Nachruf

Albtraum in der Traumfabrik

Knapp 18 Jahre ist es her, dass ich Rob Reiner zum Interview getroffen habe, aber unser Gespräch ist mir nie ganz aus dem Kopf gegangen. Ging es doch um Leben und Tod. Auch ist das Lebenswerk des freundlichen Hollywood-Riesen – wie bei so vielen – fester Bestandteil des eigenen Aufwachsens: als Regisseur von Die Braut des Prinzen und Harry und Sally natürlich, von Stand by Me, Eine Frage der Ehre und Spinal Tap, zu dem er gerade eine Fortsetzung gedreht hat, die 2026 ins Kino kommt. Als Schauspieler hat er sich in Norman Lears unvergesslicher TV-Serie Es bleibt in der Familie mit Archie Bunker angelegt, in Schlaflos in Seattle war er zu sehen, in 30 Rock, in New Girl und zuletzt auch im Serienhit The Bear.

An dem Morgen, als die Nachricht seines gewaltsamen Todes vermeldet wurde, musste ich mich erst einmal hinsetzen. Und dann habe ich das Interview von damals noch einmal gelesen.

»Vom Tag unserer Geburt an, wenn auch auf tiefer, unbewusster Ebene, wissen wir, dass wir sterben werden. Zu einem gewissen Grad begleitet uns dieses Wissen durch unser Leben. Haustiere sterben oder Großeltern. Man kommt mit dem Tod in Berührung. Und je älter man wird, desto sichtbarer wird der Tod, man sieht ihn immer klarer vor sich. Man lebt damit und versucht, trotzdem Spaß zu haben, glücklich zu sein.« Reiner war 60 Jahre alt, als er das sagte, und hatte gerade die Tragikomödie Das Beste kommt zum Schluss ins Kino gebracht, in der Jack Nicholson und Morgan Freeman sich zusammenraufen, um herauszufinden, was im Leben wirklich zählt, wenn man kaum noch Leben übrig hat.

»Von Anfang an wollte ich Dinge schaffen, die die Kultur nicht verderben.«

Rob Reiner

Reiner fand allerdings auch, dass man sich nicht zu sehr mit dem eigenen Tod beschäftigen sollte: »Okay, ich weiß, dass ich sterben werde, aber bis dahin werde ich mein Leben genießen, ich werde gut essen, Sex haben, jemanden umarmen, ich werde mir die Welt ansehen, etwas erschaffen.«

Geboren wurde er 1947 in New York als Sohn des genialen Comedian, Autors, Produzenten und Mel-Brooks-Kumpels Carl Reiner. Seine Mutter war die Schauspielerin Estelle Reiner, die in Harry und Sally eines der besten Filmzitate aller Zeiten liefert, als sie nach Meg Ryans Szene mit dem vorgetäuschten Orgasmus lakonisch zum Kellner sagt: »Ich hätte gern das Gleiche!«

Sogar Deadpool konnte Reiners »Die Braut des Prinzen« nicht widerstehen

Ihr Sohn stand mit zwölf Jahren das erste Mal vor der Kamera – unter anderem in 77 Sunset Strip und Die Partridge Familie, mit 27 stellte er sich dahinter. Den Durchbruch brachte der wilde Mockumentary This is Spinal Tap über eine fiktive Metalband. Dann ging es Schlag auf Schlag: Mit dem Coming-of-Age-Drama Stand by Me emanzipierte er sich 1986 vom Comedy-Genre des Vaters, nur um es ein Jahr später mit Die Braut des Prinzen zu perfektionieren. Die liebevoll-absurde Märchenparodie wurde zum Kultfilm, dem sogar Deadpool nicht widerstehen konnte. Unterdessen hatte Reiner mit Castle Rock Entertainment seine eigene Produktionsfirma gegründet.

1989 schrieb er dann vollends Kinogeschichte mit Harry und Sally, der bis heute als einer der besten aller Liebesfilme gilt. Passenderweise lernte Reiner am Set seine spätere Ehefrau, die Fotografin Michele Singer, kennen. Mit ihr sollte er drei Kinder großziehen.

Er lieferte ehrliches Entertainment ab – wenn es so etwas gibt.

