Nachruf

»Die Braut von Belsen«

Gena Turgel und die Queen (August 2015) Foto: dpa

»Meine Geschichte ist die Geschichte des Überlebens. Aber es ist auch die Geschichte der sechs Millionen, die nicht überlebten. Und vielleicht habe ich nur überlebt, damit an das, was ich erlebte, einmal erinnert wird. So wie die Kerze, die ich anzünde für die Männer und Frauen, die keine Stimme mehr haben.«

Diese Worte sagte die Holocaust-Überlebende Gena Turgel Anfang des Jahres bei einer Gedenkfeier anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktags in London. Ich zünde eine Kerze an ist auch der Titel ihres 1987 erschienenen Buches, in dem sie sich an die schrecklichen Erlebnisse während der Schoa erinnert.

Biografie Am 1. Februar 1923 geboren, war Gena das jüngste von neun Kindern des Krakauer Textilhändlers Samuel Goldfinger und seiner Frau Estera. Als im September 1939 Nazideutschland Polen angriff und Großstädte wie Krakau bombardierte, floh die Familie ins nahe gelegene Borek. Für die geplante Flucht der Goldfingers in die USA war es bereits zu spät, denn die Deutschen hatten alle Fluchtrouten abgeriegelt.

Im Herbst 1941 zwangen die Nazis Ge­nas Mutter, vier Geschwister und sie selbst ins Krakauer Ghetto. Einer der Brüder wurde dort von der SS erschossen, ein anderer floh aus dem Ghetto, aber man sah ihn nie wieder. Später wurden die überlebenden Mitglieder der Familie ins Zwangsarbeitslager Płaszów südöstlich von Krakau verlegt. Beim Versuch, Essen ins Lager zu schmuggeln, wurden Genas Schwester Miriam und ihr Mann von der SS erschossen.

Kurz vor der Räumung des Lagers Ende 1944 schickte die SS Gena Goldfinger und ihre Mitgefangenen auf einen Fußmarsch nach Auschwitz. Kurze Zeit später, die SS liquidierte das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, weil die sowjetischen Truppen heranrückten, kamen sie und ihre Mutter auf einen Todesmarsch nach Buchenwald. Von dort wurden sie in Viehwaggons nach Bergen-Belsen gebracht. Genas Schwester Hela war nach grausamen Versuchen des Lagerarztes Josef Mengele zu schwach für den Marsch und blieb in Auschwitz zurück. Die beiden Schwestern sahen einander nie wieder.

krankenlager In Belsen wurde Gena auf eigenes Bitten dem Krankenlager zugeordnet und konnte sich so nicht nur um ihre Mutter, sondern auch um eine 15-jährige Mitgefangene kümmern, die – ebenfalls aus Auschwitz kommend – an Typhus erkrankt war und im Sterben lag: Anne Frank. »Ihr Bett stand gleich um die Ecke von meinem. Ich wusch ihr Gesicht, gab ihr kaltes Wasser zu trinken, und ich sehe immer noch dieses Gesicht vor mir, ihr Haar und wie sie aussah«, erinnerte sich Gena Turgel später.

Als am 15. April 1945 britische Truppen Bergen-Belsen befreiten, waren Anne Frank und rund 13.000 weitere Häftlinge nicht mehr am Leben. Die Befreier fanden ihre Leichen vor.

An jenem Tag lernte Gena Goldfinger ihren künftigen Ehemann Norman Turgel kennen. Der britische Fallschirmjäger war einer der Befreier des Lagers. Nur sechs Monate später heirateten die beiden, und die Schlagzeilen britischer Zeitungen feierten Gena als »Braut von Belsen«. Ihr aus einem Army-Fallschirm genähtes Hochzeitskleid ist bis heute im Imperial War Museum in London zu sehen.

Zeitzeugin Seit der Veröffentlichung ihrer Erinnerungen an den Holocaust bis zu ihrem Tod vergangene Woche im Alter von 95 Jahren war Gena Turgel unermüdlich als Zeitzeugin unterwegs. Königin Elizabeth II. zeichnete sie dafür mit dem britischen Verdienstorden aus.

»Die Gena Turgel, die wir kannten, war eine wunderschöne, elegante und selbstsichere Dame. Ihre Stärke, Willenskraft und Ausdauer waren ungebrochen und ihre Worte eine Inspiration für uns«, würdigte Karen Pollock, Geschäftsführerin des Holocaust Educational Trust, die Verstorbene.

Menachem Rosensaft, Justiziar des Jüdischen Weltkongresses und Sohn zweier Überlebender von Bergen-Belsen, erklärte: »Gena Turgel hat uns immer wieder den starken Kontrast vor Augen geführt zwischen den Schoa-Überlebenden und ihren Peinigern, den Nazis, die die Menschlichkeit und Würde dieser Menschen zerstören wollten, es aber nicht geschafft haben.«

Meinung

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Die Mitternachtsdämmerung des Nordens weckt Erinnerungen an Märchen und führt unseren Autor zurück in seine Kindheit im damaligen Leningrad

von Vladimir Vertlib  18.06.2026

Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Der Prozess gegen einen Schüler, der einen Juden in Zürich töten wollte, beginnt am 1. Juli. Die Anklageschrift zeichnet das Bild eines sich früh radikalisierenden Jugendlichen

von Nicole Dreyfus  18.06.2026

USA

Nach antisemitischer Bewerbung: Rechtsextreme feiern Cornell-Studenten

Der 19-jährige Austin Franco wird für ein Praktikum von einem Softwareunternehmen der Brüder Gabe und Aiden Einhorn angenommen. Doch dann schreibt er, er sei »nicht daran interessiert, für einen Juden zu arbeiten«

 18.06.2026

Belarus

Antisemitische Ausfälle aus Minsk

Ein Interview des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko belastet das bilaterale Verhältnis mit Israel

von Alexander Friedman  17.06.2026

Bonn/Berlin

»Habt keine Angst«: Zeitzeuge Marian Turski vor 100 Jahren geboren

Er gehörte zu den bekanntesten Schoa-Überlebenden. Seine Worte ermutigen viele Menschen auch über seinen Tod im Jahr 2025 hinaus. Zum 100. Geburtstag blickt ein Freund Turskis auf die Zukunft des Erinnerns

 16.06.2026

Interview

»Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei zu proisraelisch«

Der Schweizer Politiker und Ständerat Daniel Jositsch über die wahren Gründe für seinen Austritt aus der SP, postkoloniale Irrwege und den Antisemitismus innerhalb der Linken

von Nicole Dreyfus  16.06.2026

Albanien

Flamingos gegen Kushner

In Tirana wächst der Widerstand gegen einen Inselverkauf. Präsident Edi Rama wirft den Demonstranten Antisemitismus vor. Zu Recht?

von Adelheid Wölfl  16.06.2026

Großbritannien

Einstufung von Palestine Action als Terrorgruppe ist rechtens

Ein Berufungsgericht in London hat der Regierung von Premier Keir Starmer Recht gegeben und das Verbot der militant antiisraelischen Gruppierung bestätigt

 15.06.2026