Es war kein »Versprecher«. Da ist sich Yair Golan ganz sicher. Am Mittwoch warnte der Vorsitzende der Partei »Die Demokraten«, die Äußerungen von Sara Netanjahu seien Teil einer geplanten Kampagne, um politische Gegner im Wahlkampf zu diskreditieren.
Die Ehefrau von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte am Montagabend in einem Interview mit dem regierungsnahen Fernsehsender Kanal 14 nahegelegt, dass Golan bereits vor dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 von dem bevorstehenden Angriff gewusst haben könnte. Belege für ihre Andeutung legte sie nicht vor.
An jenem Morgen waren Tausende von Terroristen, angeführt von der Hamas, über südliche israelische Gemeinden hergefallen. Sie richteten verheerende Blutbäder an, ermordeten mehr als 1200 Menschen und nahmen 251 Geiseln, die meisten von ihnen Zivilisten.
Golan war damals Reservist und fuhr am Morgen des Angriffs in den Süden. Im Gebiet des Nova-Musikfestivals half er unter Lebensgefahr bei der Rettung von Menschen, die vor den Terroristen geflohen waren. Das ist mehrfach durch Augenzeugen belegt.
Golan beobachtet, was in den sozialen Medien geschehe
Am Mittwoch erklärte er im Podcast der Tageszeitung Maariv: »Das ist kein Versprecher. Ich sehe, was in den sozialen Medien geschieht, was Teile des Likud, der Koalition, seit dem 7. Oktober über mich sagen. Es ist eine geplante Kampagne.«
»Netanjahus eigentliches Ziel ist die Zerstörung der Normen und Werte der israelischen Gesellschaft«, führte er aus. »Es geht darum, Gutes in Böses zu verkehren, Geradliniges in Krummes, Anständiges und Moralisches in Korruptes. Genau das tut er.« Jeder, der sich der Regierung widersetze werde als Verräter gebrandmarkt, so der Politiker weiter. »Und wenn es keine Anhaltspunkte mehr gibt, werden Verschwörungstheorien erfunden. Es ist ein geplantes, systematisches und geordnetes Vorgehen.«
Golan gab außerdem bekannt, dass ihm die Unterstützung von Journalisten und rechten Persönlichkeiten – auch jene, die seine politischen Ansichten nicht teilen – Mut gemacht habe. »Das ist wirklich sehr ermutigend«, sagte er. »Es bedeutet, dass wir, sobald wir eine gemeinsame normative Grundlage haben, sobald wir wissen, wie wir die Wahrheit gemeinsam anerkennen können, etwas haben, worüber wir reden können.«
Golan erinnerte sich zudem ausführlich an den Morgen des 7. Oktober. Er sei bereits um 6.15 Uhr aufgewacht und habe bemerkt, dass etwas los sei. Daraufhin habe er das Radio eingeschaltet und gewartet, bis seine Frau aufwachte. »Um acht Uhr sagte ich zu ihr: ‚Ich muss zurück zur Armee.‘ Ich ging nach oben, suchte nach meinen Armeestiefeln und fand sie. Um halb neun verließ ich das Haus.«
Yair Golan: »Ich nahm an der Lagebesprechung teil, und da begriff ich zum ersten Mal das ganze Ausmaß der Katastrophe.«
Er sei damals Kommandeur des Heimatfrontkommandos gewesen. Gegen 9 Uhr sei er im Hauptquartier angekommen. »Ich nahm an der Lagebesprechung teil, und da begriff ich zum ersten Mal das ganze Ausmaß der Katastrophe«, erklärte er.
Also habe er seine Waffe, eine Weste und einen Helm genommen, sei in seinen Privatwagen gestiegen und losgefahren. Golan erinnerte sich auch an seine Ankunft an den Kontrollpunkten. »Ich dachte, sie würden mich aufhalten. Aber alle Soldaten waren so verängstigt, dass sie mich herzlich empfingen, als sie einen hochrangigen Kommandeur sahen.«
Unterdessen wächst der Streit über die politische Deutung des 7. Oktober 2023. Im Fernsehkanal 12 behauptete eine Quelle aus Netanjahus Likud, der Premier habe eine »gezielte Kampagne zur Verbreitung von Verschwörungstheorien über den Angriff« gestartet. Es gebe ein bewusstes Bemühen, solche Gerüchte zu verbreiten, um den Premierminister »um jeden Preis« von dem Massaker zu distanzieren.
Netanjahu selbst hatte am Dienstagabend auf Instagram behauptet, IDF-Offiziere hätten ihn absichtlich nicht über den bevorstehenden Anschlag informiert, weil sie nicht wollten, dass er ihn verhindere. Allerdings stellte er auch klar, dass es kein »Verrat« gewesen sei, »sondern ein Versagen«.
Sara Netanjahu droht ihrerseits mit einer Klage
Golan fordert nun eine formelle Entschuldigung von Sara Netanjahu. Sie solle ihre Aussagen innerhalb von 24 Stunden zurücknehmen und eine Entschädigung zahlen, die den Überlebenden des Nova-Festivals zugutekommen soll, bei dem mehr als 350 meist junge Menschen von der Hamas ermordet wurden. Andernfalls droht er mit einer Verleumdungsklage über 2,5 Millionen Schekel, umgerechnet rund 720.000 Euro.
Doch Frau Netanjahu will sich nicht entschuldigen. Stattdessen ließ sie Golan durch ihren Anwalt mitteilen, seine Darstellung ihrer Aussagen sei eine Verzerrung. Außerdem warf sie ihm vor, ihre Worte bewusst falsch darzustellen, und drohte ihrerseits mit einer Klage über eine Million Schekel – wenn Golan seine Äußerungen nicht zurücknimmt und sich stattdessen bei ihr entschuldigt.
»Sie wollen das Geschehen des 7. Oktober umschreiben«, warf Golan der Regierungskoalition vor. »Um Netanjahus Verantwortung für das größte Versagen in der Geschichte des Landes zu vertuschen.«