Wirtschaft

»Tropfenwunder« zu verkaufen

Grün in der Wüste: Israels berühmtes Bewässerungssystem im Moschaw Sade Nitzan im nördlichen Negev Foto: Flash 90

Ein Unternehmen, das einst half, die Wüste zum Blühen zu bringen, könnte bald den Besitzer wechseln – möglicherweise geht es nach China. Der Bewässerungspionier »Netafim« steht offenbar zum Verkauf. Was wie ein gewöhnlicher internationaler Deal wirkt, berührt in Israel empfindliche Punkte: nationale Identität, technologische Souveränität und die Frage, wem strategisches Know-how gehören sollte. Denn Netafim ist nicht irgendeine Firma. Es ist eine der größten Erfolgsgeschichten des Landes. Geboren im Kibbuz in der Negevwüste, gewachsen zur Weltmarke.

Gerade deshalb löst die Perspektive eines Verkaufs an einen chinesischen Investor weit mehr aus als nur wirtschaftliche Spekulationen. Netafim gilt als eines der prägendsten Industrieunternehmen Israels. Gegründet 1965 im Kibbuz Hatzerim, entwickelte das Unternehmen die weltweit erste kommerziell erfolgreiche Tropfbewässerung.

Baustein der israelischen Agrarentwicklung

Die Idee ging auf den Ingenieur Simcha Blass zurück, der erkannte, dass Pflanzen effizienter wachsen, wenn Wasser langsam und gezielt an die Wurzeln abgegeben wird. Was heute selbstverständlich erscheint, war damals eine Revolution, insbesondere in trockenen Regionen. Die Technologie ermöglichte Landwirtschaft unter Bedingungen, die zuvor als nahezu unmöglich galten, und wurde zu einem zentralen Baustein der israelischen Agrarentwicklung – das sogenannte Tropfenwunder.

Über Jahrzehnte entwickelte sich Netafim zum globalen Marktführer, und noch heute ist das Unternehmen in mehr als 100 Ländern aktiv. »Netafim ist immer noch das größte Bewässerungsunternehmen der Welt in dem Bereich, den es selbst geschaffen hat«, schreibt das israelische Wirtschaftsmagazin »Globes« zu den aktuellen Verkaufsverhandlungen. Gleichzeitig zeigt diese Formulierung das Dilemma: Der Markt, den Netafim einst dominierte, ist deutlich wettbewerbsintensiver geworden.

Lesen Sie auch

In den vergangenen Jahren sind starke Konkurrenten entstanden, insbesondere in Indien, China und den USA. Unternehmen wie »Jain Irrigation Systems« oder »The Toro Company« bieten vergleichbare Technologien teilweise günstiger an. Analysten sehen darin einen wichtigen Grund, warum der Mehrheitseigentümer von Netafim, der internationale Konzern »Orbia«, einen Verkauf in Erwägung zieht. »Die globale Landwirtschaft steht unter enormem Druck, produktiver und nachhaltiger zu werden, genau dort sehen wir unsere Rolle«, so Netafim-Geschäftsführer Gaby Miodownik.

Laut Berichten führt ein chinesischer Milliardär Gespräche über eine mögliche Übernahme, wobei der Unternehmenswert auf rund 1,4 Milliarden Dollar geschätzt wird. Ein Marktbeobachter erklärte allerdings dazu, dass »der endgültige Preis höher sein könnte«.

Globaler Marktführer

Für das Unternehmen selbst steht öffentlich weiterhin die Grundidee im Vordergrund. Miodownik betont: »Unsere Mission, Landwirten zu helfen, mehr mit weniger zu produzieren, war noch nie so entscheidend wie heute.« In einem weiteren Statement verwies er auf die Innovationsgeschichte des Unternehmens: »Von unseren pionierhaften Ursprüngen bis zu unserer aktuellen Rolle als globaler Marktführer verkörpert unsere Reise visionäre Innovation.«

Die Sensibilität in der Bevölkerung gegenüber der Übernahme israelischer Traditionsunternehmen durch ausländische Investoren ist nicht neu. Ein prominentes Beispiel ist der Verkauf des traditionsreichen Lebensmittelkonzerns »Tnuva« im Jahr 2014 an den chinesischen Staatskonzern »Bright Food«. Tnuva galt als Hersteller eines der symbolträchtigsten israelischen Grundnahrungsmittel, Cottage Cheese, und war tief im kollektiven Alltag verankert. Der Verkauf löste damals eine breite öffentliche Debatte über nationale Kontrolle, Lebensmittelsicherheit und wirtschaftliche Souveränität aus. Viele der damaligen Argumente tauchen jetzt wieder auf.

