibt Ihnen als CEO von B’nai B’rith allen Herausforderungen zum Trotz Hoffnung? Welche Veränderungen würden Sie in den nächsten zehn Jahren gerne sehen?
Das sind diejenigen, die ich als »Post-7.-Oktober-Juden« bezeichnen würde: Menschen, die ihre jüdische Identität wiederentdeckt oder neu gefunden haben und die sich engagieren wollen. Unsere Aufgabe als älteste jüdische Organisation Amerikas ist es, ihnen dafür die Werkzeuge an die Hand zu geben. Sie sollen sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen, die etwas bewirkt, die etwas auf die Beine stellt. Konkret möchte ich mich für einen Rückgang der Gewalttaten gegen Juden einsetzen.
Und darüber hinaus?
Darüber hinaus hoffe ich auf eine geeinte jüdische Gemeinschaft weltweit. Unsere internen Spaltungen schaden uns enorm, denn sie lassen uns nach außen hin schwach aussehen. Wir müssen nicht in allem einer Meinung sein. Aber wir sollten aufhören, unsere Streitigkeiten vor der versammelten Nachbarschaft auszutragen. Wenn wir einige unserer Differenzen ausräumen und öfter mal mit einer Stimme sprechen, wird uns das auf lange Sicht sicherer und stärker machen.
B’nai B’rith (zu Deutsch: »Söhne des Bundes«) wurde 1843 in New York von jüdischen Einwanderern aus Deutschland als Geheimloge gegründet. Sie ist die älteste jüdische Organisation Amerikas und hat aktuell rund 500.000 Mitglieder in 60 Staaten weltweit. 1913 gründeten B’nai-B’rith-Mitglieder in Chicago die Anti-Defamation League (ADL), die sich dem Kampf gegen Antisemitismus verschrieben hat und mittlerweile eine eigenständige Organisation ist.
Evan Bernstein (geboren 1974) wuchs in Connecticut auf und ist Absolvent der Harvard University. Im August trat er sein Amt als Geschäftsführer (CEO) des Dachverbandes B’nai B’rith International mit Sitz in Washington an. Zuvor arbeitete er für die ADL in New York und sowie unter anderem für das America-Israel Public Affairs Committee (AIPAC).
Mit Evan Bernstein sprach JA-Redakteur Michael Thaidigsmann.