Egal ob Thriller (Misery), Gerichtsdrama (Eine Frage der Ehre) oder Komödien, Reiner bot seinem Publikum Unterhaltung immer auf eine klare, offene Art, mit Witz anstatt Manipulation. Er lieferte ehrliches Entertainment ab – wenn es so etwas gibt. Tatsächlich war sein Ruf in diesem brutalen Business ungewöhnlich menschlich und warmherzig. Einer, der die Welt verbessern wollte. Dabei war er überzeugter Demokrat, der Angst vor dem hatte, was ein Präsident Trump aus Amerika machen könnte. Denn Reiner liebte Land und Leute.

»Menschen, die ein bedeutsames Leben gelebt haben, ein erfülltes Leben, die es genossen haben, sind, wenn ihre Zeit gekommen ist, meist einverstanden abzutreten«, sagte Reiner damals im Interview. »Wenn man etwas erreicht hat, geliebt hat, Kinder in die Welt gesetzt hat, dann ist der Tod nicht mehr so furchteinflößend.«

Liebe und kranker Hass

Das ist er im Fall von Rob und Michele Reiner aber besonders. Das Paar wurde am vergangenen Sonntag in seinem Haus in Los Angeles ermordet. Der eigene Sohn, der seit Jahren mit psychischen und Drogenproblemen kämpft, wurde festgenommen und des Mordes angeklagt. Natürlich überschlagen sich die Gerüchte und Mutmaßungen, und neben all der liebevollen Trauer von Fans und Kollegen, die sich gerade online ergießt, gibt es auch verdrehten, kranken Hass zu lesen, allen voran von Donald Trump selbst.

Aber darum soll es hier nicht gehen, sondern um einen Mann, der sein ganzes Leben der positiven Unterhaltung gewidmet hat, der an das Gute in den Menschen geglaubt hat und sie vor allem zum Lächeln bringen wollte. »Von Anfang an wollte ich Dinge schaffen, die die Kultur nicht verderben. Etwas, das mit positiver Kraft auf sie wirkt. Danach strebe ich.«
Danke dafür, Rob Reiner.

Frankreich

Gesinnung von der Stange

Antisemitismus und eine feindliche Haltung gegenüber Israel stehen in der Modewelt hoch im Kurs. Längst gehören sie zum ideologischen Accessoire so mancher Marke

von Ute Cohen  25.06.2026

Kolumbien

Knapper Wahlsieg, dramatischer Kurswechsel?

Der knapp zum kolumbianischen Präsidenten gewählte Abelardo de la Espriella will die Beziehungen zu Israel kitten - doch de la Espriella ist wie sein Vorgänger Gustavo Petro sehr umstritten

von Michael Thaidigsmann  24.06.2026

Nachruf

Erfinder des »Greenspeak«

Alan Greenspan prägte als Chef der US-Notenbank eine 19 Jahre währende Boom-Phase der Börsen und Konjunkturen

von Philip Fabian  23.06.2026

Nachruf

Clive Davis: Der Mann, der den Sound ganzer Generationen prägte, ist tot

Der jüdische Musikmanager entdeckte und förderte Bands und Künstler wie Earth, Wind & Fire, Chicago, Santana, Whitney Houston, Barry Manilow und Barbra Streisand

 23.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  22.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Die Mitternachtsdämmerung des Nordens weckt Erinnerungen an Märchen und führt unseren Autor zurück in seine Kindheit im damaligen Leningrad

von Vladimir Vertlib  18.06.2026

Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Der Prozess gegen einen Schüler, der einen Juden in Zürich töten wollte, beginnt am 1. Juli. Die Anklageschrift zeichnet das Bild eines sich früh radikalisierenden Jugendlichen

von Nicole Dreyfus  18.06.2026

USA

Nach antisemitischer Bewerbung: Rechtsextreme feiern Cornell-Studenten

Der 19-jährige Austin Franco wird für ein Praktikum von einem Softwareunternehmen der Brüder Gabe und Aiden Einhorn angenommen. Doch dann schreibt er, er sei »nicht daran interessiert, für einen Juden zu arbeiten«

 18.06.2026