»Stiller & Meara«

Abschied von den Eltern

Szenen einer amerikanischen Showbiz-Familie: Anne und Jerry Stiller mit ihren Kindern Ben und Amy Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Der Begriff des Nepo-Babys war noch gar nicht erfunden, da war Ben Stiller längst eins: der Spross prominenter Eltern also, deren Ruhm ihm selbst den Weg ins Showbiz ebnete. Wobei der New Yorker, der sich als Schauspieler seit Noah Baumbachs The Meyerowitz Stories 2017 eher rargemacht hat, Mama und Papa in Sachen Erfolg natürlich längst überflügelt hat.

Mama und Papa waren, daran erinnert der Sohnemann nun mit dem von ihm selbst inszenierten Dokumentarfilm Stiller & Meara – Nothing Is Lost, die jeweils für den Emmy nominierten Schauspieler und Komiker Jerry Stiller und Anne Meara. Gemeinsam wurden die beiden in den 60er- und 70er-Jahren als Comedy-Duo mit Auftritten in Fernsehshows wie der von Ed Sullivan bekannt, bevor Jerry Stiller Jahre später dank Seinfeld und King of Queens neue Fans fand und Anne Meara Gastrollen in Sex and the City oder Will & Grace übernahm.

»Diesen Ort irgendwie konservieren«

Die Idee für das ungewöhnliche Filmprojekt sei ihm gekommen, »als 2020, fünf Jahre nach meiner Mutter, auch mein Vater starb«, berichtete Stiller im Interview mit dieser Zeitung. »Das war damals mitten in der Corona-Pandemie, und weil wir keine Gedenkfeier für ihn abhalten konnten, suchte ich nach einem Weg, die Erinnerung an meine Eltern zu feiern. Außerdem wusste ich, dass meine Schwester Amy und ich das Apartment verkaufen würden, in dem wir aufgewachsen waren, und wollte diesen Ort irgendwie konservieren.« Dann habe er einfach angefangen zu drehen, ohne genau zu wissen, was am Ende daraus werden würde. »Erst mit der Zeit formte sich die Idee für einen richtigen Film.«

Die Tatsache, dass sie ein jüdisch-katholisches Paar waren, war das Thema zahlreicher Sketche.

Vieles, was Stiller und seine Schwester beim Ausräumen der Wohnung an der Upper West Side in Manhattan entdeckten, fand seinen Weg in den Film. Denn nicht nur wurden die Geschwister gewahr, dass Jerry Stiller praktisch nichts weggeschmissen hatte (selbst Verrisse der Filme seines Sohnes waren in Ordnern abgeheftet), sondern auch daran erinnert, dass dank schier endloser Ton- und Videoaufnahmen weite Teile des Familienalltags für die Ewigkeit festgehalten worden waren.

Neben den Privataufnahmen macht klassisches Archivmaterial einen Großteil von Stiller & Meara – Nothing Is Lost aus: wunderbare Fernsehausschnitte etwa, die deutlich machen, was die sich aus ihren eigenen Biografien speisende Comedy des Duos Stiller & Meara ausmachte. Nicht zuletzt die Tatsache, dass sie ein jüdisch-katholisches Paar waren (wobei Meara einige Jahre nach der Hochzeit zum Judentum konvertierte), war das Thema zahlreicher Sketche, was in der TV-Landschaft der 60er-Jahre alles andere als selbstverständlich war. Aber auch, was es für die beiden bedeutete, dass ihnen der große internationale Durchbruch verwehrt blieb, woran er deutlich mehr zu knabbern hatte als sie, was in zahlreichen Aufnahmen deutlich wird.

Im Guten wie im Schlechten

So wie Jerry und Anne ihn und Amy schon in Kindheitstagen in ihre Arbeit und damit auch in öffentliche Auftritte integrierten, so sehr bringt Ben Stiller (der den beiden seinerseits oft Rollen in seinen Filmen zuschanzte) sich nun auch selbst in Stiller & Meara – Nothing Is Lost ein. Mit seiner Schwester, aber auch mit seiner (übrigens ebenfalls katholischen) Ehefrau Christine Taylor sowie den beiden inzwischen erwachsenen Kindern Ella und Quinlin spricht er nicht nur über das Leben seiner Eltern, sondern auch über eigene Kindheitserinnerungen. Und nicht zuletzt darüber, wie seine Herkunft und die damit einhergehenden Erfahrungen ihn – im Guten wie im Schlechten – geprägt haben, sowohl im Umgang mit Ruhm und Erfolg wie auch als Ehemann und Vater.

