Guatemala

Die jüdischen Taliban

Die Lev-Tahor-Sekte hat sehr rigide Kleidungsvorschriften. Frauen werden gezwungen, Burka-ähnliche Gewänder zu tragen. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Das Statement war unmissverständlich: Die jüdische Gemeinde in Guatemala hat sich nach der Razzia der Staatsanwaltschaft des Landes gegen die ultraorthodoxe jüdische Sekte Lev Tahor, auf Deutsch: »reines Herz«, sowie den ebenfalls bekannt gewordenen Vorwürfen des Menschenhandels klar von dieser distanziert.

»Lev Tahor repräsentiert keinesfalls das Judentum oder unsere Gemeinschaft. Diese Sekte handelt in völligem Widerspruch zu unseren Traditionen und Werten«, heißt es in der Erklärung der kleinen Gemeinde Guatemalas, deren Anfänge auf jüdische Einwanderer zurückgehen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem aus Deutschland kamen. Zuvor hatten dort wenige »Kryptojuden« gelebt, die ihre Religion aus Furcht vor der allmächtigen Inquisition nur heimlich praktizieren konnten.

Große internationale Aufmerksamkeit

Lev Tahor sorgte in diesen Tagen einmal mehr für große internationale Aufmerksamkeit. Denn am 20. Dezember hatten die guatemaltekischen Behörden 160 Kinder aus einer Siedlung der Sekte in der Ortschaft Oratorio, rund 80 Kilometer südöstlich von Guatemala-Stadt, befreit. Die Razzia, an der 480 Beamte beteiligt waren, erfolgte, nachdem vier Minderjährige Mitte November aus der von Mauern umgebenen Siedlung geflohen waren und den Missbrauch dort öffentlich gemacht hatten.

Die guatemaltekische Staatsanwaltschaft begründete ihr Vorgehen mit dem Verdacht auf »Menschenhandel in Form von erzwungener Schwangerschaft, Misshandlung von Minderjährigen und Vergewaltigung«. Bei der Operation wurde das Anwesen durchsucht und Beweismaterial beschlagnahmt. Mutmaßlich wurde dabei auch die Leiche einer minderjährigen Person auf dem Grundstück gefunden. Die Staatsanwaltschaft betonte jedoch, dass »bis zum Vorliegen der endgültigen Ergebnisse keine weiteren Informationen freigegeben werden können«.

Lev Tahor weist all diese Anschuldigungen zurück. Die Sekte hatte sich vor etwa zehn Jahren in Oratorio niedergelassen, nachdem sie aufgrund von Konflikten mit Einheimischen aus einem indigenen Dorf vertrieben worden war. Nach offiziellen Angaben besteht die Gemeinschaft aus rund 50 Familien, die aus Guatemala, den Vereinigten Staaten, Kanada sowie Israel und anderen Ländern stammen sollen. In den sozialen Medien erklärte die Gruppe, die Kinder seien von den Behörden »entführt« worden.

Zwei Tage nach der Razzia stürmten etwa 100 angebliche Verwandte der geretteten Kinder eine Einrichtung in der Hauptstadt Guatemala-Stadt, in der die Kinder untergebracht waren, forderten ihre Rückgabe und versuchten, einige von ihnen gewaltsam mitzunehmen. Das wiederum konnten die Sicherheitskräfte erfolgreich vereiteln. Das Vorgehen der Justiz bezeichnete die Sekte als »religiöse Verfolgung«.

Um der Justiz zuvorzukommen, zieht die Sekte seit Jahren von Land zu Land.

Die Staatsanwaltschaft sei eine »inquisitorische Einrichtung«, so lautete der Vorwurf von Lev Tahor. Guatemalas Behörden dagegen erklärten: »Es handelt sich keinesfalls um eine Aktion gegen eine religiöse Gemeinschaft.« Man wolle betonen, dass keine Religion, Organisation oder Berufsgruppe über dem Gesetz stehe.

Anfang Januar dann schickte Israels Sozialministerium eine Delegation von Fachleuten nach Guatemala, die die Sektenopfer betreuen und die Behörden vor Ort unterstützen soll. Die Entscheidung folgte auf einen Ende Dezember auf Antrag Gua­temalas von Interpol ausgestellten internationalen Haftbefehl gegen Jonathan Cardona Castillo, einen der Anführer der Sekte. Mittlerweile wurde der Mann in El Salvador festgenommen.

1988 von dem antizionistischen Rabbiner Shlomo Helbrans in Jerusalem gegründet

Lev Tahor selbst ist 1988 von dem antizionistischen Rabbiner Shlomo Helbrans in Jerusalem gegründet worden. Die Gruppe sah sich seither immer wieder mit Anschuldigungen konfrontiert. Mal ging es dabei um die Kontrolle über ihre Mitglieder durch ihre Anführer, vor allem die Anwendung physischer Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, mal um die Zwangsverheiratung von minderjährigen Frauen mit älteren Männern. Um Interventionen der Justiz zu entgehen, zog Lev Tahor seit mehr als drei Jahrzehnten von Land zu Land – von Israel über die USA, Kanada und Bosnien bis nach Mexiko und schließlich Guatemala.

Die Mitglieder von Lev Tahor halten sich an eine besonders extreme Auslegung der jüdischen Religion. So kennt die Sekte manche Bräuche aus dem Chassidismus, einer orthodoxen und mystischen Strömung des Judentums. Ihre Praxis ist jedoch äußerst rigide.

Die Sekte lebt weitestgehend von der Außenwelt getrennt und isoliert, der Gebrauch elektronischer Geräte, einschließlich Fernseher und Computer, ist untersagt, und für viele Aspekte des täglichen Lebens, beispielsweise Ernährung und Kleidung, gelten strenge Auflagen, die man in dieser Form nirgends im Judentum sieht. Frauen und Mädchen müssen sich von Kopf bis Fuß in Burka-ähnlichen schwarzen Gewändern verhüllen, das Gesicht darf nicht erkennbar sein. Auch für Männer gelten strenge Bekleidungsvorschriften.

Nicht zuletzt deswegen werden die Anhänger von Lev Tahor oftmals als »jüdische Taliban« bezeichnet. Sie selbst irritiert das wenig. Trotz der extremen Positionen sind sie der Ansicht, dass man sich innerhalb der Grenzen der jüdischen religiösen Tradition und Normen bewegen würde.

Das sieht die jüdische Gemeinde Guatemalas anders. Seitdem sich die ersten Lev-Tahor-Anhänger vor etwa zehn Jahren in dem Land niederließen, bemüht man sich um absolute Distanz.

Demonstrierende schwenkten am Montag israelische und iranische Flaggen vor der israelischen Botschaft in Berlin und riefen „Danke, IDF!“.

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