Die Neonlampen werfen kaltes Licht auf die Flure tief unter der Erde. Pflegekräfte schieben Betten durch Schutzschleusen, medizinische Geräte werden in gesicherte Bereiche gebracht. Im Schneider-Kinderkrankenhaus bei Tel Aviv herrscht routinierte Anspannung. Während über Israel erneut die Gefahr iranischer Raketenangriffe schwebt, findet das Leben in den Kliniken einmal mehr unterirdisch statt.
»Die Verlegung der Intensivstation in den geschützten Bereich des Krankenhauses ist im Schneider Kinderzentrum nun abgeschlossen«, erklärt Omer Niv, stellvertretender Direktor des Krankenhauses, am Montagmittag. »Falls erforderlich und gemäß den Vorgaben werden wir die übrigen Abteilungen ebenfalls in unseren geschützten Bereich verlegen. Wir sind auf alle Eventualitäten vorbereitet und arbeiten kontinuierlich daran, die Versorgung aller Kinder so sicher wie möglich zu gewährleisten.«
Israels Krankenhäuser haben nach der Wiederaufnahme iranischer Raketenangriffe innerhalb weniger Stunden in den Notfallmodus geschaltet. Auf Anweisung des Gesundheitsministeriums wurden medizinische Einrichtungen im ganzen Land angewiesen, ihre Tätigkeit soweit möglich in geschützte unterirdische Bereiche zu verlegen. Nicht dringende Operationen wurden abgesagt, Patienten mit stabilem Gesundheitszustand nach Hause entlassen und Personal für einen raschen Übergang in den Krisenbetrieb mobilisiert.
Gesundheitszentren ohne Schutzräume bleiben vorerst geschlossen
Die Maßnahmen erinnern an die ersten Monate des Gaza-Krieges sowie an die direkten Konfrontationen zwischen Israel und Iran im vergangenen Jahr. Damals hatten zahlreiche Krankenhäuser ihre unterirdischen Parkhäuser, Lagerflächen und Versorgungstrakte in provisorische Behandlungsstationen umgewandelt. Auch jetzt werden diese Bereiche erneut genutzt, um Patienten und Personal vor möglichen Einschlägen ballistischer Raketen zu schützen.
Das Gesundheitsministerium erklärte, die Entscheidung sei nach einer Lagebeurteilung und in Abstimmung mit dem Heimatschutzkommando getroffen worden. Ambulanzen, Gesundheitszentren und sogenannte Mutter-Kind-Kliniken, die über keinen ausreichend geschützten Schutzraum verfügen, bleiben vorerst geschlossen.
Besonders deutlich zeigt sich die angespannte Lage im Norden des Landes. Das Galilee Medical Center in Nahariya hatte erst vor wenigen Tagen bekanntgegeben, nach einer Phase erhöhter Alarmbereitschaft wieder in seine oberirdischen Gebäude zurückzukehren. Die Klinik hatte ihre Tätigkeit zuvor wegen des anhaltenden Raketenbeschusses durch die Hisbollah zeitweise in geschützte Bereiche verlegt. Mit der neuen Eskalation steht nun erneut die Frage im Raum, wie lange ein regulärer Krankenhausbetrieb aufrechterhalten werden kann.
Danny Lotan: »Die psychische Reaktion von Kindern auf eine Notfallsituation hängt in hohem Maße davon ab, wie sie frühere Krisen erlebt haben und wie die Erwachsenen in ihrem Umfeld mit der Situation umgehen.«
Auslöser der jüngsten Entwicklung waren iranische Raketenangriffe in der Nacht zum Montag. Teheran feuerte erstmals seit einer im April vereinbarten Waffenruhe wieder Raketen auf Israel ab. Die iranische Führung erklärte, der Angriff sei eine Reaktion auf einen israelischen Luftschlag gegen die südliche Vorstadt Dahija in Beirut gewesen. Ziel des Angriffs sei das Hauptquartier der vom Iran unterstützten Hisbollah-Miliz gewesen.
Für die israelischen Krankenhäuser bedeutet dies eine Rückkehr in einen Ausnahmezustand, der für viele Beschäftigte längst zur Routine geworden ist. Bereits während der vergangenen Kriegsmonate wurden Intensivstationen, Operationssäle und Geburtsabteilungen in geschützte Bereiche verlagert. Einige Kliniken investierten Millionenbeträge in den Ausbau unterirdischer Infrastruktur, um selbst bei massiven Raketenangriffen handlungsfähig zu bleiben.
Neben den unmittelbaren Sicherheitsrisiken rücken zunehmend die psychischen Belastungen der Bevölkerung in den Fokus. Experten des Schneider-Kinderkrankenhauses bei Tel Aviv warnen insbesondere vor den Folgen für Kinder und Jugendliche. Die erneute militärische Konfrontation mit dem Iran sei bereits die dritte größere Eskalation innerhalb eines Jahres und treffe viele junge Menschen in einer Phase anhaltender Unsicherheit.
Kinder zeigen nicht mehr nur Angst, sondern auch Erschöpfung
»Die psychische Reaktion von Kindern auf eine Notfallsituation hängt in hohem Maße davon ab, wie sie frühere Krisen erlebt haben und wie die Erwachsenen in ihrem Umfeld mit der Situation umgehen«, erklärt Danny Lotan, Leiter des psychologischen Dienstes des Schneider-Kinderkrankenhauses. »Wenn Eltern Ruhe bewahren und Verantwortung sowie Kontrolle ausstrahlen, reagieren die meisten Kinder ähnlich.«
Nach Angaben der Psychologen zeigen viele Kinder inzwischen nicht mehr nur Angst, sondern auch Anzeichen von Erschöpfung und Resignation. Hinzu kämen Wut über die anhaltende Unsicherheit sowie das Gefühl, den Ereignissen hilflos ausgeliefert zu sein. Fachleute sprechen dabei von einem »erlernten Gefühl der Hilflosigkeit«, bei dem Menschen den Eindruck gewinnen, keinen Einfluss mehr auf ihre Lebensumstände zu haben.
Die Experten betonen, dass Kinder die Sorgen ihrer Eltern sehr genau wahrnehmen. Die intensive Medienberichterstattung, häufige Luftalarme, Vorbereitungen auf mögliche Angriffe und die allgemeine Anspannung im Alltag gingen auch an den Jüngsten nicht vorbei. Gerade deshalb sei es wichtig, jungen Menschen Raum für ihre Gefühle zu geben.
Erwachsene sollten Äußerungen ihrer Kinder nicht vorschnell relativieren oder beruhigen wollen. Oft helfe bereits Zuhören dabei, die belastenden Erfahrungen zu verarbeiten und ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. »Denn der Wunsch zu sagen: ‚Ich habe genug davon‘ oder ‚Das ist nicht fair‘«, hebt Lotan hervor, »ist normal und auch völlig legitim«.