»Die Frage, ob ich womöglich zu intim geworden bin und wie die Leute wohl darauf reagieren werden, kommt höchstens jetzt ins Spiel, wo der Film das Licht der Welt erblickt«, sagt Stiller. »Beim Drehen darf man an so etwas nicht denken, denn sonst steht man sich selbst im Weg und hemmt den eigenen künstlerischen Prozess. Ganz abgesehen davon, dass dies kein Film ist, den ich in erster Linie für ein Publikum gemacht habe. Die größte Verantwortung empfand ich gegenüber meinen Eltern. Denen wollte ich gerecht werden – und dazu gehörte nicht zuletzt Ehrlichkeit. Mir war es wichtig zu zeigen, wie die beiden meine Schwester und mich geprägt haben, und welchen Einfluss das wiederum auf meine Kinder hatte. Entsprechend blieb mir gar nichts anderes übrig, als persönlich zu werden.«

»Anfangs hatte das etwas Überwältigendes, aber letztlich hat es mich ihnen noch näher gebracht.«

Ben Stiller

Das Ergebnis ist ein erstaunlich selbstkritischer und ungemein persönlicher Dokumentarfilm, der zum Glück nie zu eitler Nabelschau verkommt. Stattdessen gelingt es Ben Stiller, der ansonsten zuletzt vor allem mit der Arbeit an der von ihm verantworteten Serie Severance beschäftigt war, auf humorvoll-kurzweilige und liebevolle Weise, sich gleichzeitig vor zwei Showbiz-Urgesteinen aus der zweiten Reihe zu verneigen und nebenbei die eigene Familie zu porträtieren. Im immer üppiger wuchernden Dickicht der biografischen Promi-Dokumentationen erweist sich dieser Ansatz als erfreuliche Ausnahme­erscheinung.

Lesen Sie auch

Für ihn persönlich habe die Arbeit an Stiller & Meara – Nothing Is Lost auch etwas Kathartisches gehabt, sagt Ben Stiller. »Ich bin in unserem alten Apartment auf Erinnerungen und Aufnahmen gestoßen, die ich noch nicht kannte. Anfangs hatte das etwas Überwältigendes, aber letztlich hat es mich ihnen fast noch ein weniger näher gebracht, als sie mir ohnehin schon waren«, fasst er zusammen.

»Als ich nach dem Tod meines Vaters mit der Arbeit begann, fragte ich mich natürlich auch, warum ich all diese Dinge nicht schon zu seinen Lebzeiten mit ihm durchgegangen bin und mit ihm darüber gesprochen habe. Oder mal mit beiden unsere Eltern-Kind-Beziehung habe Revue passieren lassen. Aber so ist das eben immer: Man ist mit dem Leben beschäftigt, mit der Gegenwart, und da hat der Blick zurück meist gar keinen Raum.«

»Stiller & Meara – Nothing Is Lost« läuft aktuell auf Apple TV.

Großbritannien

Angriff auf Ambulanzen

Eine iranisch-islamistische Terrorgruppe bekennt sich zu einem Anschlag auf den jüdischen Rettungsdienst Hatzola

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  25.03.2026

London

Nach Brandanschlag: König Charles übernimmt Schirmherrschaft für jüdische Sicherheitsorganisation

Das Engagement des Monarchen für »Toleranz, Inklusion und interreligiöses Verständnis« passe eng zur Arbeit des Community Security Trust, so die Organisation

 25.03.2026

Nachruf

Chuck Norris ist doch sterblich

Der Actionstar und Meme-König wurde 86 Jahre alt. Und war immer ein großer Freund Israels

von Sophie Albers Ben Chamo  25.03.2026

Russland

Kleines Haus, große Herausforderung

Einst trugen Schoa-Überlebende in Sankt Petersburg eine Ausstellung zusammen. Nun ist daraus ein Museum geworden, das auch jungen Menschen die jüdische Geschichte näherbringt

von Polina Kantor  24.03.2026

Belgien

Zwei Festnahmen nach Brandstiftung in Antwerpen

Zwei Minderjährige sollen an der Grenze zum jüdischen Viertel ein Auto angezündet haben

 24.03.2026

Großbritannien

Vier Krankenwagen vor Synagoge in Brand gesteckt

Die Londoner Polizei geht von einem antisemitischen Motiv aus

 23.03.2026

Journalismus

Neuer Georg Stefan Troller Preis ehrt Beiträge über jüdisches Leben

Er hat einst das Interview-Format revolutioniert. Ein neuer Journalisten-Preis wird im Namen des im September 2025 gestorbenen Schoa-Überlebenden Georg Stefan Troller ausgeschrieben

 20.03.2026

Irak

»Ich wurde von Idioten entführt«

903 Tage lang war die russisch-israelische Wissenschaftlerin Elizabeth Tsurkov als Geisel in der Gewalt pro-iranischer Terroristen. Dies ist ihre persönliche Feldstudie zur Brutalität autoritärer Regime

von Elizabeth Tsurkov  20.03.2026 Aktualisiert

New York

Zohran Mamdani missbraucht St. Patrick’s Day für Anklage gegen Israel

Elisha Wiesel wirft dem Bürgermeister vor, an dem irischen Feiertag »eine bösartige Ritualmordlegende gegen Juden« verbreitet zu haben, indem er behauptete, sie hätten in Gaza einen »Genozid« begangen

 19.03.2026