Irak

An den Wassern von Babylon

Erben einer mehr als 2500-jährigen Geschichte: zwei der letzten Juden Bagdads im Gespräch Foto: Getty

Beliebte jüdische Klubs, belebte jüdische Tenniscourts. Beamte, Parlamentarier, Musiker, Meinungsmacher. Jeder zweite Student, dem der Staat ein Auslandsstudium alimentierte: ein Jude. Das beste Hospital für die Behandlung? Die Rimah-Kedourie-Klinik, gegründet von Elie Kedourie. Die besten internationalen Schulen? Jüdische Stiftungen. Von welchem Land ist hier eigentlich die Rede? Antwort: vom Irak.

Vom Irak in den 20er- und 30er-Jahren, als er ein junges Königreich war. Von Bagdad 1917, als fast jeder dritte Einwohner der damals noch zum Osmanischen Reich gehörenden Stadt Jude war: rund 80.000 von 202.000. Heute, knapp 100 Jahre später, leben weniger als 100 Juden in dem Land, allesamt hochbetagt. In wenigen Jahren dürfte eine der am längsten existierenden jüdischen Gemeinden der Welt – seit mehr als 2500 Jahren – ausgestorben sein. Deshalb kommt die Übersetzung dieses Buches, das vor vier Jahren in Großbritannien erschien, zur rechten Zeit. Als Memorial, als eminentes Zeugnis.

interviews Dennis und Robert Shasha, irakischstämmige, in den USA geborene Brüder, der eine Immobilienentwickler, der andere Informatikprofessor an der New York University, haben nicht die Leben von Verwandten aufgeschrieben, wie dies Marina Benjamin tat, als sie 2006 mit Last Days in Babylon die Biografie ihrer 1905 im Irak geborenen, via Kalkutta nach England emigrierten Großmutter erzählte.

Die Shashas haben Dutzende von Gesprächen mit irakischen Juden geführt. Haben die Interviews transkribiert, sensibel redigiert, in eine flüssig zu lesende Erzählform gebracht. Dramaturgisch haben sie und die Journalistin Tamar Morad die Erzählungen in chronologisch-thematischen Kapiteln angeordnet. »Der Irak, unser Land« heißt eines, »Das Wagnis« ein anderes, das dritte »Nicht länger unser Land« und das letzte »Der Blick von außen«.

Ächtungen Es ist Oral History der besten Art. Die sehr persönlichen, detailliert ausgeschmückten Erinnerungen von Juden unterschiedlicher Generationen, sozialer Herkunft, politischer Meinungen und Berufe, vom Künstler über einen Geheimagenten bis zu einem Bankier, einer Hausfrau und dem Enkel des letzten, 1971 verstorbenen Oberrabbiners von Bagdad, ergeben ein abwechslungsreiches, lebendiges, aufschlussreiches Mosaik jüdischen Lebens. Ihre Bedeutung für das Land wird ebenso deutlich wie der Wandel seit den 30er-Jahren, die immer rigider werdenden Diskriminierungen und Ächtungen, die Verschlechterung der Lebensverhältnisse, der Hass.

All dies eskalierte am 1. und 2. Juni 1941 im Farhoud. Salim Sassoon, geboren 1909: »Ich wollte gerade zu meinem Freund Abdulla Elias gehen, der in der Nähe wohnte. Er kam aus der Stadt und hatte auf der Rückfahrt mit eigenen Augen den Ausbruch des Pogroms miterlebt, und ich wollte von ihm Neuigkeiten zu den Vorkommnissen erfahren. Unterwegs verfolgten mich plötzlich drei bewaffnete Soldaten, und einer verstellte mir, ein Messer schwingend, den Weg.

Ich kämpfte mit ihm und versuchte, Abdullas Haus zu erreichen, doch die Tür war verschlossen. Die drei Soldaten rissen mich nieder, feuerten Schüsse über meinen Kopf, und einer stieß mir sein Messer in die Brust und schlitzte mir das Handgelenk auf. Eine Muslimin kam hinzu und warf mit Steinen, um mir den Rest zu geben. Als sie davonliefen, sah ich, auf dem Boden liegend, wie meine Mutter von unserem Fenster aus hilflos zuschaute.«

despoten Bis zur Eskalation des arabischen Nationalismus und immer drakonischeren Unterjochungsversuchen von 1945 über 1967 bis zu den Despoten Ahmad Hasan al-Bakr und Saddam Hussein waren Juden, worauf der Jerusalemer Arabist Shmuel Moreh in seiner Einleitung hinweist, gut integriert. 1950 kam es zum Massenexodus. Bei der Operation »Esra und Nehemia« wurden rund 124.000 der 137.000 irakischen Juden nach Israel ausgeflogen. Dort stießen die Neuankömmlinge jedoch auf so manches Vorurteil.

Ist jüdisches Erbe heute im Post-Saddam-Irak überhaupt noch auffindbar? Shlomo el-Kivity, Sohn von Saleh el-Kuwaity (1908–1986), bejaht dies. Sein Vater und dessen Bruder Daoud (1910–1976) waren als Musiker in den 20er- bis 40er-Jahren im gesamten arabischen Raum äußerst populär. Da beide in Kuwait zur Welt gekommen waren, nannten sie sich »Kuwaity Brothers«. »Mein Vater«, erzählt el-Kivity, »war Komponist und spielte Geige, mein Onkel war Sänger und spielte Oud.«

Vor allem aber sei sein Vater »ein Erfinder und Erneuerer« gewesen. »Auf der Basis der traditionellen Maqam-Musik gab er den allseits bekannten Liedern eine neue Dimension, einen frischen Stil. Sein Publikum war begeistert! In der arabischen Welt gab es nur zwei Musiker, die dies beherrschten: meinen Vater im Irak und Mohammed Abdul Wahab, einen der berühmtesten Musiker Ägyptens. Diese beiden Komponisten schufen aus einer Musik, die sich seit 200 bis 300 Jahren nicht verändert hatte, neue Lieder.«

lieder Shlomo el-Kivity schildert den revolutionären Impetus seines Vaters: »Es gab zwar großartige Musiker, die Maqam wunderschön spielten, aber keiner brach aus den vorgegebenen Grenzen aus.« Sein Vater, so el-Kivity, sei erfolgreich gewesen, »weil er immer nur ein ganz klein wenig veränderte, und das über einen langen Zeitraum hinweg.

Er nahm sich 20 Jahre Zeit für diese kleinen Änderungen. Zusätzlich komponierte er mehr als 1200 eigene Lieder«. Die Musik, die seit den 50er-Jahren bis heute im Irak gespielt und komponiert werde, stützt sich el-Kivity zufolge auf Ideen und Konzepte seines Vaters – allerdings ohne dessen Namen anzugeben.

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