Interview

»Das ist nicht normal«

Regina Sluszny Foto: LV Hessen in Brüssel

Frau Sluszny, gegen jüdische Beschneider in Antwerpen läuft gerade ein Strafverfahren, ihnen wird vorgeworfen, religiöse Beschneidungen ohne die erforderliche ärztliche Zulassung durchgeführt zu haben. Der Fall hat heftige Reaktionen ausgelöst. Wie stehen Sie dazu?
Ich finde, man soll unsere Mohalim ihre Arbeit machen lassen! Die rituelle Beschneidung wird in Belgien praktiziert, seit hier Juden leben. Ich verstehe daher wirklich nicht, warum diese grundlegende Praxis des Judentums nun in Frage gestellt wird.

Auslöser des Verfahrens gegen die Mohalim war aber die Anzeige eines Rabbiners.
Ja. Dieser Herr Friedman gibt aber nur vor, Rabbiner zu sein. Er ist in Wahrheit keiner, denn er ist nicht als Rabbiner anerkannt und er betreut auch keine Gemeinde. Friedman ist jemand, der der jüdischen Gemeinschaft nur Ärger bereitet und der definitiv nicht repräsentativ für sie ist.

Die Staatsanwaltschaft hat dennoch beschlossen, Ermittlungen gegen die Beschneider einzuleiten.
Wenn es eine Anzeige gibt, muss sie Ermittlungen durchführen. Aber ich glaube, da wurde einiges auch bewusst falsch eingeschätzt und interpretiert.

Haben Sie noch Hoffnung, dass das Verfahren am Ende eingestellt wird?
Ich hoffe zumindest, dass sich der Sturm sich wieder legt und die Sache zum Ende kommt. Denn es ist essenziell, dass wir in Belgien weiterhin die Brit Mila praktizieren können.

Sind die von dieser Anzeige betroffenen Personen die einzigen Mohalim in Antwerpen?
Soweit ich weiß, ja.

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Mit anderen Worten: Die gesamte jüdische Gemeinde wäre im Fall einer Verurteilung betroffen?
Jeder Jude, der eine Beschneidung seines Neugeborenen wünscht, wäre betroffen. Herr Friedman, der auch beschnitten ist und dessen Söhne es auch sind, ist die Zukunft der jüdischen Gemeinde in Belgien offensichtlich egal. Ihm ist jeder egal. Der einzige Mensch, der in seinen Augen etwas wert ist, ist er selbst.

Glauben Sie, dass die Politik in irgendeiner Weise in dieses Strafverfahren eingreifen kann und sollte?
Ich weiß es nicht. Ich hoffe, dass sich das klären lässt. Denn sonst wird es in Belgien bald keine Juden mehr geben. Wenn man keine Juden mehr hier haben will, braucht man nur die Brit Mila verbieten, voilà.

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Es gibt Leute, die sagen, man sollte die Beschneidung stärker regulieren, zum Schutz der Kinder. Was erwidern Sie?
Ich bin einverstanden. Aber darum geht es hier nicht. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Piercings sind auch erlaubt, sie sind legal. Es handelt sich dabei ebenfalls um einen medizinischen Eingriff. Werden all diese Leute jetzt Ärger bekommen, weil sie Piercings machen? Natürlich nicht. Die Beschneidung ist eine Entscheidung der Eltern, es liegt an ihnen, diese Entscheidung zu treffen. So wie es bei Minderjährigen nun mal üblich ist.

Wenn man das vor dem Hintergrund der allgemeinen Stimmung gegenüber den Juden in Belgien seit dem 7. Oktober 2023 betrachtet, glauben Sie, dass dem Antisemitismus zugrunde liegt?
Nicht unbedingt. Aber es ist ein weiterer Tropfen, der das Fass irgendwann zum Überlaufen bringen wird. Und es gibt andere Aspekte, die mir Sorgen bereiten. Schauen Sie, ich bin 1939 geboren. In meiner Schule war ich das einzige jüdische Mädchen. Dennoch hat mich niemand als »Jüdin« bezeichnet, so, wie man es mir heute manchmal widerfährt, wenn ich in Schulen gehe, um an die Schoa zu erinnern. Ich tue das übrigens, um die vielen Gerechten zu ehren, die durch ihren Mut 60 Prozent der jüdischen Gemeinschaft in Belgien vor den Nazis gerettet haben. Wir dürfen sie nicht vergessen. Ohne sie wäre ich heute nicht hier. Aber manchmal, wenn ich in Schulen bin, höre ich Jugendliche sagen: Wann kommt sie denn endlich, diese jüdische Frau? Doch ich bin bereits da. Das bedeutet, dass sie nicht erkennen, dass ich Jüdin bin. Ich bin halt gekleidet und verhalte mich wie jede andere Frau meines Alters auch. Und warum soll es von öffentlichem Interesse sein, ob ich von einer jüdischen Mutter geboren wurde oder nicht? Warum sieht man mich primär als Jüdin und nicht als Belgierin?

Denken Sie manchmal ans Weggehen?
Nein. Antwerpen ist meine Heimatstadt. Warum sollte ich nach fast 87 Jahren von hier weggehen? Ich bin Belgierin, ich fühle mich als Belgierin und ich bin in einer jüdischen Familie geboren. Wäre ich in einer katholischen Familie geboren, dann wäre ich eben katholisch.

Sie sind Vorsitzende des Forum der Joodse Organisatie in Antwerpen. Was wünschen Sie sich, dass getan wird, um dieser Situation zu begegnen?
Fangen wir mal bei den öffentlichen Fernsehsendern an: Sie berichten nicht mehr wahrheitsgetreu darüber, was in der Welt geschieht. Und die Zeitungen tun das oft auch nicht. Alles wird ständig verdreht und verzerrt dargestellt. Es werden völlig falsche Fotos gezeigt, um irgendetwas zu beweisen. Sogar der Holocaust wird in Frage gestellt. Ich kann Ihnen sagen: Ich habe jemanden geheiratet, dessen gesamte Familie im Holocaust umkam. Meine Schwiegereltern durfte ich nie kennenlernen – sie wurden in Auschwitz verbrannt. Und 80 Jahre später greift man die Juden immer noch an, weil einem die eine oder andere Sache nicht passt? Das ist doch grotesk!

Die belgische Regierung hat kürzlich beschlossen, wieder Soldaten zum Schutz jüdischer Einrichtungen und Stätten einzusetzen. Beruhigt sie das?
Wissen Sie, kürzlich hat mich jemand gefragt: Die Soldaten sind wieder da, auf der Straße, freuen Sie sich darüber? Ich habe geantwortet: Nein, ich bin deswegen nicht glücklich. Warum sollte ich es sein, wenn Soldaten und Polizisten jüdische Kinder beschützen müssen, damit die sicher sind? Jedes Kind sollte sicher auf der Straße spielen können. Das muss eine Selbstverständlichkeit sein. Und ich frage Sie: Müssen Moscheen oder Kirchen in Belgien auch bewacht werden? Müssen Soldaten die Vorbeter beschützen? Nein. Nur für uns Juden braucht es einen besonderen Schutz. Das ist nicht normal.

Mit der Schoa-Überlebenden und Vorsitzenden des jüdischen Dachverbands Forum der Joodse Organisaties in Antwerpen sprach Michael Thaidigsmann.

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