Ausstellung

Avantgardistin der Avantgarde

In der Meilenstein-Ausstellung Paris Magnétique ließ das Jüdische Museum Berlin vor zwei Jahren die Pariser Kunstwelt um 1900 wiederaufleben – mit jüdischen Kunstschaffenden wie Georges Kars, Alice Halicka und Béla Czóbel. Dabei tauchte im Hintergrund immer wieder ein Name auf: Berthe Weill (1865–1951), die ihre Galeristin und ebenfalls jüdischer Herkunft war.

Auch in der großen Amedeo-Modigliani-Retrospektive im Potsdamer Museum Barberini im vergangenen Jahr spielte Weill eine wichtige Rolle: Sie hatte seine einzige Solo-Ausstellung arrangiert und damit einen Skandal ausgelöst. Eines von vielen Beispielen für ihren Mut, jungen, noch unbekannten Künstlern der Avantgarde eine Plattform zu geben. Dazu gehörten auch Marc Chagall, Henri Matisse und Pablo Picasso, den sie bereits 1900 kennenlernte und der ihr sein erstes verkauftes Bild zu verdanken hatte. Die Liste der Künstler, deren Weg die kleine, schmale Frau mit der ausdrucksstarken Brille ebnete und die heute zu den berühmtesten gehören, ist lang.

»Peng! Voll ins Schwarze«

Mit der Ausstellung Berthe Weill. Art Dealer of the Parisian Avant-garde bringt das Musée de l’Orangerie in Paris nun diese für die Kunstgeschichte so wichtige und doch von ihr vernachlässigte Kunsthändlerin zurück ins Licht. Es ist eine umfassende, hervorragend kuratierte Schau, der jahrelange Recherchen sowie eine Kooperation mit dem Grey Art Museum in New York und dem Musée des Beaux-Arts in Montreal vorausgingen. Den roten Faden dafür lieferte Weills selbst verfasste und 1933 veröffentlichte Biografie Pan! Dans l’œil … (etwa: Peng! Voll ins Auge), deren verbliebene Ausgaben lange vor sich hinstaubten, bis 2009 die Bedeutung der Autorin erkannt und das Buch neu aufgelegt wurde. 2007 war ein von Picasso gemaltes Porträt Weills zum nationalen Kulturgut Frankreichs erklärt worden.

Weills Leistung bestand nicht nur darin, junge Künstler zu fördern, rund ein Drittel ihrer ausgestellten Werke waren von Frauen. Bemerkenswert waren auch ihre Hingabe, Standfestigkeit und Etablierung in einem Milieu, das von Männern dominiert war, die meist aus gutbürgerlichen Familien stammten und studiert hatten. Weills Mutter war Schneiderin, der Vater Textilhändler, sie war eines von sechs Kindern. Weill wuchs in Paris auf, und mit zehn Jahren war ihre Schulausbildung vorbei. Bald machte sie eine Lehre in einem Antiquitätengeschäft. Die dortigen Kunstdrucke waren ihr erster Kontakt mit der Kunstwelt.

1901, mit 36 Jahren, investierte sie ihre gesamte Mitgift in die Eröffnung einer eigenen Galerie, die sie bis 1941 führen sollte. Eine beachtlich lange Zeit, da sie viele Risiken einging und die Galerie »für die Jungen«, wie sie sie nannte, mit wenig Geschäftssinn betrieb. Das eingenommene Geld reichte sie fast komplett an die Künstler weiter, um sie zu unterstützen. Oft konnte sie sich selbst nur knapp über Wasser halten. Wenig dankbar wechselten viele Künstler zu anderen Galeristen, sobald sie an Renommee gewonnen hatten. Alldem trotzte Weill, es waren letztlich der Judenhass und der Zweite Weltkrieg, die sie zur Schließung ihrer Galerie zwangen. Die Schoa überlebte sie im Versteck.

In Ausstellungen über die Pariser Kunstwelt um 1900 taucht immer wieder ein Name auf.

Die Pariser Ausstellung beginnt mit Weills Galerie in Pigalle, wo damals die Bohème lebte, liebte und arbeitete. Theater­plakate illustrieren im ersten Saal Weills Anfänge. Werke von Henri Matisse, Pablo Picasso und Henri de Toulouse-Lautrec setzen den Ton. Interessant ist, dass die Künstler nicht unbedingt sofort auszumachen sind, da sie ihren eigenen Stil noch nicht entwickelt hatten. So ähneln Picassos Werke mal denen von Matisse, dann denen von Toulouse-Lautrec. Sein Gemälde »La Mère« (1921) erinnert beinahe an Käthe Kollwitz.

Die Pariser Avantgarde war keine einheitliche Strömung, was im nächsten Raum zu sehen ist. Über eine Wand erstrecken sich Werke des Fauvismus in kräftigen, leuch­tenden Farben, die Landschaften zeigen, aber mit der gewohnten Perspektive brechen. Darunter Werke von Maurice de Vlaminck und Raoul Dufy. Am anderen Ende des Saals, aber auch des künstlerischen Spektrums, hängen die Vertreter des Kubismus mit ihren strengen geometrischen Formen und aufgesplitterter Sichtweise: Diego Rivera, Alice Halicka und Louis Marcoussis. Den stilistischen Abschluss bildet die abstrakte Malerei wie in Otto Freundlichs »Composition 1939«.

Eine Demonstration weiblicher Selbstbestimmung

Viel Prominenz bekommen die Frauen, mit denen Weill oft auch gut befreundet war: Émilie Charmy, Suzanne Valadon und Hermine David. Ein besonderer kuratorischer Coup ist hier die prägnante Gegenüberstellung von Modiglianis liegendem »Akt mit Korallenkette« (1917) und Valadons »Das blaue Zimmer« (1923), das ebenfalls eine liegende Frau zeigt, aber Modiglianis Nackte konterkarierend, denn die Frau trägt ein bequemes Top und Pyjamahosen, hat ein Buch neben sich und blickt rauchend zur Seite, sich nicht um den Betrachter scherend. Eine Demonstration weiblicher Selbstbestimmung und Moderne!

Die Galerie »B. Weill« war einzigartig darin, und das vom ersten Tag an und ein Vierteljahrhundert lang, die Werke von Künstlern und Künstlerinnen völlig gleichberechtigt zu präsentieren, womit sie das Talent von Malerinnen legitimierte und der alltäglichen Misogynie eine Absage erteilte.

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Weill organisierte in ihrer Karriere rund 400 Ausstellungen und vertrat mehr als 300 Künstler. Die Anerkennung, die die Pariser Kunstszene ihr entgegenbrachte, zeigte sich an Kosenamen wie »Mère Weill« sowie den Künstlern, die sie zum Porträt baten, darunter Charmy und Kars. Und an der Tatsache, dass mehrere einst von ihr geförderte Maler nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine Versteigerung gespendeter Kunstwerke organisierten, deren Erlös dazu diente, Weill im Alter zu unterstützen. 1,5 Millionen Francs sollen eingenommen worden sein, von denen sie bis zu ihrem Tod 1951 lebte.

Die Pariser Schau mit 80 Werken zu Ehren dieser starken Persönlichkeit ist ebenfalls ein Meilenstein. Kleinere Museen haben bereits damit begonnen, die Menschen der Kunstwelt vorzustellen, die im Hintergrund die Szene bestimmten. Endlich greifen auch große Institutionen den Trend auf, die Perspektive zu erweitern.

»Berthe Weill. Art Dealer of the Parisian Avant-garde« läuft bis zum 26. Januar 2026 im Musée de l’Orangerie.

Eva Erben

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