Sexualisierte Gewalt

Romi Gonen: »Der Hamas-Chef schlug mir einen Deal vor«

Vor genau einem Jahr trifft Romi Gonen unmittelbar nach ihrer Freilassung aus der Geiselhaft der palästinensischen Terrororganisation Hamas ihre Mutter. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Nach ihrem erschütternden Interview über die sexualisierte Gewalt, die ihr durch die Hamas in Gaza angetan wurde, sprach die ehemalige Geisel Romi Gonen in Teil zwei ihres Interviews im israelischen Kanal 12 darüber, was danach geschah: Izz al-Din al-Haddad, heute oberster Hamas-Kommandeur in der Palästinenserenklave, habe sie gegen Ende der Waffenruhe im November 2023 angesprochen und ihr einen Deal vorgeschlagen: eine frühere Freilassung im Gegenzug für ihr Schweigen über die sexuellen Übergriffe.

Die heute 25-jährige Gonen war beim Nova-Musikfestival während des Hamas-Massakers auf den Süden Israels am 7. Oktober 2023 brutal verschleppt worden. Bei dem Angriff wurden mehr als 1200 Menschen ermordet, 251 weitere als Geiseln genommen.

Gonen wurde mehr als 15 Monate lang im Gazastreifen festgehalten, häufig verlegt und war teilweise isoliert. Im ersten Teil ihres Channel-12-Interviews, der in der vergangenen Woche ausgestrahlt wurde, berichtete sie über die sexuellen Übergriffe, von denen sich drei bereits im ersten Monat nach ihrer Entführung ereignet hätten, noch bevor sie Kontakt zu anderen Geiseln hatte.

Sie traf in den Tunneln andere weibliche Geiseln

Einer der Täter, den sie als Mohammed identifizierte, habe ihr nach dem schwersten Übergriff mit dem Tod gedroht, sollte sie jemandem davon erzählen. Kurz darauf, am 8. November 2023, sei sie aus seinem Haus in eine Zelle in den Tunneln unterhalb Gazas gebracht worden.

Emily Damari: »Ihr habt ihr das Schlimmste angetan, was man sich vorstellen kann.«

»Ich war dort 24 Stunden völlig allein«, sagte Gonen unter Tränen in dem am Donnerstag ausgestrahlten Interviewteil. »Es war eine erdrückende Stille. Ich musste damit allein klarkommen – und das ist nicht leicht.«

Später sei sie in den unterirdischen Gängen mit anderen weiblichen Geiseln gefangen gehalten worden, darunter Emily Damari, Naama Levy, Liri Albag, Agam Berger und Mia Schem. In Gesprächen mit den jungen Frauen habe sie realisiert, dass keine von ihnen vergleichbare sexuelle Übergriffe erlebt habe. »Einerseits war es eine Erleichterung, dass ihnen so etwas nicht angetan wurde, andererseits fühlte es sich zutiefst ungerecht an. Es wird mich mein Leben lang begleiten.«

Damari, die von Terroristen aus ihrem Haus im Kibbuz Kfar Aza gekidnappt worden war, nahm ebenfalls an dem Interview teil. Die beiden sind enge Freundinnen geworden. Sie berichtete, ein Hamas-Wächter habe sie gefragt, warum Gonen so viel weine, und sie habe geantwortet, »Weil Ihr ihr etwas sehr, sehr Schlimmes angetan habt«. Später präzisierte sie: »Das Schlimmste, was man sich vorstellen kann«.

Gonen erinnerte sich, dass sie am folgenden Tag mehrere Hamas-Offiziere zu den Vorfällen befragt hätten und ihr vorwarfen zu lügen. Damari habe sie unterstützt und erklärt, sie sei mit dem Tod bedroht worden. »Es fühlte sich an, als würde mir niemand glauben«, fügte Gonen hinzu.

Am 30. November 2023, dem letzten Tag der damaligen Waffenruhe, habe man ihr einen Hijab gebracht, den sie überziehen sollte. Dann sei sie in einen Kommandoraum gebracht worden, wo sie über ein Festnetztelefon mit einem hochrangigen Hamas-Kommandeur sprechen sollte. Später habe sie erkannt, dass es sich um al-Haddad, damals Kommandeur der nördlichen Gaza-Brigade der Hamas, handelte.

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»Ich dachte, ich würde jetzt getötet werden«, so die ehemalige Geisel. Das Gespräch sei auf Hebräisch geführt worden. Sie habe Haddad alles erzählt, was ihr widerfahren sei, so die junge Israelin. Der Hamas-Chef habe daraufhin erklärt, er werde nach dem Täter suchen, und ihr zugesichert, sie wegen des Erlebten ganz oben auf die Liste für eine Freilassung von Geiseln zu setzen. Gleichzeitig habe er ihr einen »Deal« vorgeschlagen: Sie solle über die sexuellen Übergriffe schweigen. »Ich habe zugestimmt«, so Gonen. »Ich wollte einfach nur nach Hause.«

Hamas-Anführer benutzte die Frauen als menschliche Schutzschilde

Nach diesem Gespräch habe Haddad sie und Damari 35 Tage lang als menschliche Schutzschilde benutzt und sie in der Nähe hochrangiger Hamas-Mitglieder untergebracht – auch während heftiger Angriffe der israelischen Armee auf den Gazastreifen.

Als Gonen, Damari und die Geisel Doron Steinbrecher zu Beginn des zweiten Waffenruhe-Geiselabkommens im Januar 2025 freigelassen wurden, sei Haddad persönlich erschienen, um sie hinauszubegleiten. Er habe Gonen dabei gesagt, er habe seinen Teil des Deals erfüllt und erwarte nun, dass sie dasselbe tue.

Die Hamas hat wiederholt Vorwürfe sexueller Gewalt in der Geiselhaft zurückgewiesen. Doch mittlerweile haben mehrere ehemalige verschleppte Menschen - Frauen und Männer - darüber berichtet, dass sie Opfer von sexualisierter Gewalt geworden seien.

Abschließend erklärte Romi Gonen, sie habe nach ihrer Freilassung bewusst geschwiegen, aus Angst, öffentliche Aussagen könnten die noch im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln gefährden. »Ich habe gewartet, bis alle, die noch lebten, zurück zu Hause waren.« Die letzten 20 lebenden Geiseln wurden am 13. Oktober 2025 freigelassen – 738 Tage nach ihrer Entführung.

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