Landwirtschaft

Von Staub zu Öl

2007 wurden zu Beginn des Projekts in Zusammenarbeit mit dem Kibbuz Revivim 50 Hektar Olivenbäume in Sde Boker gepflanzt. Bald sollen weitere zehn Hektar dazukommen. Foto: Mika Tugendhaft

Im Norden der Negev-Wüste wirkt die Landschaft auf den ersten Blick schroff und abweisend. Sand, Steine, Staub. Und doch existiert hier seit Jahrzehnten ein Kibbuz, der untrennbar mit der Idee verbunden ist, dass auch an diesem Ort etwas zum Blühen gebracht werden kann. Israels Staatsgründer David Ben Gurion zog sich regelmäßig nach Sde Boker zurück, um diesen Gedanken zu leben. Heute sind es keine großen politischen Worte mehr, die diese Idee tragen, sondern Reihen von Olivenbäumen – und ein Öl, das gerade aus der Kargheit heraus seinen eigenen Charakter entwickelt.

Im Schatten der Olivenbäume riecht es nach Erde, Wasser und nach frisch gepresstem Öl. Und nach einer Arbeit, die weniger Mythos als tägliche Präzision erfordert. »Der Kibbuz Sde Boker wurde 1952 gegründet«, erzählt Yizhar Tugendhaft, Agronom und Pflanzenwissenschaftler, der hier für den Olivenanbau verantwortlich ist. »Wir haben als Obstplantage begonnen, hauptsächlich Zitrusfrüchte, aber auch Oliven. Ich bin im Kibbuz geboren und lebe heute wieder hier. Es ist eine sehr starke Gemeinschaft, etwa 100 Familien, und wir wachsen weiter.«

50 Hektar Olivenbäume

Die Geschichte der Oliven in der Wüste ist auch eine Geschichte von Experiment und Irrtum. »2007 haben wir zusammen mit dem Kibbuz Revivim ein Projekt begonnen und 50 Hektar Olivenbäume gepflanzt«, so Tugendhaft. Am Anfang sei es sehr erfolgreich gewesen, doch die Euphorie hielt nicht. »Über die Jahre ging das Geschäft zurück. Wir haben brackiges Wasser genutzt, das in den 90er-Jahren als große Innovation für die Landwirtschaft in der Wüste galt. Nach acht bis zwölf Jahren sahen wir einen Rückgang in der Vitalität der Bäume.« Schließlich habe eine radikale Entscheidung angestanden: aufgeben oder nicht. »Es gab Diskussionen darüber, den Betrieb zu schließen und die Olivenplantagen abzuholzen – 18.000 Bäume.« Tugendhaft arbeitete damals eigentlich außerhalb des Kibbuz, beriet Bio-Bauern in ganz Israel. »Aber es war sehr anstrengend, und mein CO2-Fußabdruck war zu groß.«

Der Wendepunkt kam persönlich und beruflich zugleich: »Ich beschloss, in den Kibbuz zurückzukehren, und sagte: ›Olivenbäume zu fällen, ist unvorstellbar. Außerdem: Welche Alternativen haben wir denn?‹« Die Antwort war kein romantischer Neuanfang, sondern eine Umstellung im Detail. »Immerhin wusste ich, wie man Olivenbäume anbaut und Öl produziert, ohne Geld zu verlieren.« Und auch das Wie war für ihn eindeutig: »Der richtige Weg in der Landwirtschaft ist der biologische.«

»Wir sind im fünften Jahr und sehen, dass es für die Bäume wie eine Wiedergeburt ist.«

Yizhar Tugendhaft

Ein Schlüssel war das Wasser. »Wir haben auf Abwasser umgestellt, gereinigt und recycelt, denn ich versuche, eine Kreislaufwirtschaft zu schaffen.« Deshalb lässt er auch rund 100 Schafe zwischen den Bäumen grasen, die Unkraut und überschüssige Triebe in Schach halten, anstatt Chemikalien zu sprühen. Und das geschlossene System hat Erfolg: »Wir sind im fünften Jahr und sehen, dass es für die Bäume wie eine Wiedergeburt ist«, so Tugendhaft.

Die wissenschaftliche Seite ist für ihn immer präsent. Im Rahmen seiner Forschung hat er zum Olivenanbau in der Region geforscht, gemeinsam mit israelischen, palästinensischen und deutschen Teams. »Ich habe herausgefunden, dass Oliven stark auf ihre Umwelt reagieren, was Klima, Boden und Wasserverfügbarkeit angeht. Und daraus entstehen völlig unterschiedliche Öle.«

Einzigartiger Geschmack und lokales Aroma

Eben darin liegt für ihn die Besonderheit des Standorts Sde Boker: »Wir sind in der Wüste, aber auf etwa 500 Metern Höhe in den Hügeln des Negev. Die Temperaturen im Herbst, also in der entscheidenden Phase, sind relativ stabil. Und weil es kaum Regen gibt, müssen wir komplett bewässern. Das ist aber von Vorteil, denn mit der Wasserzufuhr kontrolliere ich auch die Qualität.« Das Ergebnis ist ein Olivenöl mit einzigartigem Geschmack und lokalem Aroma.

In der Ernte 2025 gab es fünf Sorten, und die Beschreibungen klingen wie die von teurem Wein: »Arbequina ist ein Öl mit komplexer, aber sanfter Fruchtigkeit, mit Noten reifer Früchte und floralen Anklängen. Koroneiki ist grün und stabil mit frischer Fruchtigkeit und leichter Bitterkeit, fast ohne Schärfe. Picual zeigt eine seltene Tiefe im Wüsten-Terroir, kräftig, grün, strukturiert, mit komplexem Körper. Barnea ist der israelische Ausgleich, mittel in Bitterkeit und Schärfe.« Und schließlich Coratina. »Intensiv bitter und scharf, man schmeckt Gesundheit in jedem Tropfen.«

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Trotz wissenschaftlicher Präzision bleibt die wirtschaftliche Realität schwierig. »Es gibt derzeit keine ausländischen Touristen. Lokaler Tourismus existiert zwar, aber es ist schwer, davon zu leben«, so Tugendhaft. Aber die Vision hält das nicht auf: »Wir wollen zusätzliche zehn Hektar pflanzen. Für die optimale Nutzung unserer Ressourcen.«

Und dann sagt der Agronom einen Satz, der die Idee beschreibt, dass selbst in einer kargen Landschaft etwas wachsen kann, wenn man bereit ist, genau hinzusehen, zu experimentieren und geduldig zu bleiben: »Ich versuche, den CO2-Fußabdruck so gering wie möglich zu halten. Das ist mir persönlich sehr wichtig. Aber ich sehe auch, wie der Boden gesünder wird.«

Yizhar Tugendhaftielleicht war genau das Ben Gurions Vision: eine Wüste, die nicht überwunden, sondern verstanden wird – Stein für Stein und Baum für Baum.

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