Zwar mag Landwirtschaftstechnologie auf den ersten Blick weniger sicherheitsrelevant als etwa Cyber- oder Rüstungsindustrie wirken, doch Experten warnen davor, sie zu unterschätzen. Denn Bewässerungssysteme sind eng mit Fragen der Ernährungssicherheit und Wasser als Ressource verbunden, allesamt Themen von geopolitischer Dimension. »Technologieunternehmen sind heute strategische Vermögenswerte eines Landes, nicht nur wirtschaftliche«, betont der israelische Investor Yossi Vardi im Hinblick auf ausländische Übernahmen von Hightech-Firmen.

Ein Verkauf würde Israel abhängiger von China und seinem Wohlwollen machen.

Hinzu kommt die symbolische Ebene. Netafim steht für eine herausragende israelische Erfolgsgeschichte: die Transformation von Wüste in produktives Agrarland durch Technologie. Ein Verkauf könnte daher auch als Zeichen gesehen werden, dass selbst ikonische Innovationsunternehmen nicht immun gegen globale Marktkräfte sind.

Dabei wäre es nicht das erste Mal, dass Netafim den Besitzer wechselt. Bereits 2018 übernahm Orbia (damals noch unter dem Namen Mexichem) die Mehrheitsanteile. Doch trotz des Verkaufs verblieben Schlüsselaktivitäten im Gründungskibbuz Hatzerim, darunter Forschung und Entwicklung sowie die Produktion – also das Know-how. Ob das so bleibt, wenn ein chinesischer Investor bei Netafim einsteigt, ist völlig offen. Neue Eigentümer können entscheiden, Investitionen stärker in andere Märkte zu verlagern, beispielsweise näher an große Wachstumsregionen in Asien. Für Israel würde sich damit die Frage stellen: Wie viel von der ursprünglichen Innovationskraft bleibt im Land, wenn die Kontrolle über das Unternehmen in China liegt?

Iran

Krieg auf Eis gelegt

Die direkte Konfrontation zwischen Israel und dem Mullah-Regime ist gestoppt. Doch die Spannungen in der Region bleiben unverändert hoch

von Sabine Brandes  11.06.2026

Knesset

Armeedienst und Torastudium sollen gleichgestellt werden

Trotz des Widerstands der Opposition und einiger Koalitionsmitglieder geht der kontroverse Gesetzesvorschlag durch die erste Lesung

von Sabine Brandes  11.06.2026

Gesellschaft

Erste Frau in IDF-Eliteeinheit Sayeret Matkal

Seit 2024 dürfen auch Frauen in die geheimnisvolle Einheit aufgenommen werden. Nun hat erstmals eine Israelin die harte Aufnahmeprüfung bestanden

von Sabine Brandes  11.06.2026

Jerusalem

Bericht: Regierung will Hunderte Millionen für 61 Siedlungen bereitstellen

Nach Informationen des Journalisten Barak Ravid will das Kabinett noch heute über einen Plan abstimmen, der die praktische Umsetzung der Projekte im Westjordanland ermöglichen würde

 11.06.2026

Meeressäuger

Pottwale vor der Küste Ashdods gesichtet

Der Fund gelingt einem Wisschenschaftlerteam, kurz bevor es seine Forschungsfahrt wegen iranischer Angriffe abbrechen muss

 11.06.2026

Berlin

Dieter Nuhr erhält den Leo-Baeck-Preis

Der Kabarettist ist mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet worden. Zentralratspräsident Josef Schuster würdigte den Kabarettisten für seinen entschiedenen Einsatz gegen Antisemitismus

von Detlef David Kauschke  10.06.2026

Leo-Baeck-Preis

»Seine Arbeit hat rettende Relevanz«

Ahmad Mansour lobte in seiner Laudatio auf Dieter Nuhr den Mut und die intellektuelle Unbestechlichkeit des Kabarettisten. Eine Dokumentation

von Ahmad Mansour  10.06.2026

Rede

»Sie beweisen Zivilcourage und folgen mit ihrem Mut dem Beispiel von Leo Baeck«

Zentralratspräsident Schuster hob bei der Vergabe des Leo-Baeck-Preises Dieter Nuhrs ebenso fairen wie kompetenten Blick auf den jüdischen Staat hervor

von Josef Schuster  10.06.2026

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  10.06.2026